Warum (echte) Deflation um jeden Preis verhindert wird...

... und Staaten, Banken und "Reiche" von der Inflation profitieren. Ich würde wirklich sehr, sehr gerne falsch liegen. Aber der Schaden ist schon längst angerichtet.

Es ist wahrscheinlich nur auf den ersten Blick überraschend, dass derart abstrakte Konzepte wie Infla- und Deflation bei den Lesern derart emotionale Reaktionen hervorrufen. Es geht ja, abstraktes Konzept hin oder her, um unser Geld! Ich möchte mich daher auf diesem Weg für die zahlreichen Zuschriften zu meinem Artikel "Der Preis des Geldes" in der heutigen "Presse" bedanken.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Infla- und Deflation nicht im luftleeren Raum auftreten, dass sie sich abwechseln und einander bedingen - ja, dass sie auch gleichzeitig stattfinden können. Noch dazu gibt es verschiedene Formen von Infla- und Deflation. Wenn die Banken aus Unsicherheit über die Zukunft Kredite abbauen (wie es derzeig geschieht), dann nennt man das auf neudeutsch "Deleveraging" - es führt aber nicht automatisch auch zu einer "Preisdeflation".

Und schon gar nicht überall und bei allen Preisen! So sank in Spanien das generelle Preisniveau zuletzt um 0,2 Prozent. Das Problem ist nur: es gibt kein generelles Preisniveau. So etwas existiert leider nicht, es ist die Erfindung von Ökonomen und Statistikern, die im Nachhinein einen groben Durchschnitt aller Preise zu errechnen versuchen. Das mag nützlich sein um generelle Trends festzustellen, aber es verstellt den Blick aufs Wesentliche.

Ein Gedankenexperiment

Machen wir einen Ausflug in das schmucke (und fiktive) Dörfchen "Almruh". Sehen Sie, "Almruh" liegt so isoliert in einem Bergtal, dass die zuständige Zentralbank in der weit abgelegenen Hauptstadt es satt hat, die rund 950 Einwohner von "Almruh" mit Geld zu versorgen. Deshalb hat man sich zu einem Schritt entschlossen, der vormals als undenkbar galt. Die Notenbank hat ihr Privileg der Gelderzeugung an die Familie Schmidt abgegeben. Denn die Familie Schmidt ist die älteste und angesehenste Familie in Almruh.

Diese Familie Schmidt hat also vor mittlerweile drei Jahren von der Zentralbank a) die Vollmacht zur Geldschöpfung erhalten und b) eine altmodische Notenpresse zur Herstellung des "Almdollars", der neuen Währung von "Almruh". Der Umtauschkurs zur nationalen Währung des Landes (der sogenannte "Euro") war zu beginn 1:1.

Aber seither ist viel passiert. Die Familie Schmidt hat zwar keine einschlägige Erfahrung im Zentralbankgeschäft, Familienpatriarch Peppi Schmidt dürfte aber rasch nach Erhalt der Notenpresse erkannt haben: Wenn er das Dorf binnen kürzester Zeit mit "Almdollars" überschwemmt, ruiniert er nicht nur die Währung sondern auch die eigene Reputation. Peppi Schmidt hat sich deshalb Anfangs für eine strikte Geldpolitik entschieden.

Er ließ (nachdem die Dorfweite Umstellung von "Euro" auf "Almdollar" zum Kurs von 1:1 erledigt war) zuerst nur sehr, sehr wenig neues Geld drucken. Einzig seine vier Kinder und die Ehefrau erhielten ein kleines Taschengeld vom neuen Zentralbankchef des Dorfes.

Aber bald beschwerten sich die Nachbarn. Im kleinen Supermarkt begannen die Preise zu steigen. Nicht alle, nur bestimmte. Milch wurde teurer - und Brot, weil Frau Schmidt mehr davon kaufte als zuvor. Auch der Preis für Süßigkeiten erhöhte sich langsam, weil die Kinder der Familie Schmidt natürlich zugriffen. Andere Preise, wie jene für Holzkohle, veränderten sich nicht. Die Familie Schmidt heizt mit Öl.

