Schnellauswahl

US-Wahlen: Die Richtungswahl der Supermacht

Barack Obama
(c) Reuters (Jason Reed )
  • Drucken

Die Europäer haben sich mit ihrer Obama-Begeisterung zu weit über den Atlantik gelehnt: Sie werden lernen müssen, dass auch Barack Obama nur ein amerikanischer Präsident ist.

Man wird in diesen Tagen diesseits des Atlantiks kaum jemanden finden, der nicht auf einen Sieg Barack Obamas bei der heutigen Wahl zum 44.Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hofft. Auch der nicht gerade als linkes Kampfblatt verschriene britische „Economist“, der schon vor vier Jahren „with a heavy heart“, also schweren Herzens, für John Kerry optiert hat, empfiehlt den Amerikanern wieder den demokratischen Kandidaten. Diesmal uneingeschränkt, aber nicht ohne Hinweis auf das hohe Risiko, das mit der Wahl Barack Obamas verbunden ist. Auch wenn die Amerikaner nicht gerade einen „Schaumschläger“ („Die Weltwoche“) wählen, sie entscheiden sich, wenn sie Obama wählen, für einen Mann, von dem sie und wir nicht wissen, wofür er wirklich steht und was von ihm an konkreter Politik zu erwarten ist.

Dass seine Wahl trotzdem hoch wahrscheinlich ist, verdankt er dem Umstand, dass er ein „Zeitenwende“-Kandidat ist. In diesem Herbst sind nicht Details von Steuer-, Bildungs- und Gesundheitsprogrammen gefragt, sondern Heilsversprechen. „Change“ und „hope“ waren die beiden großen Slogans des demokratischen Wahlkampfs, und dieser Wahlkampf hat davon gelebt, dass niemand so genau wissen wollte, was sich ändern wird, man hoffte nur, dass sich etwas ändern wird. Dem europäischen Blick auf die Vereinigten Staaten, der seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs digital codiert ist – die USA werden als Retter aus der von Hitler angerichteten europäischen Katastrophe verehrt oder als imperialistische Hegemonialmacht verteufelt –, kommt das sehr entgegen. Obama, der von Beginn an ein „anderes“ Amerika versprach, konnte bei den Europäern nur gewinnen: Ein „anderes“ Amerika ist hier immer beliebt, was immer man sich darunter auch vorzustellen hätte.

 

In „Zeitenwende“-Konstellationen finden letztendlich immer auch Abstimmungen zwischen Vergangenheit und Zukunft statt. Nicht immer gewinnt die Zukunft, aber die Vergangenheit bräuchte schon besonders gute Argumente, um sich durchzusetzen. Die hat John McCain nicht. Nicht nur, weil es ihm nicht gelungen ist, sich glaubhaft und weit genug von George W. Bush abzusetzen, sondern auch, weil ihm sichtlich die Energie fehlt, seine Erfahrung, seinen Patriotismus und seine Haltungen aus der Vergangenheit in eine glaubwürdige Zukunft zu transformieren.

Sowohl Barack Obama als auch John McCain stellen ein Risiko dar, aber wenn man sich schon zwischen zwei Risken entscheiden muss, dann wählt man jenes, das zugleich ein höheres Maß an Chancen birgt. So wie der Finanzcrash der vergangenen Monate zu einem bedeutenden Ausmaß von psychologischen Momenten zumindest verstärkt wurde, werden sich auch die Vereinigten Saaten aus der beginnenden Rezession nicht ohne einen psychologischen Ruck befreien können. Es ist einfach deutlich wahrscheinlicher, dass Obama diesen Ruck auslösen kann und nicht McCain.

Die Europäer werden spätestens mit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten im kommenden Jänner realisieren müssen, dass sie sich mit ihren Sympathien und Antipathien, mit ihren Vorlieben und Abneigungen im heute zu Ende gehenden US-Wahlkampf ein Stück zu weit über den Atlantik gelehnt haben. Denn der Präsident der Vereinigten Staaten vertritt, welcher Partei auch immer er angehört und mit welcher Mehrheit auch immer er gewählt wurde, zuallererst die amerikanischen Interessen. Das ist genau das, was ihn von seinen transatlantischen Ansprechpartnern unterscheidet: Er weiß, wen er vertritt. Barack Obama schätzt die geopolitischen Interessen der Vereinigten Staaten nicht wesentlich anders ein als John McCain. Die entscheidende Differenz besteht also darin, dass amerikanische Interessen überhaupt existieren, europäische aber nicht.

Man wird mit dem 44. Präsidenten der USA leichter und konsensualer über eine Rückkehr zum Multilateralismus reden können als mit seinem Vorgänger. Das hat allerdings weniger mit einer europa- oder UNO-freundlicheren Politik Barack Obamas zu tun als mit den Problemen des amerikanischen Bundeshaushaltes.

Die Europäer werden lernen müssen, dass auch Barack Obama nur ein amerikanischer Präsident ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2008)