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Pläne für Zukunft nach Saddam

Exil-Iraker in den USA. Verschiedenste Gruppierungen schmieden Pläne für eine Zukunft nach Saddam Hussein. Man setzt zwar Vertrauen in die US-Regierung - "aber es ist unser Land".

Dichtes arabisches Stimmengewirr, unterbrochen von häufigem Handy-Geklingel. Es ist wie eine Mischung aus Herrenklub und Studentenbude: Ein halbes Dutzend Männer sitzt um einen Tisch in einem karg möblierten Reihenhaus im Washingtoner Nobelviertel Georgetown. Sie sind über eine irakische Landkarte und jede Menge Papiere gebeugt, die Köpfe rauchen, in den Styroporbechern dampft süßer Tee. An der Wand hängt eine Irak-Flagge, die plötzlich unvermittelt auf den Boden rasselt. Ein Omen?

Jeden Abend trifft sich die Gruppe von Exilirakern, die sich vergangenen Herbst als "Iraqi National Group" formiert hat, um Pläne für eine Zukunft nach Saddam Hussein zu schmieden - und zwar bewußt ohne "Aufsicht" durch das State Department. Laut Laith Kubba (48), Bauingenieur, Begründer und Chef der Gruppe, geht es um die Frage, "wie man den Übergang zu einer neuer Regierung mit möglichst wenig Gewalt und Zerstörung organisiert und wie ein alternatives Regime aussehen soll. Die Zeit drängt." Die Aufgabe, die jetzige Regierung zu entmachten, habe jemand anderer übernommen: die USA.

Als Kubba vor einigen Monaten klar wurde, daß es Washington mit einem Regime-Wechsel im Irak wirklich ernst meinte, rief er die "National Group" ins Leben, die derzeit 80 Mitglieder zählt. "Teil des Problems ist, daß die Irakis zur Passivität erzogen worden sind. Sie erwarten, daß jemand für sie Verantwortung übernimmt wir wollen sie dazu bringen, selbst aktiv zu werden und zu entscheiden." Der größte Schaden, den Saddam Hussein dem Land zugefügt habe, bestehe in der Zersplitterung der Gesellschaft und dem Fehlen einer nationalen Politik. Wenn dieses Vakuum nicht gefüllt werde, drohe das Land zu zerfallen.

Die überparteiliche "Iraqi National Group", die Irakis aller Religionen und Ethnien offensteht, hat in den vergangenen Monaten einen 14-Punkte-Plan für eine Übergangsregierung erarbeitet. Zunächst soll eine Gruppe von allgemein respektierten Irakis ("Elder Statesmen") das Land regieren; mit der Unterstützung der UNO sollen sie eine Verfassungskommission einberufen und die Reform der Institutionen und Gerichte in die Wege leiten. Nach einem Jahr will man Wahlen abhalten. Bis die neue, frei gewählte Regierung im Amt ist, sollen jegliche Öl-Geschäfte auf Eis liegen. "Wir brauchen eine souveräne Regierung. Wenn Afghanistan es geschafft hat, können wir es zweifellos auch."

Kubba sitzt sozusagen auf gepackten Koffern. "Wenn es eine Aufgabe für mich im Irak gibt, werde ich nicht zögern, mich dieser zu stellen, obwohl ich in den USA ein angenehmes Leben führe." Der schlaksige Mann mit der großen Brille hat den Irak im Jahr 1979 Richtung London verlassen, um dort seinen Doktor zu machen. Er kehrte nie zurück. Viele seiner ehemaligen Studenten und Kollegen aus Bagdad seien von Saddam Hussein umgebracht worden.

In Washington denkt nicht nur die Bush-Administration
über den Irak nach Saddam
nach. 400.000 Iraker
in den USA tun das ebenso.

Während Kubba, dessen Frau und Kinder nach wie vor in London sind, in der Exil-Opposition aktiv war, schlugen seine Landsleute, die in der Heimat blieben, "einen anderen, viel schwierigeren Weg ein. Sie mußten durch Krieg, Sanktionen und Leid; wir anderen sind im selbstgewählten Exil gewesen. Diese prägenden Jahre haben zwei verschiedene Arten von Irakis hervorgebracht."

