Bis die Musik zu spielen aufhört

Goethe und Zweig hätten von unserem kleinen "Aufschwung" nicht viel gehalten.

"If one can only see value in paper currency terms then one cannot see value at all." - Another

Ich liebe dieses Zitat. Es beinhaltet alles, was man meiner Meinung nach über Gold wissen muss. Es zerschmettert die grundsätzlichste aller Fehlannahmen, die zum Thema Gold besteht. Jene, dass der "Preis" eines bestimmten Tages etwas über den "Wert" von Gold aussagt. Es erklärt im Prinzip auch, warum die Goldgemeinde in Europa/den USA so eine eigenartig nostalgische Gruppe ist.

Wer die Zukunft verstehen will, muss in die Vergangenheit schauen. Bei Gold ist das heute wahrscheinlich mehr der Fall denn je. Denn wir leben in einer Ausnahme - die "westliche Welt", wie wir sie kennen, entspricht nicht dem langfristigen "Normalzustand". Diese Aussage trifft sicherlich auf viele Bereiche zu - aber beim Geld (und beim Gold) ist sie offensichtlicher als anderswo.

Die meisten Menschen sehen das nicht. Weil sie nicht wollen, weil sie nicht können oder weil sie das Heute-ist-besser-als-gestern-und-morgen-besser-als-heute-Paradigma derart verinnerlicht haben, dass nur der "Fortschritt" zählt. Aber wenn Sie selbst so denken würden, dann wären Sie wahrscheinlich nicht hier.

Also blicken wir in die Vergangenheit, ja?

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Der Zweig-Stefan

Die Geschichte von S. Zweig

Versuchen Sie sich mal in die Zeit des "guten, alten" Goldstandards zurück zu versetzen. Wie war das in der Monarchie? Der großartige Stefan Zweig hat es in seiner Autobiographie "Die Welt von Gestern" sehr schön beschrieben. Und zwar schon in den ersten Sätzen des ersten Kapitels (das auch noch den Titel "Die Welt der Sicherheit" trägt).

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Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt. Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wußte, wie viel er besaß oder wie viel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wie viel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verlässlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wußte, wie viel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wußte man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.

- Stefan Zweig, "Die Welt von Gestern"

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Zweig schrieb diese Zeilen kurz vor seinem Tod - im brasilianischen Exil. Noch vor Veröffentlichung der Autobiographie nahm der schwer depressive Autor sich 1942 das Leben. Und wer diese ersten Zeilen des Buches liest, der ahnt schon warum. Zweig ist in dieser "Welt der Sicherheit" aufgewachsen und musste dabei zusehen, wie sie im kriegerischen Chaos des 20. Jahrhunderts unterging. Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen, konnte Zweig noch nicht mal wissen, dass zumindest die Nazi-Herrschaft ein Ende nehmen wird. Der Jude Zweig saß todunglücklich am anderen Ende der Welt.

Und hätte die Geschichte einen anderen Lauf genommen, vielleicht wäre ihm der Satz von der "Unabwandelbarkeit" der damaligen österreichischen Währung, die in "blanken Goldstücken" umlief, nie eingefallen. Der "Normalzustand" hat sich für Zweig ja auch erst zu erkennen gegeben, als er zusammengebrochen ist. Sehen sie: Für Zweig war eben diese Währung ein Fixstern in seinem Leben und Handeln vor dem Ersten Weltkrieg. Für ihn und für alle Menschen in der Monarchie.

Natürlich war der damals geltende Goldstandard aus heutiger Sicht nicht modern. Aber zumindest eines hat er garantiert: Wenn die Währung sich verschlechtert hat, dann ist es aufgefallen. Und als sie sich nach dem Krieg von Gold endgültig entkoppelt hat (sprich: als sie zusammengebrochen ist), da blieb den Menschen zumindest noch das Gold - als Basis des Wirtschaftens. Als Maßstab, als Konstante.

Aber heute?

Vieles von dem Zweig schreibt, wirkt heute ähnlich - oder? Wir haben eine (scheinbar) stabile Währung. Scheinbar feststehende Gesetze. Und dass zum Beispiel in Europa ein Krieg ausbrechen könnte, ist ja wohl wahrlich unvorstellbar. "Niemand glaubt an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame scheint bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft", möchte man fast sagen.

Und das soll jetzt auch keine Warnung sein vor einem Krieg - sehr wohl aber eine Erinnerung: Es kommt oft anders als man glaubt.

Goethe be chillin

Voltaire wusste es, Goethe auch

Fangen wir noch mal von vorne an:

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"If one can only see value in paper currency terms then one cannot see value at all." - Another

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Sehen Sie, Wert ist immer subjektiv. Egal wie viel Energie, Zeit, Liebe und Herzblut man in ein Produkt steckt- der Konsument entscheidet über den Preis, nicht der Produzent (auch wenn es so aussieht auf den ersten Blick).

