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Der Trend zum Pflegekind: Immer mehr trauen sich

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Die Alternative zur Adoption wird zunehmend populär. 2010 wurden 193 Kinder aus Wien bei Pflegefamilien untergebracht. Immer mehr Bewerber orientieren sich in Richtung Pflegekind.

Es gibt zwei Gründe, warum das Ausscheiden eines Paares aus dem Adoptionsvorbereitungskurs begeistert gefeiert wird. Der eine ist eine überraschende Schwangerschaft (kommt nicht allzu oft vor). Der andere ist, dass die künftigen Eltern nach dem ersten Modul des Kurses beschließen, einen anderen Weg einzuschlagen – und Pflegeeltern zu werden. Und das passiert mittlerweile gar nicht so selten. „Immer mehr Adoptivwerber orientieren sich in Richtung Pflegekind“, sagt Leonie Coufal vom Referat für Adoptiv- und Pflegekinder (Rap) der Stadt Wien. „Allerdings nicht mit der Aussicht auf Adoption. Möglich ist das zwar. De facto sind die Fälle, in denen es geklappt hat, aber an den Fingern einer Hand abzuzählen.“

Der wichtigste Unterschied zwischen Adoptiv- und Pflegekindern ist, dass im ersten Fall – wenn einmal alle rechtlichen Schritte erledigt sind – sozusagen nichts mehr passieren kann. Das Kind ist einem leiblichen Kind gleichgestellt. Dieser juristische Vorgang dauert rund ein Jahr. Beim Pflegekind hingegen bleiben Unschärfen. Zwar geht der Großteil der Obsorge an die Pflegeeltern über, für grundsätzliche Änderungen wie die des Nachnamens braucht es aber die Zustimmung der leiblichen Eltern. Diese bleiben außerdem, wie bei einer Scheidung, unterhaltspflichtig. Nachdem sie aber oft kein Geld haben, springt in Wien die Stadt ein und zahlt „Pflegeelterngeld“.

Pflegeeltern können sich auch anstellen lassen. „Für's Muttersein wird niemand bezahlt“, sagt Margot Zappe vom Verein „Eltern für Kinder Österreich“. „Da geht es um eine Abgeltung des Mehraufwands durch Supervision, Fortbildung und Biografiearbeit. Die Anstellung liegt einen Euro über der Geringfügigkeitsgrenze, ein anderes Dienstverhältnis bis zu 30 Stunden kann daneben ausgeübt werden.“ Im Gegensatz zu Adoptiveltern haben Pflegeeltern keinen Rechtsanspruch auf Karenzierung. Auch hier ging jetzt die Stadt Wien mit gutem Beispiel voran. Ihre Angestellten können sich seit Kurzem arbeitsrechtlich karenzieren lassen, wenn sie ein Pflegekind aufnehmen.

Buntes Patchwork.
Damit folgt Wien seinem eigenen Appell. Seit einiger Zeit werden nämlich offensiv Pflegeeltern gesucht. Wie groß der Bedarf hier im Vergleich zum „Angebot“ bei Adoptivkindern ist, zeigen die Zahlen: „2010 wurden 193 Kinder in Pflegefamilien untergebracht“, sagt MA-11-Sprecherin Herta Staffa. Demgegenüber stehen nur 25 Kinder, die 2010 in Wien via Inlandsadoption neue Eltern fanden. Nicht selten ist hingegen der Fall, dass ein Paar, das bereits ein Kind adoptiert hat, danach noch ein Pflegekind aufnimmt. Ziel der Stadt Wien ist es, für alle betroffenen Kinder bis zum Schuleintrittsalter neue Familien zu finden.

Wenn sich ein Paar doch nicht traut, gibt es dafür meist zwei Gründe. Zum einen verbinden viele mit einem Pflegekind ein nur temporäres Verhältnis, obwohl das Kind so gut wie nie zu seinen leiblichen Eltern zurückkommt. Zum anderen scheuen viele vor dem emotionalen Gepäck zurück, das ein Pflegekind mitbringen kann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2011)

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