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Multikulti oder Assimilation? Europas Identität ist gefragt

Angst vor dem Fremden. Die Integrationsdebatte muss angstfrei und offener werden. Lippenbekenntnisse zur „europäischen Leitkultur“ reichen nicht aus.

Identitätsdebatten entstehen in Umbruchzeiten. Die muslimische Bevölkerung nimmt zu, und viele „Alteingesessene“ beharren auf dem gewohnten Gesicht Europas mit Berufung auf das „christliche Abendland“. Andere empfinden dieses Wort als mindestens altmodisch und verwenden es allenfalls noch ironisch. Eine Münze ohne Wert, meinen sie.

„Wenn eine Kultur spürt, dass es mit ihr zu Ende geht, lässt sie den Priester rufen“, spottete Karl Kraus. Gibt es eine „Identität“ Europas? Müssen sich kulturell anders geprägte Zuwanderer assimilieren, wie etwa der deutsche Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) fordert?

Ausgerechnet im uralten Wanderungskontinent Europa herrscht Angst vor dem „Fremden“. Für Demagogen ein fruchtbares Feld. Doch kann man die Versäumnisse der Integrationspolitik dadurch verschwinden lassen, dass man die Probleme einfach „Demagogen und Rechtspopulisten“ in die Schuhe schiebt?

 

Eine Bring- und eine Holschuld

Dieser Weg führt nicht weiter. Es gibt in Europa tatsächlich die lange Zeit verharmlosten Missstände: Parallelgesellschaften oder gar Ghettos, wenig Sprachkenntnisse, schlechte Schulabschlüsse, Zwangsehen, Unterdrückung oder Rollenfixierung muslimischer Frauen. Das alles betrifft nur eine Minderheit zugewanderter Muslime. „Zehn bis 15Prozent sind integrationsunwillig“, sagt der deutsche Innenminister Thomas de Maizière. Pessimistischer sehen das verunsicherte Österreicher.

Wie gelingt Integration besser: Multikulti oder Assimilation? Der letztgenannte Begriff ist belastet. Ist er auch durchgehend falsch? Integration ist in erster Linie eine Bringschuld der Zuwanderer. Integration ist aber auch eine Holschuld der „Autochthonen“. Die aufnehmende Gesellschaft muss nicht nur die Eingliederung fördern (Sprache, Bildung, Beschäftigung usw.). Sie muss darüber hinaus jene „europäische Leitkultur“ (Bassam Tibi), deren Annahme sie fordert, selbst halbwegs glaubwürdig leben.

Nun erscheint die heute dominierende Angst vor dem „Fremden“ gerade als Ausdruck dafür, sich des „Eigenen“ der europäischen Wertematrix nicht mehr sicher zu sein. Floskelhaft wird von „christlich-jüdischen Wurzeln“ und der humanistischen Aufklärung gesprochen. Andere, wie Bundespräsident Christian Wulff in Berlin, prägen die schillernde Formel, der Islam sei unzweifelhaft ein Teil Deutschlands (geworden). Das hat Wulff den Beifall der liberalen Feuilletons eingebracht. Dagegen murren Konservative.

Was uns als Europäer konstituiert, wissen viele nur mehr in Bruchstücken zu sagen. Doch wenn wir zufällig – sagen wir: im tiefen Afrika oder Asien – auf andere Europäer stoßen, empfinden wir unser Europäertum plötzlich als Klammer. Diese Klammer wird nicht stärker, wenn wir die Wunschformel „Merry Christmas!“ durch verdünnte „Season's Greetings“ ersetzen; wenn christliche Symbole aus der Öffentlichkeit weithin verschwinden sollen; wenn Geldinstitute auf Geschenke wie Sparschweine verzichten, um Muslime nicht zu verärgern. Für all das trifft Henryk Broders spöttischer Buchtitel zu: „Hurra, wir kapitulieren!“.

 

Europa ist keine Transithalle

Ein Europa, das sich in der Globalisierung auch geistig behaupten will, kann sich nicht als eine Art Transithalle verstehen. Es muss die eigenen Fundamente bewahren. Dazu zählt die jüdische Unterscheidung des moralisch Guten und Bösen. Der Utilitarismus unserer Tage ist der Rückfall in eine Selbstbezüglichkeit, die nicht bestehen kann.

