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Kolumne zum Tag

Die Einzelne isst dann alle Kekse auf

(c) imago images/Cavan Images
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Es türmen sich Bleche mit Keksen. Wohin damit, wenn man in der Weihnachtszeit kaum jemanden treffen wird?

Der zweite Lockdown fühlt sich anders an als der erste. Draußen lockt kein Frühling und kein Blühen, und dem Einigeln steht keine Aufbruchsstimmung im Weg. Wir sind ohnehin alle recht müde. Es ist gut, teilweise auf Bewährtes zurückzugreifen, statt die Welt daheim neu ordnen zu müssen wie bei der ersten Runde.

Online klappt alles wie am Schnürchen, das Netz hält, nun können alle gleichzeitig Besprechungen abhalten, worüber auch immer geredet wird. Der Unterschied zur Zoomerei im Frühling ist, dass die Freude am Stimmengewirr Ärger gewichen ist, stumm ist die neue Devise, und das raue „Halt die Klappe“ im Schulalltag ist einem „Mute dich doch“ gewichen. Sogar die Lehrer kann man stumm schalten, was den Online-Unterricht gleich noch einmal spannender macht.

Im beruflichen Kontext ist schon länger Stille angesagt, kein Kauen, Tippen, Husten (ja nicht!) ist mehr zu hören, und die knirschenden Schritte des auf Kieswegen herumwandernden Kollegen sind dem Nichts gewichen. Dabei hatte man da immer Annie Lennox mit „Walking on Broken Glass“ im Ohr. Nun ist es eher „The Sound of Silence“.

Da man dank der Videogespräche in viele fremde Wohnungen hineinlinsen kann, ist die befreiende Erkenntnis, dass auch dort nur mit Wasser gekocht wird. Man hört einen Staubsauger im Hintergrund, und irgendwer irrlichtert nur mit Unterhosen bekleidet durch das Bild, um entsetzt zu fliehen. Die Distanz bringt uns einander näher, so paradox das klingen mag. Den Schein zu wahren ist anstrengend. Auch anderswo liegt der Lurch.

Selbstoptimierung wie beim letzten Mal wird gar nicht einmal angedacht. Dafür ist die Zeit viel zu kurz. Wer damals kein Brot gebacken hat, backt auch diesmal keines. Dafür türmen sich Bleche mit Keksen. Wohin damit, wenn man in der Weihnachtszeit kaum jemanden treffen wird? Die Einzelne, die diese Kekse isst, bin dann immer wieder ich, hintereinander meinetwegen.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2020)