Nach etwa einem Jahr wurde der Protest zu laut. Zumindest die engsten Freunde und Verwandten sollten jetzt auch Zugang zu frischen Geld bekommen, entschied Peppi Schmidt. Immerhin mussten sie ja auch ihre Familien ernähren und die Preise für Nahrungsmittel waren zuletzt gestiegen. Freilich verschenkte Peppi Schmidt das Geld jetzt nicht mehr, er verlieh es - und verlangte dafür einen Zins.

Dann hatte Nachbar Manfred Moser, einer der ersten Abnehmer des verzinsten Geldes, eine Idee: Warum sollte nur Zentralbankchef Schmidt Geld verleihen dürfen? Wenn Moser es sich bei Schmidt um zwei Prozent Zinsen holt und um vier Prozent weiter verleiht, dann macht er, Moser, ja einen Gewinn! Gesagt, getan - und Moser eröffnete eine Bank, die er "Moserbank" nannte.

Zumindest am Anfang nahm er auch das Ersparte von anderen Bewohnern an und zahlte einen Zins von drei Prozent. Schließlich konnte er auch dieses Geld verleihen (für vier Prozent) - und noch mehr Gewinn machen!

Jetzt hatte das System schon zwei Stufen: die Zentralbank und die Moserbank. In "Almruh" gab es jetzt fünf "Klassen" von Menschen: Peppi Schmitd, den "Währungshüter". Seine Familie, die weiterhin von einer begrenzten Menge an frisch gedrucktem Geld lebte. Und eine Reihe von Freunden und Familienmitgliedern, die zwar Zinsen zahlen mussten - sich aber trotzdem Geld direkt an der Quelle borgen konnten. Der Rest des Dorfes musste zur "Moserbank", die schnell an Popularität gewann.

Umverteilung durch Inflation

Ich werde das Gedankenexperiment hier abbrechen, weil es natürlich zu simplifizierend und holprig ist, um die Realität zu beschreiben. Aber ich hoffe, man kann die Grundaussage schon erkennen. Geld verteilt sich nicht gleichmäßig in der Wirtschaft, deswegen steigen die Preise auch nicht gleichmäßig. Die frühen Geldnutzer (in der Realtität Banken und Staaten) zahlen niedrigere Zinsen also die späten Geldnutzer (Arbeiter und Angestellte).

Erst wenn diese frühen Nutzer ihr Geld ausgeben, gelangt es in den Wirtschaftskreislauf. Und je nachdem wofür sie es ausgeben, fangen die Preise an zu steigen. Erst jetzt, da bestimmte Preise schon gestiegen sind, regen sich die Gewerkschaften und verlangen dann auf der Basis der Vergangenheit (Stichwort Inflationsrate) eine Erhöhung ihrer Löhne für die Zukunft.

Und so nützt Inflation den "Reichen". Für diese Aussage in meinem letzten Artikel habe ich Kritik erhalten, weil sie auf den ersten Blick kontraintuitiv ist. Denn Teuerung verringert ja die Kaufkraft des Geldes. Aber die schlauen "Reichen" sind dank ihrer Nähe zu Banken und Staaten eben rascher als die Teuerung - sie lösen sie erst aus! Und sind sie einmal reich, verteidigen sie sich gegen die langfristige Inflation durch den Kauf von Sachwerten wie Kunst, Immoblien und Gold.

Was ich hier versucht habe zu beschreiben ist der "Cantillon-Effekt", benannt nach Richard Cantillon, der als guter Bekannter von John Law in einer der ersten Spekulationsblasen der Geschichte (und in der anschließenden Hyperinflation) sehr reich geworden ist (weil er rechtzeitig ausgestiegen ist).

Wenn Sie bis hierher durchgehalten haben, möchte ich mich für alle logischen Fehler innerhalb meines kleinen Gedankenexperiments entschuldigen. All das ist nur meine komplizierte und verschwurbelte Art zu erklären, dass Geld sich nicht gleichmäßig im Wirtschaftskreislauf verteilt und deswegen auch die Preise nicht gleichmäßig und nicht mit der gleichen Geschwindigkeit steigen. Tatsächlich hat deshalb jeder Mensch seine eigene Inflationsrate - je nachdem, welche Produkte er nachfragt. Ich bin mir sicher, dass man sich in der nicht allzufernen Zukunft diese persönliche Inflation per App ausrechnen kann.