Auch wenn das Land die Exil-Irakis dringend brauche, müsse man "hundertprozentig sensibel vorgehen. Wir dürfen die Schwäche der Daheimgebliebenen nicht ausnützen, dürfen uns ihnen nicht aufdrängen. Das gleiche gilt in noch stärkerem Ausmaß für die amerikanische Regierung", so Kubba. "Die Iraqi National Group" ist nur eine von vielen Gruppen, die in den USA über der Zukunft des Irak brüten. Was die amerikanische Regierung plant, ist den Exil-Irakern - etwa 400.000 leben im Land - freilich noch unklar.

"Sie geben uns keine Informationen, wir geben ihnen Informationen. Wir sagen, was wir uns wünschen. Aber was sich Washington vorstellt da wissen wir auch nur soviel, wie in der Zeitung steht." Talib Al-Hamdani, Politologe aus Los Angeles, ist einer von rund 120 Exil-Irakis, die sich auf Einladung des State Department am Brainstorming-Projekt "Future of Iraq" beteiligen. In regelmäßigen Abständen treffen einander in einem Washingtoner Hotel kleine Arbeitsgruppen, um über die Zukunft des Irak zu diskutieren: über Schul- und Polizeiwesen, Korruptionsbekämpfung, Öl-Vermarktung, Verwaltung.

"Wir machen uns Sorgen, daß das Fehlen eines langfristigen, wohldurchdachten Planes für das Land die Ergebnisse eines Krieges wieder zunichte gemacht werden könnten." Bis zu einem gewissen Grad vertraut man den Amerikanern vor allem ihrer Macht, das derzeitige Regime zu stürzen. "Aber dann müssen sie sich mit dem irakischen Volk auseinandersetzen. Es ist unser Land. Wir werden für Freiheit und Demokratie kämpfen." Eine vom US-Militär geführte Übergangsregierung kommt für Al-Hamdani nicht in Frage.

Suhair Al-Mousully ist eine der wenigen aktiven Frauen in der irakischen Exil-Opposition. Die 57jährige Städteplanerin aus Boston mit den blitzgrünen Augen hat viel Knowhow im Bereich Raumplanung, Bildungswesen, Gesellschaft einzubringen. Sie will ihrem Land mit Rat und Tat zur Seite stehen, zugleich aber ihr Leben in den USA nicht ganz zurücklassen. Auch ihr Mann ist in einer der Arbeitsgruppen aktiv. Beide sind froh, daß die amerikanische Regierung sie kontaktiert hat und auf ihren Input wert legt.

Die Exil-Iraker sind freilich nicht nur gut auf die Bush-Administration zu sprechen. Zwar sind sie einerseits willkommen als Mitstreiter in der Pro-Kriegs-Argumentation, andererseits jedoch auch im Visier des FBI. Um potentielle Spione oder Sympathisanten des Regimes in Bagdad aufzuspüren und Terroranschläge zu verhindern, werden Tausende von irakischen Amerikanern genau überwacht oder zu Vernehmungen vorgeladen. Maßnahmen, die die Exilgemeinschaft verstören.

"Wir haben nichts gegen Sicherheitsmaßnahmen, aber verwahren uns gegen ethnische Diskriminierung", erklärt Taziz Al-Taee, Chef des "Iraqi American Council". Er ist derzeit gefragter Interviewpartner und gönnt sich gerade eine kurze Mittagspause in einem überfüllten Washingtoner Café. "Wenn es Leute gibt, die Saddam unterstützen, dann nicht irakische Amerikaner, denn wir waren alle seine Opfer. Wir lehnen es ab, als Gruppe herausgefischt zu werden, sind aber gern bereit, als Brücke zwischen der amerikanischen Gesellschaft und dem irakischen Volk zu fungieren Wir sind genauso loyal wie alle anderen Amerikaner und stehen an vorderster Front, um dieses Land zu verteidigen."