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Die Restitution der Ehre

In der Präsidentengruft des Wiener Zentralfriedhofs ist Kurt Waldheim also zur letzten Ruhe gebettet worden – nach einem staatlichen Begräbnis.

Nicht einem Staatsbegräbnis; man merke den Unterschied. Ist es nun Zeit, fernab aller politischen und vielfach durchaus auch negativen Kommentare (einige waren am Runden Tisch des Fernsehens pietätloserweise wenige Stunden nach dem Ableben des Staatsoberhaupts zu hören gewesen) noch einmal nachzudenken?

Dass fast alle Leserbriefe, in dieser Zeitung abgedruckt, über Waldheim nur Positives zum Ausdruck brachten, war interessant. Dass Doron Rabinovici, Jahrgang 1961, ihn im „profil“ ein „Symbol für die sogenannte Lebenslüge“ nannte, war angesichts der nicht zuletzt politischen Überzeugung des Schriftstellers verständlich. Aber wenn man schon soviel von „Restitution“ spricht: Es gibt auch eine „Restitution der Ehre“. Nicht nur Waldheims, sondern auch Österreichs.


Irgendwie denke ich freilich auch an eine Restitution der Vernunft (die ich vor allem bei Neal Sher, dem Rädelsführer des US-Einreiseverbots für Österreichs Staatsoberhaupt, vermisste). Aber jenseits aller unberechtigten oder auch berechtigten Kritik an Waldheim sind die Äußerungen von jungen Wienern von Interesse, die der „Kurier“ lobenswerter Weise veröffentlicht hat.

Der 15-jährige Lukas etwa sagte, er habe noch nie etwas von Waldheim gehört – jetzt wisse er, dass er Bundespräsident und UNO-Generalsekretär war, „eine Art Arnold Schwarzenegger“. Die 17-jährige Sonja bekannte, sie habe „in der U-Bahn von diesem Kurt Waldheim zum ersten Mal überhaupt etwas gelesen“. Ein 18-Jähriger meinte, Waldheim sei „irgendwann einmal Bundespräsident gewesen und hat, „glaube ich, noch in der UNO ein hohes Amt bekleidet, und man hat ihm vorgeworfen, ein Nazi gewesen zu sein“. Und der 15-jährige Max erinnert sich, die USA hätten gesagt, er sei ein Nazi gewesen. „Ich glaube aber, dass damals nicht alle Österreicher, die bei der Wehrmacht waren, Nazis gewesen sind.“

Nachtrag zu einem Begräbnis: Demnächst Parlamentswähler mit 16. Manche Kids haben im Geschichtsunterricht aufgepasst, manche nicht. Frage an alle: Was heißt „Nazi“?


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2007)