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Richtig guter Sex

Warum Paul VI. ein Hippie war und seine nun 50 Jahre alte „Pillen-Enzyklika“ zum großen Vermächtnis des Jahres 1968 gehört, in dem es um Entgrenzung ging.

Konkret ist es nämlich so: Im Zeugungsakt gibt es eine Phase von göttlicher Erhabenheit. Sie beginnt, nachdem die Menschen ihr Werk getan haben. Dann starten die Spermien ihre geheimnisvolle Reise zum Eileiter, von der die Wissenschaft heute noch nicht genau sagen kann, wodurch sie gesteuert wird. Oder sie starten sie auch nicht. Und dann verbinden sie sich in einer komplizierten Wirkungskette mit dem Ei zum Größten, das es gibt: einem neuen Menschen. Oder auch nicht. Es ist letztlich nicht der Mensch, der zeugt. Diese Phase ist von ihm nicht steuerbar, sie liegt in anderen Händen.

Ein religiöser Mensch kann leicht zum Schluss kommen, dass hier ein hoheitlicher Moment Gottes ist. Dass der Sexualakt in seinem Wesen also einen menschlichen und einen göttlichen Teil hat. Und es liegt auf der Hand, dass es für einen gottesfürchtigen Menschen nicht die klügste Option sein kann zu sagen: „Weißt du was, lieber Gott? Wir lassen beim Sex deinen Teil am besten völlig weg.“ Das ist, was Verhütungsmittel tun, und dagegen wendet sich die Enzyklika „Humanae vitae“ von Papst Paul VI., die am Mittwoch 50 Jahre alt wird.

Es ist klar, dass einem modernen Menschen ohne Gottesbeziehung diese Diskussion fremd ist. Ihm ist Sex an sich schon etwas Göttliches – warum sollte er nur eine göttliche Komponente haben? Noch dazu eine, die erklären würde, warum Sex nur in der Ehe, und zwar der von Mann und Frau, seine eigentliche Tiefe findet. Und warum Sex ursächlich mit Liebe und Verantwortung zu tun hat.

Und trotzdem passte die „Pillen-Enzyklika“ perfekt ins 68er-Jahr. Paul VI. hat sich damit unter die Hippies eingereiht. Überall hatte man damals die Sehnsucht nach dem Höheren, Größeren, der großen Aufgabe, der dritten Dimension entdeckt, die es hinter der Plattheit bürgerlichen Erwerbsstrebens doch geben müsste. Man entdeckte den Weltfrieden und die Mutter Erde und hoffte, hinter dem engen Bewusstsein noch ein weiteres zu entdecken. Und wenn die Mittel auch untauglich waren, so waren die Räume, nach denen man sich ausgestreckt hat, doch groß und verheißend und sinnerfüllend.

Und der Papst hat damals festgehalten, dass auch der Sex eine dritte Dimension haben soll, die über die doch selbstbezogen bleibende lustvolle Intimität hinausgeht und in der man ans Ewige, ans Göttliche anknüpft. Er hat der Entgrenzung im Sex das Wort gesprochen – nicht bezüglich Zahl und Wahl der Partner, sondern der Entgrenzung hin zu Gott. 1968 hat er damit ein Thema der Zeit genau getroffen: Was ist richtig guter Sex?

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2018)