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Culture Clash

Gefährlicher Unsinn

Medizinische Falschinformationen im Web können Leben kosten. Selbstzensur der Social-Media-Kanäle ist als Therapie aber gefährlich, daher falsch.

Letztens habe ich hier dafür plädiert, in der neuen Normalität unser politisches und ökonomisches System nicht radikal anders, sondern bloß besser zu machen. Das könnte jetzt die Einführung einer CO2-Steuer sein, wie sie der britische „Economist“ vorschlägt. Eine Verschlechterung scheint mir hingegen zu sein, was der Aufruf einer internationalen Ärzteplattform will, der auch der deutsche Star-Virologe Christian Drosten angehört.

Die Ärzte fordern „die Technologieunternehmen“ – Facebook, YouTube etc. – auf, die „Flut an medizinischen Fehlinformationen“ zu stoppen. Es reiche nicht, beanstandete Inhalte zu löschen und der WHO gratis Platz zur Verfügung zu stellen. Es genüge auch nicht, nach einem Faktencheck haltlose Beiträge zu kennzeichnen – man müsse „jede einzelne Person“, die davor einen solchen Beitrag gesehen hat, nachträglich warnen. Zudem sollten die Algorithmen so gestaltet sein, dass die Leute zuerst nicht die Postings finden, die sie suchen, sondern jene, die ihre Gesundheit nicht gefährden.

Der Aufruf wirft mehr Fragen auf, als hier behandelt werden können. Eine der wichtigsten: Was ist mit dem Unsinn von heute, der morgen Standard sein wird? Ich denke daran, wie Semmelweis von den Experten seiner Zeit fertiggemacht wurde. Oder dass bis ins 19. Jahrhundert die Miasmatiker (die an Ausdünstungen glaubten, die Epidemien verursachen) die Minderheitsmeinung der Kontagionisten verfolgt haben (die von unsichtbaren krankheitsübertragenden Kleinorganismen gefaselt haben). Oder dass man heute in vielen Fällen Patienten rasch aus dem Bett holt, in denen das vor Kurzem noch als gefährlich gegolten hat.

Wer gewerbsmäßig mit gefährlichem Blödsinn Geld verdienen will, sollte daran gehindert werden. Aber sonst ist das Unterdrücken von Ansichten auf globalen Wirtshaustischen wie Facebook oder YouTube falsch. Genau dort gehören auch die dümmsten Theorien hin, denn dort können sie kommentiert, abgelehnt, verlacht und falsifiziert werden.

Wer nicht ein paar Plattformen mit einer Vielfalt von Positionen in Kauf nimmt, der wird eine Vielfalt von Plattformen bekommen, die jeweils nur ein, zwei Positionen bedienen – und wo Ärztekomitees und die WHO viel schwerer Falschmeldungen aufspüren und kontern können. Man müsste also gleich das ganze Internet sauber halten. Und sinnvollerweise nicht nur von medizinischen, sondern von allen gefährlichen Falschinformationen. Dafür bräuchte es nur eine Superbehörde, die festlegt und ahndet, was gefährlich und was falsch ist. Ein „Wahrheitsministerium“ halt.

Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/cultureclash

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2020)