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Bundesheer rüstet sich für Blackout

Beim Bundesheer laufen die Vorbereitungen für einen Blackout auf Hochtouren.
Beim Bundesheer laufen die Vorbereitungen für einen Blackout auf Hochtouren.(c) Rene Auer
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Bis 2025 werden die wichtigsten militärischen Liegenschaften, Kommandogebäude und Kasernen so adaptiert, dass die Versorgungsunabhängigkeit der Truppe für zumindest zwei Wochen gewährleistet ist

„Rien ne va plus“ heißt es, wenn es zu einem überregionalen und längerfristigen Totalausfall der Stromversorgung kommt. Die Folgen eines sogenannten Blackouts sind weitreichender, als man es sich gemeinhin vorstellen kann. Je länger der Strom ausbleibt, umso umfangreicher sind Infrastruktur und Versorgung betroffen.

Kontrollverlust

Binnen kürzester Zeit werden ausfallende Ampelsysteme für ein Verkehrschaos auf den Straßen sorgen. Tausende Personen sitzen in U-Bahnen und Zügen, in Fahrstühlen, auf Sesselliften oder in Bergbahnen fest. Je nach Jahreszeit müssen Millionen von Menschen ohne Heizung oder kühlende Klimaanlage auskommen, in ihren Wohnungen wie an den Arbeitsplätzen. Zu einem großen Problem kommt es in Sachen Kommunikation: Denn ohne Strom fallen sowohl das Festnetzinternet als auch das Mobilfunknetz binnen weniger Stunden aus. Schwerwiegende Folgen hat die einsetzende Unterbrechung bei der Lebensmittel- und Medikamentenversorgung. Supermärkte und Apotheken können nicht mehr öffnen, Bankomatbezahlsysteme geben ihren Dienst auf. In Krankenhäusern und Atomkraftwerken laufen noch wenige Tage Notstromaggregate. Ist diese Energieversorgung erschöpft, sind die Folgen kaum absehbar. Auch die Hygienelage – Stichwort Abwassersysteme – wird in kürzester Zeit prekär, weil bei einem flächendeckenden Stromausfall bald kein Wasser mehr in den Leitungen fließt.

Im Zuge des Plans, innerhalb von fünf Jahren die Autarkie von landesweit 100 militärischen Einrichtungen zu stärken, werden Funkeinrichtungen installiert, Kasernen mit Notstromanlagen ausgestattet.
Im Zuge des Plans, innerhalb von fünf Jahren die Autarkie von landesweit 100 militärischen Einrichtungen zu stärken, werden Funkeinrichtungen installiert, Kasernen mit Notstromanlagen ausgestattet.(c) Rene Auer

Dauert die Phase von Dunkelheit und Unsicherheit länger an, müsse man sich zudem auf einen generellen Kontrollverlust gefasst machen, wie Generalmajor Bruno Hofbauer, Leiter der Direktion Fähigkeiten und Grundsatzplanung im Generalstab des Bundesheeres, erklärt: „Die Erfahrung am Beispiel der Ereignisse rund um den Hurrikan Katrina im Jahr 2005 in den USA zeigt, dass sich schon nach wenigen Tagen das Recht des Stärkeren durchsetzen wird und es zu einem starken Anstieg von kriminellen Handlungen kommt.“ Alles in allem sei spätestens nach einer Woche Blackout mit der gesundheitlichen Schädigung vieler Menschen zu rechnen.

Wahrscheinlichkeit: Sehr hoch

Was nach einem surrealen Alptraum klingt, ist laut den Experten des Bundesheeres ein unvermeidliches Szenario. In der Sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2020 wird die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Blackouts innerhalb der nächsten fünf Jahre mit 100 Prozent angegeben. Die möglichen Ursachen dafür sind vielfältiger Natur. Sturm oder andere Großwetterereignisse, die Hochspannungsleitungen beschädigen, sind ebenso potentielle Auslöser eines Blackouts wie terroristische Attacken, Hackerangriffe, technische Gebrechen oder ein hybrid geführter umfangreicher Angriff auf Europa. Einen Beitrag zur Fragilität des Systems leistet auch die zunehmend dezentrale Stromerzeugung und -verteilung. War das System früher von konventioneller, zentralisierter und fossiler Energieproduktion geprägt, so speisen heute zigtausende Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen ihre volatilen Energiemengen ins Netz.

Die Aufgabe der Systemmanager, die notwendige Balance zwischen Stromverbrauch und -produktion zu halten, wird dadurch massiv erschwert. Das schwächt die Systemstabilität und erhöht die Wahrscheinlichkeit großflächiger Stromausfälle. Wie sehr man sich beispielsweise in Österreich einem solchen Szenario bereits genähert hat, zeigte sich zuletzt am 9. Jänner 2021: Als es infolge einer Störung im rumänischen Stromnetz zu einer massiven Unterdeckung und zu einem Frequenzeinbruch in ganz Mitteleuropa kam, konnte nur durch die unverzügliche Abschaltung von Großverbrauchern im europäischen Stromnetz ein Blackout-Szenario verhindert werden.

