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Ministerin ohne Portefeuille

Was genau ist die Daseinsberechtigung eines Ministeriums für Familien, wenn "Familie" keinen Inhalt mehr hat?

 

Vor langer Zeit verstand man unter Familie die gesamte Hausgemeinschaft unter ihrem Oberhaupt. So zählten im alten Rom zur Familie des Pater familias auch die Sklaven und sogar das Vieh. In späteren europäischen Kulturen war Familie bisweilen synonym mit dem Clan, wurde aber ab 1850 zunehmend als bürgerliche Kleinfamilie (Eltern und ihre Kinder) verstanden.

Heute bezeichnet „Familie“ jede beliebige Zahl von zusammen- oder nicht zusammenlebenden Erwachsenen mit oder ohne leibliche und/oder angenommene Kinder. Auch Alleinlebenden will man den Status der Familie nicht mehr vorenthalten. Familie ist damit wieder so, wie sie im alten Rom war, nur ohne den Pater familias, ohne Sklaven, Vieh und oft auch die Hausgemeinschaft. Familie ist alles – bzw. nichts mehr. Ein Familienministerium ist daher heute bloß ein Ministerium für jedwedes Zusammen- und Alleinleben. Sowas tut sich natürlich schwer, vernünftige Kompetenzen zu entwickeln.

Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Familienministerin als erstes großes Vorhaben ihres neuen Ministeriums einen Runden Tisch angekündigt hat, der sich mit Änderungen bei der „Eingetragenen Partnerschaft“ beschäftigt, damit diese als Familien gelten können. Etwa indem der gemeinsame Name auf dem entsprechenden Formular künftig nicht mehr „Nachname“, sondern „Familienname“ heißt. Manche Menschen assoziieren mit Familie aber immer noch die Hervorbringung von Kindern und unterstellen dem Familienministerium, zunächst und vor allem für ein nachwuchsfreudiges Klima und gerechte Bedingungen für Eltern zuständig zu sein. Sie tun sich schwer, die Prioritätensetzung des Ministeriums nachzuvollziehen. Sie könnten etwa darauf verweisen, dass es in Österreich weniger als 4000 Personen gibt, die in eingetragenen Partnerschaften leben, aber mehr als 150.000 alleinerziehende Mütter, viele von ihnen armutsgefährdet. Und auch die 1,1 Millionen Ehepaare und Lebensgemeinschaften mit Kindern haben ihre Probleme.

Ein Familienministerium könnte seine Daseinsberechtigung natürlich auch darin sehen, dass es zwar allen hilft, aber jene Familienformen besonders fördert und propagiert, die für die Gesellschaft besonders vorteilhaft sind. Etwa die dauerhafte Ehe. Die gilt zwar als altmodisch, ist aber nachweislich im Schnitt die beste Basis für die psychologische und kognitive Entwicklung der Kinder und für die wirtschaftliche und soziale Leistungsfähigkeit der Eltern.

Solche Förderpolitik entspräche freilich einer etwas zu anspruchsvollen Liberalität. Nämlich einer, die alles zulässt, aber auf Wertungen nicht verzichtet.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2014)