Das gilt sogar für Währungen - nur dass der Blick auf diese Tatsache den Menschen gründlich verstellt ist. Zweig verstand das - nachdem er einen Währungskollaps durchstanden hatte. Die Literatur ist voller ähnlicher Zitate - dem französischen Dichter Voltaire wird folgendes zugeschrieben:

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„Papiergeld kehrt früher oder später zu seinem inneren Wert zurück - Null."

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Wollen Sie mehr? Wie wäre es mit Goethe? Am besten in der "Version" von Jens Weidmann, seines Zeichens der Chef der Deutschen Bundesbank? Klingt spannend? Ist es auch. Aus einer Weidmann-Rede vom September 2012:

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Zur Erinnerung sei hier kurz an die Geldschöpfungsszene im ersten Akt von Faust II erinnert. Mephisto, als Narr verkleidet, spricht mit dem von akuten Geldnöten geplagten Kaiser und konstatiert:

„Wo fehlt's nicht irgendwo auf dieser Welt? Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld."

Der Kaiser erwidert schließlich auf Mephistos geschickten Überredungsversuch:

„Ich habe satt das ewige Wie und Wenn; Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff' es denn."

Mephisto antwortet darauf:

„Ich schaffe, was ihr wollt, und schaffe mehr."

Er bringt den Kaiser im Trubel des nächtlichen Maskenballs dazu, eine Urkunde zu unterschreiben, die Mephisto über Nacht vervielfältigen und anschließend als Papiergeld verbreiten lässt.

Die Beteiligten sind vom anfänglichen Erfolg dieser Maßnahme ganz angetan. So verkündet der Kanzler voller Freude:

„So hört und schaut das schicksalsschwere Blatt - (gemeint ist das geschaffene Papiergeld) - das alles Weh in Wohl verwandelt hat."

Er liest: ´Zu wissen sei es jedem, der's begehrt: Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.´"

Mephisto facht die Freude noch weiter an, indem er kurze Zeit später sagt:

„ Ein solch Papier, an Gold und Perlen statt,
Ist so bequem, man weiß doch, was manhat;
Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen."

Die Beteiligten sind so beglückt über die vermeintliche Wohltat, dass sie gar nicht ahnen, dass ihnen die Entwicklung aus den Händen gleiten wird:

Zwar kann sich der Staat im Faust II in einem ersten Schritt seiner Schulden entledigen, während die private Konsumnachfrage stark steigt und einen Aufschwung befeuert. Im weiteren Verlauf artet das Treiben jedoch in Inflation aus und das Geldwesen wird infolge der rapiden Geldentwertung zerstört.

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This time it isn't different

Noch deutlicher kann ein Bundesbank-Chef wohl nicht werden, oder?

Goldkäufer werden gerne belächelt. Manche lassen sich auch verunsichern. Die Medien und die Politik betrachten die Welt eben stur durch die Papiergeldlinse - und sehen gar nicht, wie verschmiert sie ist. Dabei tun die Goldkäufer nur, was jeder vernünftige Mensch in Zeiten wie diesen tun sollte. Sie gehen auf Nummer sicher - viele instinktiv. Absolute Sicherheit kann es natürlich nicht geben. Aber wenn es eine Konstante in der Weltwirtschaft gibt, dann ist es Gold.

Glauben Sie nicht?

Sehen Sie sich diesen Chart an.

Dow in Goldjil

 

Das ist der Dow Jones Industrial Index in Gold gemessen. Haben Sie schon mal daran gedacht, einen Aktienindex in einer anderen Währung zu bewerten und sich den Kurs anzusehen? Nein? Ist eine gute Idee! Vor allem wenn es Gold ist. Da kann man bis 1900 zurückschauen - bis in die Zeit von Stefan Zweigs Jugend.

Auf diesem Chart können Sie schön sehen, wie die Aktienkurse in den 1920-ern angestiegen sind, nur um dann zu kollabieren. Sie können die Krise der 1970er-sehen, für die es bis heute im Mainstream keine wirklich schlüssige Erklärung gibt. Damals ist die Stagflation aufgetaucht (hohe Arbeitslosigkeit bei hoher Inflation).

Und Sie sehen die ganz große, aktuelle Krise - die übrigens 2000 begonnen hat, nicht 2008. Das Zipfelchen ganz rechts, das ist der "Aufschwung". Jetzt frage ich Sie: wird dieser Kurs jetzt weiter steigen bis wir ein neues Top erreicht haben - oder eher wieder fallen - und zwar tiefer als 1980?

Wer glaubt, dass er wieder fallen wird, wird nicht schlecht daran tun, sich eine Handvoll Goldmünzen zu beschaffen.

Und wer glaubt, der "Aufschwung" sei echt und kein Dead-Cat-Bounce, der kann sich zu Weihnachten ja ein paar dieser tollen US-Staatsanleihen holen, die bei den Kids jetzt so modern sind :)

Die Voltaire-Kurve des USDjil

Gold ist so etwas wie der Sessel bei dieser weltweiten "Reise nach Jerusalem", die Chinesen wissen das offenbar. Wie viel es wirklich "wert" ist, werden wir erst sehen, wenn die Musik endgültig zu spielen aufhört.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und ein glückliches 2014!