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Kraftkammer für traurige Kinderseelen

(c) Dagmar Bojdunyk-Rack
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Dagmar Bojdunyk-Rack . „Rainbows“ hilft Kindern in familiärer Ausnahmesituation.

Wir wollen Kinder stärken und in ihrer individuellen Situation annehmen“, umreißt Dagmar Bojdunyk-Rack das Hauptziel der Arbeit von „Rainbows“. Seit 1991 kümmert sich der Verein um Kinder und Jugendliche „in stürmischen Zeiten“, wie der das offizielle Logo ergänzende Slogan Ausnahmeereignisse wie Trennung, Scheidung der Eltern oder Tod im nahen familiären Umfeld umschreibt.

15.000 Scheidungskinder

Insgesamt 25.000 Kinder sind davon laut Schätzungen von „Rainbows“ pro Jahr in Österreich betroffen.15.000 davon sind Scheidungskinder, dazu kommen noch einmal sieben- bis zehntausend Fälle von offiziell nicht erfassten Trennungen von Elternpaaren. Tendenz angesichts der wachsenden Scheidungsraten in Österreich: steigend.

„Die Verantwortung dafür haben immer die Eltern“, stellt Bojdunyk-Rack klar. Auch wenn sich ihrer Erfahrung nach 95 Prozent der betroffenen Kinder und Jugendlichen mit schuld fühlen. „Da werden sehr oft banale Dinge zu Ursachen hochstilisiert“, weiß Bojdunyk-Rack.

Hochschaubahn der Gefühle

Auf dieser Hochschaubahn der Gefühle dem Nachwuchs Orientierung und Ordnung, Halt und Struktur zu geben, ist Ziel der Arbeit von ehrenamtlichen Mitarbeitern im Verein „Rainbows“. Geleitet wird die Bundesorganisation von Graz aus. In sämtlichen Bundesländern – bis auf Vorarlberg – existieren Landesstellen, um die sich ein Mitarbeiter-Netz in (fast) alle Bezirkshauptstädte spannt.

Zu 95 Prozent Frauen

Die Gruppenleiterinnen – der Frauenanteil der „Rainbows“-Mitarbeiter liegt bei 95 Prozent („Wir würden mehr Männer brauchen“, sagt Bojdunyk-Rack) – müssen eine psychosozialen oder pädagogischen Ausbildung mitbringen und einen eigenen „Rainbows“-Lehrgang absolvieren.

Er orientiert sich an dem Betreuungsmodell für Scheidungskinder, das die US-Amerikanerin Suzy Yehl Marta 1983 initiierte. 700 Personen haben diesen Kurs in Österreich bisher absolviert, 150 sind bei „Rainbows“ derzeit als Gruppenleiter im Einsatz.

Ein Betreuungszyklus kostet 215 Euro (in der Steiermark übernimmt die Jugendwohlfahrt die Kosten) und umfasst 14 Treffen, die wöchentlich immer am gleichen Ort und zur gleichen Zeit stattfinden. „Rainbows“ weiß, warum: „Um in turbulenten Zeiten einen Fixpunkt zu finden. Diese Ritualisierung gibt beim Übergang in eine andere Lebenssituation Sicherheit“, sagt Bojdunyk-Rack.

Bei den ersten sieben Treffen wird die aktuelle Situation der 4 bis 17-Jährigen analysiert und aufgearbeitet. Wie gehen sie mit Trauer und Angst um, mit den Kränkungen und der Wut, die der Verlust des Vertrauten zur Folge hat? Im zweiten Teil widmet man sich sieben Mal eineinhalb Stunden dem Blick in die Zukunft. Die „Rainbows“-Gruppe wird dabei zu einer Kraftkammer für die aus dem emotionalen Gleichgewicht gestoßenen Kinder.

„Keine Therapeuten“

Einzige Voraussetzung ist, dass die Reaktionen „normal“ sind und keinen pathologischen Hintergrund haben – „Wir sind ein gruppenpädagogisches, kein therapeutisches Angebot“ (Bojdunyk-Rack) – und dass die Kinder freiwillig kommen. „Sonst gibt es keine Möglichkeit, dass sie sich öffnen“, sagt Bojdunyk-Rack. In Gruppen von durchschnittlich vier Kindern wird alters- und geschlechtsabgestimmt auf die individuelle Situation eingegangen. Bei Jüngeren wird mehr Gewicht auf die kreative Arbeit (Malen) oder Bewegung gelegt, bei Älteren rückt das Gespräch in den Vordergrund; Burschen reagieren meistens extrovertiert, Mädchen ziehen sich eher zurück.

Für die Eltern wird im Laufe der 14 Wochen drei Mal eine eigene Gesprächsrunde angeboten. Erstaunlich: „Viele bekommen dabei das erste Mal nach langem wieder das Bewusstsein für ihre Aufgaben als Eltern“, weiß Bojdunyk-Rack. Denn wenn auch der gemeinsame Lebensentwurf zerplatzt, die Paarebene eingestürzt ist, bleibt die Eltern-Ebene ein Leben lang bestehen.

Den Kindern tut's gut

Es geht um das, was Bojdunyk-Rack „verantwortete Schuld“ nennt: Die Vermittlung des Wissens, dass die Trennung für alle einen kurzfristigen Schmerz bedeutet, langfristig aber für alle Beteiligten ein besseres Leben bedeutet. „Es wäre anmaßend, allen betroffenen Familien „Rainbows“ zu verordnen“, sagt Bojdunyk-Rack: „Aber den Kindern tut es sehr gut.“ Für diese Behauptung gibt es auch einen statistischen Beweis: Die Drop-out-Rate liegt bei Null.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2007)