Warum die "Reichen" reicher werden

Aber natürlich gibt es auch so etwas wie das "Makrolevel", wo inflationäre und deflationäre Kräfte gegeneinander antreten. Ich darf mich an dieser Stelle des exzellenten "Chartbooks" von Mark Valek und Ronald Stöferle bedienen, die den Kampf zwischen den Flationen tiefgehend analysiert haben. Don't forget: Inflation ist auch immer Umverteilung von unten nach oben!

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Die Linie oben zeigt uns: in der Ära des klassischen Goldstandards (und vor der Einführung der Federal Reserve 1913) gab es a) immer wieder Deflation und b) ein ziemlich stabiles langfristiges "Preisniveau". Die untere Linie zeigt die Entwicklung der (offiziellen!) Inflationsrate seit Ende der Dollar-Gold-Bindung 1971. Und im kleinen Kreis ganz rechts (oben) sehen wir die aktuelle "Deflationsgefahr".

Wie Valek und Stöferle in ihrem hier präsentierten "Chartbook" sehr schön zeigen, befinden wir uns derzeit in einer ganz speziellen Phase des Kampfes Inflation gegen Deflation. Die Reaktion des Marktes auf die Krise war ganz eindeutig deflationär - Banken und Konsumenten haben Kredite abgebaut, währen die Zentralbanken eine echte, tiefgreifende Deflation durch die Ausweitung der Basisgeldmenge verhindert haben.

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Sehen Sie, warum der Streit darüber so heftig ist, was uns erwartet? Die Zentralbanken (hier die Fed, die wichtigste) versuchen mit allen Mitteln, eine echte Deflation zu verhindern, indem sie enorme Mengen extrem billigen Zentralbankgeldes ins System pumpen (braune Linie). Die Geschäftsbanken reduzieren gleichzeitig das Verhältnis zwischen gehaltenen Reserven zu vergebenen Krediten drastisch und verringern somit die Gesamtgeldmenge (blaue Linie).

Ich würde sehr, sehr gerne falsch liegen

Sehen wir uns noch eine Grafik an.

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Diese brutale Ausweitung der Basisgeldmenge ist es, die manchen die Angst vor der Inflation in die Augen treibt. Und trotzdem sehen wir derzeit Deflation! Denn das Basisgeld wird derzeit nicht als Grundlage für eine Kreditausweitung verwendet. Im Gegenteil: die Gesamtgeldmenge schrumpft. Haben diejenigen, die sich vor einer Inflation fürchten, also unrecht? Ich kann dazu nur sagen: hoffentlich!

Denn was wir meiner Meinung nach seit 2008 sehen, sind die verzweifelten Versuche, ein klinisch totes Geld- und Bankensystem am Leben zu erhalten. Und damit meine ich das Dollar-basierte Währungssystem, nicht etwa Papier- oder Fiat-Geld an sich, das wir sicherlich weiterhin sehen werden.

Die Injektionen von Zentralbankgeld durch die Federal Reserve ersetzen kurzfristig zwar das durch Deleveraging (Deflation) abgebaute Kreditvolumen - aber (und das ist das paradoxe), sie könnten im Falle eines Wirtschaftsaufschwungs zu einer langfristig deutlich höheren Inflation führen.

Denn wie ein Forumsteilnehmer völlig richtig festgehalten hat, ist Deflation am Ende viel schwieriger zu bekämpfen als Inflation. Echte Deflation wäre auch eine Katastrophe für die längst extrem verschuldeten Staaten - und die Kreditnehmer überhaupt. Kurz: eine Deflation wird um jeden Preis verhindert werden. Und technisch ist das kein Problem.

Ich würde wirklich sehr, sehr gerne falsch liegen mit meiner Befürchtung - und hoffe inständig, dass die verantwortlichen Peppi "Währungshüter" Schmidts dieser Welt einen Plan haben, der uns aus diesem Schlamassel ohne allzu große Verwerfungen herausführt. Aber wetten würd' ich darauf nicht.

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.