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Mit wem werden Sie marschieren? Journalismus: gestern und morgen

Als „Arbeiterzeitung“ und „Weltpresse“ im sozialistischen Verlag erschienen, war die Zeitungswelt noch ganz anders.

„Werden Sie morgen mit Ihrer Sektion marschieren?“ Der Fragesteller war ein in Ehren ergrauter roter Redakteur eines neuerdings roten Blattes, genannt „Weltpresse“, die jetzt im sogenannten „österreichischen Verlag“ erschien, der unter vielen anderen Druckerzeugnissen auch etliche sozialistische herausbrachte. Es war das Gebäude des „österreichischen Verlags“ und beheimatete unter anderem auch die althergebrachte sozialistische „Arbeiterzeitung“. Sie ist genauso wie die „Weltpresse“, die indessen rein rot geworden war, in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts eingestellt worden.

Aber vorher hatte ich noch Zeit, fast zwei Jahre lang an meinem ersten Redaktionsposten zu arbeiten. Dass es einer in einer roten Zeitung war? Mir war es egal, ich wollte nur endlich eine Position erreicht haben, die zu Höherem Anlass gab. Zu Höherem? Es war nichts anderes, als fix sein. Ein fixer Posten, ein fixes Einkommen. Eines, womit ich mein Auskommen hatte.

„Die Presse“ ist 1948 neu entstanden, als Nachfolge der angesehenen „Neuen Freien Presse“. Wer in der „Presse“ arbeitete, war (so schien es mir) unter den Redakteuren (Redakteurinnen gab es damals noch nicht, demnach musste man das Gendern nicht beachten) etwas ganz Besonderes.

Und dann wurde – ich weiß nicht wieso oder aufgrund welchen Artikels – Fritz Molden, damals Eigentümer und Herausgeber der „Presse“, auf mich aufmerksam. Die „Presse“ wäre ideal gewesen als nächste Stufe, aber ich hatte es nicht gewagt, dort anzuklopfen. Fritz Molden tat es für mich. Er bezahlte zwar weniger als ich in der roten Zeitung gehabt hatte, aber ich zögerte keinen Augenblick. Es war das Beste, was einem Journalisten, kaum den ersten Zeitungsschuhen entwachsen, in diesen Jahren passieren konnte. Es war anno 1954. Als ich in Pension ging, war das dritte Jahrtausend angebrochen. Ich war noch immer bei der „Presse“ – eine Karriere, die es heute nicht mehr gibt, da relativ häufige Jobwechsel gebräuchlich sind, nicht nur bei den Medien.

Indessen hat sich vieles geändert, vor allem auch in dem Berufsfeld der Publikationen. Die Interviewtechnik ist eine andere geworden – sie gleicht vor allem, was dem Typ von Blättern wie „Der Standard“ oder der Wochenpostille „Falter“ entspricht, die von dem „Krone“-Kolumnisten Jeannée als „Bolschewistenblattl“ bezeichnet wird, einem Stil, den es, als ich zum Beruf kam, noch nicht gegeben hatte: einseitig links. Dem entspricht auch die mehrtägige Anti-Bundesheer-Kampagne in ORF-Interviews nach dem Hitzetod eines Soldaten in Horn.

Von geistiger Unabhängigkeit keine Rede. Sogar Armin Wolf, von manchen gepriesen, ist da keine Ausnahme. In jeder Frage lässt er seine Überzeugung erkennen. Für Wolf und seine Berufsgefährten und -gefährtinnen (jetzt ist es an der Zeit, den Genderwahnsinn zu praktizieren) sind Konservative jeder Art ein Horror. Links ist Trumpf, halblinks ist das Geringste, was zugestanden wird.

Als ich in der „Weltpresse“ begann, war die Journalistenwelt noch in Ordnung. Seither hat sie sich schrittweise geändert. Fragen nach dem politischen Stil sind nicht mehr üblich. Vor Übungsmärschen ist ein Blick auf das Thermometer geraten. Und auch die Gelegenheit, einen amtierenden Bundeskanzler auszupfeifen, weil er offenbar zu wenig links ist, kommt so bald nicht wieder.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.

E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2017)