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Unsere Wir-Krise

"Wir" müssen nach der Wahl zusammenhalten. Richtig. Aber haben wir noch eine Klammer, die uns zu einem "Wir" macht? Und was, bitte, heißt heute Heimat?

Wenn die Wahl geschlagen ist, wird vom Zusammenhalten die Rede sein. „Alle sollen zusammenhalten“, hat Norbert Hofer schon nach seiner Niederlage im Mai erklärt. „Heimat bedeutet zusammenzuhalten“, steht auf Alexander Van der Bellens Website. Und alle, die nun zum Zusammenhalten appellieren werden, haben recht. Nur: Um zusammenzuhalten, muss man auch zusammengehören. Tun wir das? Und wenn ja: Warum? Und wer aller sind „wir“?“

Die Frage ist nicht banal. Wenn es darüber kein breites gemeinsames Verständnis in der Gesellschaft gibt, gibt es das „Wir“ gar nicht, an den sich der Appell richtet. Sind „wir“ die Menschheit? Oder die Europäer? Oder die Österreicher? Nur die „autochthonen“ Österreicher? Oder die toleranten? Oder die weltoffenen, urbanen Eliten der Welt?

Zusammenhalten ist nur bis zu einem gewissen Punkt eine willentlich eingenommene Haltung. Zusammenhalt braucht das Bewusstsein von Gemeinschaft. Und das wird gestiftet durch gemeinsame Herkunft oder gemeinsames Ziel oder durch das Erlebnis einer tiefen inneren Übereinstimmung. Oder durch einen gemeinsamen Feind.

Die Aufbaugeneration des aus den Trümmern wiedererstandenen Österreich hatte so eine starke Gemeinsamkeit. Aber für 97 Prozent der Österreicher ist das Geschichte ohne eigene Erinnerung. „Wir“ waren nach Auschwitz jener Teil der Menschheit, der erschrocken über das mögliche Böse zum Champion der Menschenrechte wurde. „Wir“ waren einmal der Westen, geeint im Durchhalten gegen den kommunistischen Osten. „Wir“ waren vielleicht auch Europäer, aber immer irgendwie nur bis auf Weiteres.

Wir stehen heute in einer „Wir“-Krise. Das Verhältnis zum eigenen Land, eigenen Volk, eigenen Geschlecht, zur eigenen Geschichte, zur eigenen Herkunft, eigenen Religion, eigenen Weltsicht ist zum zweifelhaften Konstrukt erklärt und der Dekonstruktion unterzogen worden. Aber selbst als Christ, dessen Heimat Gott ist und dessen Familie die Menschheit, brauche ich schützende Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Die Krise des „Wir“ ist kein zukunftstauglicher Zustand.

Die Lösung besteht darin, den Unterschied von bloßem Zusammenhalten und Solidarität zu erkennen. Zusammenhalten kann ich auch gegen die anderen – aus Angst, Neid, Verachtung, dem Bedürfnis, mich über sie zu erheben. Solidarisch aber ist man aus Liebe zum Menschen, für die Menschen. Die Zukunft liegt in einer solidarischen Zusammengehörigkeit, die begrenzt und konkret ist, aber jedem Gutes will. So, aber auch nur so, ist die von beiden Seiten strapazierte „Heimat“ ein Segen.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

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(Print-Ausgabe, 04.12.2016)