Aus dem alten Griechenland stammt die Entdeckung der Freiheit des Einzelnen als konstitutives Merkmal Europas im Gegensatz zur Machtwelt orientalischer Despotien. Roms Erbteils ist der an der Gerechtigkeit orientierte Begriff des Rechts in einer staatlichen Ordnung gleichberechtigter Bürger.

Zu Europa gehören Aufklärungsvernunft und Reflexion, aber auch die Sehnsucht nach dem Absoluten, wenngleich heute meist in Metamorphosen eines naturwissenschaftlich induzierten Relativismus. Kann man solche Widersprüchlichkeiten eine „Identität“ Europas nennen? Ja, denn es handelt sich um ein geschichtlich gewachsenes Ensemble kategorialer Grundeinstellungen. Jede Einzelne von ihnen zu eliminieren hieße, die Idee Europas selbst zu verstümmeln.

 

Der Mensch als Ebenbild Gottes

Die Wertematrix Europas kulminiert im Begriff der Person mit unantastbarer Würde. Für die einen stammt diese Sicht aus dem „Enlightment“, konkret: der „Bill of Rights“ (1776) bzw. der Menschenrechtserklärung der Französischen Revolution. Andere, wie der Soziologe Hans Jonas, sprechen vom „Ergebnis eines Sakralisierungsprozesses“ aus unterschiedlichsten Quellen, das heißt von einer schrittweisen Institutionalisierung des Gedankens der Menschenrechte.

Für den Autor ist die jüdisch-christliche Auffassung vom Menschen als Ebenbild Gottes entscheidend – und das, obwohl die Kirche zu ihrem daraus abgeleiteten Verständnis der Menschenrechte endgültig erst 1965 im Konzil fand. In der jüdisch-christlichen Personauffassung kann der Mensch sogar mit seinem Gott streiten und hadern, während „Islam“ die vollständige Ergebung in den Willen Gottes bedeutet. Die Menschenrechtsauffassung der islamischen Scharia ist nicht die Europas.

In der jüngeren Vergangenheit wurde „Multikulti“ oft mit Freiheit verwechselt. „Multikulti ist gescheitert“, sagt Kanzlerin Angela Merkel. Gescheitert? Multikulti ist Alltagsrealität! Sie wird – auch global – weiter zunehmen. Was Merkel für tot erklärte, war die Ideologie des einstigen Multikultikonzepts. Dessen Grundannahme hieß: Wenn man die kulturellen und wertmäßigen Differenzen einebne, die sowieso nur Konstrukte seien, dann sei eine friedlichere Welt programmiert.

Doch so wie Beliebigkeit nicht Toleranz erzeugt, so ein buntscheckiges Nebeneinander nicht Konfliktlosigkeit. Denn eine Entkernung des „Eigenen“ führt zur Identitätslosigkeit. Für das menschliche Zusammenleben bedeutet das nicht weniger Probleme, im Gegenteil. Wer dem anderen den Anspruch auf Distinktion abspricht, verweigert ihm den Respekt als Person.

 

Lippenbekenntnisse sind zu wenig

Die Weltanschauungs- und Religionsfreiheit ernst zu nehmen bedeutet freilich nicht, die Grundwerte Europas missachten zu dürfen. Wenn der türkische Ministerpräsident Erdoğan die Assimilation ein „Verbrechen“ nennt, weiß er nicht, was er sagt. Oder er weiß es, dann ist er für Europa gefährlich.

Die Annahme der europäischen Grundwerte führt implizit zu einer „Assimilation“, die weit tiefer reicht als der übliche Begriff der Angleichung im Äußerlichen.

Für Immigranten, die Europa als neue Heimat erwählen, reicht die alte Spruchweisheit „Ubi bene, ibi patria“ auf Dauer nicht aus. Bloße Lippenbekenntnisse zu Demokratie und Rechtsstaat, Menschenrechten und Frauengleichstellung wären zu wenig. Ohne vorbehaltlose Anerkennung der europäischen Leitkultur wird es nicht gehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2011)