Autarke Kasernen

„Unser Fazit kann nur sein, dass wir uns verstärkt und bestmöglich auf ein Blackout vorbereiten müssen“, sagt Generalmajor Hofbauer. „Wir werden im Fall des Falles zur Assistenz angefordert werden, die wir aber nur leisten können, wenn wir selbst bereits jetzt dafür die notwendigen Vorkehrungen treffen und die Weichen richtig stellen – und genau das tun wir gerade.“ Der erste Schritt, um die Truppe in derartigen Extremsituationen handlungsfähig zu halten, ist es laut Hofbauer, die Autarkie der Kasernen zu stärken. In den nächsten fünf Jahren werden die wichtigsten militärischen Liegenschaften, Kommandogebäude und Kasernen so adaptiert, dass die Versorgungsunabhängigkeit der Truppe für zumindest zwei Wochen gewährleistet ist.

Mit der Realisierung der Maßnahmen wurde bereits Anfang 2021 begonnen. Bis Ende 2022 werden 27 Liegenschaften über die erforderliche Kasernenautarkie verfügen. Mit Ende 2025 sollen dann alle wichtigen Liegenschaften versorgungsunabhängig sein und damit die Sicherstellung und den Erhalt der eigenen militärischen Handlungsfähigkeit im Krisen- und Katastrophenfall garantieren.

Lösungen für die Versorgung

Autarkie bedeutet konkret, eine unabhängige elektrische Energie-, Wärme-, Wasser-, Kraftstoff-, Verpflegungs- und Sanitätsversorgung herzustellen. Für die elektrische Energieversorgung werden die Kasernen mit leistungsfähigen Notstromanlagen und Synchronisierungsanlagen ausgestattet. Zur Unterstützung der autarken elektrischen Energie- und Wärmeversorgung ist die Verwendung und Errichtung von Photovoltaikanlagen, thermischen Solaranlagen, Biogasheizwerken und Klein-Windkraftanlagen beabsichtigt. Eine wirtschaftliche Lösung stellen Biomasseheizwerke mit angeschlossener Kraft-Wärme-Kopplung dar. Vor allem an Standorten in der Nähe von Übungsplätzen kann die Biomasse- oder Hackguterzeugung direkt vor Ort und im eigenen Bereich erfolgen. Mit einem internen Kasernenfernwärmenetz lassen sich so vom Blockheizkraftwerk ausgehend alle Objekte mit Energie versorgen.

Für die Wasserversorgung werden die vorhandenen Liegenschaftsbrunnen so weit instandgehalten und laufend nach den geltenden Hygienebestimmungen überprüft. Bei Ausfall der Trinkwasserversorgung aus dem öffentlichen Netz können so die für die Liegenschaft erforderlichen Wassermengen entnommen werden. Darüber hinaus sind die vorhandenen Wasserwerke des Bundesheeres in die Notstromversorgung eingebunden, um bei Engpässen die Wasserversorgung sicherstellen zu können.

Für eine autarke Verpflegungsversorgung werden einerseits lang haltbare Spezialverpflegung ähnlich der zivilen Outdoor-Verpflegung und andererseits verschiedene Dosenprodukte und länger haltbare Lebensmittel angekauft. Sie werden in den Liegenschaften direkt bei den eigenen Truppen-, Finalisierungs- oder Regionalküchen eingelagert, zubereitet und ausgegeben. Zusätzliche Kapazitäten für die Lagerung der großen Mengen an Lebensmittel werden mit Adaptierungen von bestehenden Lagerräumen oder mit zur Lagerung von Lebensmitteln notwendigen klimatisierten zusätzlichen Lagercontainern ausgeglichen.

Sicherheitsinseln

Aufbauend auf die Kasernenautarkie werden in einem zweiten Schritt zwölf Kasernen in den Bundesländern zu Sicherheitsinseln ausgebaut und zusätzlich weitere elf Kasernen als Back-up vorbereitet.

Für den Ernstfall wird beim Bundesheer regelmäßig geübt.
Für den Ernstfall wird beim Bundesheer regelmäßig geübt(c) Pusch

Sie bilden geschützte logistische Basen, in denen sich beispielsweise Polizei, Rettung oder Feuerwehr versorgen können. Für die geordnete Versorgung der umliegenden Bevölkerung im Notfall können durch Rettungsorganisationen geschützte Umschlag- und Verteilungspunkte für Hilfsgüter je nach Größe der Kaserne eingerichtet werden.
Die Sicherheitsinsel soll auch als zivile Anlaufstelle zur Krisenkommunikation für die umliegende Bevölkerung dienen, um gesicherte und verlässliche Informationen über Maßnahmen zur Krisenbewältigung zu erhalten. Die Sicherheitsinseln befinden sich daher vor ­allem in und in der Nähe von ­Ballungszentren oder größeren Städten.

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