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Die Pest, die Genusssucht und der Aufschwung

Pest Genusssucht Aufschwung
(c) AP (Kirsten I. Bos and Katherine E. Stange)
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Im 14. Jahrhundert raffte der "Schwarze Tod" ein Viertel der europäischen Bevölkerung dahin. Die wirtschaftlichen Folgen waren weitreichend.

Die Pest, der "Schwarze Tod", forderte in Europa zwischen 1347 und 1353 rund 25 Millionen Tote - das entsprach mindestens einem Viertel der damaligen europäischen Bevölkerung. Der Schwarze Tod kann daher als die größte Katastrophe angesehen werden, die die Menschheit in Europa jemals betraf. Der italienische Humanist und Zeitzeuge Giovanni Boccaccio (1313-1375) schrieb in seinem Hauptwerk "Decamarone" über die Pest: "So konnte, wer – zumal am Morgen – durch die Stadt gegangen wäre, unzählige Leichen liegen sehen. Dann ließen sie Bahren kommen oder legten, wenn es an diesen fehlte, ihre Toten auf ein bloßes Brett. Auch geschah es, dass auf einer Bahre zwei oder drei davongetragen wurden - und nicht einmal, sondern viele Male hätte man zählen können, wo dieselbe Bahre die Leichen des Mannes und der Frau oder zweier und dreier Brüder und des Vaters und seines Kindes trug."

Die Pest bedeutete für die mittelalterliche Gesellschaft einen tiefgreifenden Wandel. Der Zusammenbruch der sozialen Ordnung führte zu einer enormen Verschiebung in der Vermögensstruktur, wie Rolf Walter in der "Geschichte der Weltwirtschaft" schreibt: "In der Regel nahm die Obrigkeit die Vermögen verstorbener Christen und Juden an sich; viele Erbschaften und Schenkungen fielen an die Kirche, besonders an die Orden".

Jahrzehntelange Inflation als Folge

Der Historiker David Herlihy (1930-1991) beschrieb in seinem Buch "Der schwarze Tod und die Verwandlung Europas" die wirtschaftlichen Folgen der Pest. Kurzfristig kam es demnach zu einem Schock, der kontinuierliche Wirtschaftsabläufe und eingefahrene Arbeitsroutinen unterbrach. Eine organisierte Wirtschaft sei nicht aufrecht zu erhalten gewesen. Arbeit und Besitz waren nicht mehr so wichtig, man lebte zunehmend so, als wäre es der letzte Tag. Bloß die Nachfrage nach Totengräbern, Ärzten und Priestern stieg.

Unmittelbare Folge war laut Herlihy auch eine allgemeine Inflation. Diese habe bis in die letzten Jahrzehnte des 14. Jahrhunderts hineingewirkt. Herlihy deutet das als Zeichen dafür, dass die Produktion sowohl in der Stadt als auch am Land noch stärker zurückging als die Bevölkerung.

Alte Berufe waren nicht mehr gut genug

Die Zünfte standen vor gewaltigen Problemen. Nur schwer fanden sich ausreichend Mitglieder, was sie zu einer Änderung der Aufnahmepolitik zwang. Die straffe Klasseneinteilung der Gesellschaft wurde durchlässig. Es war die Zeit des Aufstieg des Mittelstandes.

Nicht alle düften über die aus der Seuche resultierenden Folgen unglücklich gewesen sein. Die durschnittliche Kapitalausstattung pro Kopf und Arbeitsplatz schnellte in die Höhe, wie Klaus Bergdolt in "Der Schwarze Tod: Die große Pest und das Ende des Mittelalters" schreibt. "Das niedrige Volk wollte nicht mehr in den alten Berufen arbeiten, da Männer und Frauen vom Überfluß überwältigt wurden, den man in allen Bereichen vorfand", schreibt demzufolge der Florentiner Chronist Villani. Und: "Man verlangte auch nach teuren und köstlichen Speisen. Wenn geheiratet wurde, kleideten sich die Kinder und Frauen niedrigen Standes in all die schönen und teuren Gewänder der Vornehmen, die umgekommen waren".

Kapital wurde verschleudert

Es folgte eine Zeit, in der unternehmerische Planung und Vorsorgedenken kaum eine Rolle spielten. Man gab lieber das Geld für prestigeträchtige Neuheiten aus. "Das Vermögen, das den Erben zufiel, wanderte damit nicht in die Produktion, sondern diente privaten Freuden. Das von der Pest hinterlassene Wachstumskapital wurde, volkswirtschaftlich gesehen, größtenteils verschleudert", schreibt Bergdolt.

Um landwirtschaftliche Erträge zu steigern, genügte es, schlechte Böden aufzugeben, schreibt der Ökonom Karl Georg Zinn. Technischer Fortschritt war angesichts der radikalen Bevölkerungsreduktion nicht nötig, urteilt er in seinem Buch "Kanonen und Pest: Über die Ursprünge der Neuzeit im 14. und 15. Jahrhundert".

Pest machte Wirtschaftsaufschwung möglich

Der Historiker Herlihy hält das Sterben von 1348 mit all seinen Folgen allerdings für den Ursprung des neuzeitlichen Aufschwung Europas. Um 1300 haben sich Europa in einer Pattsituation befunden - einem Gleichgewicht der Knappheit zwischen Bevölkerungszahl und erwirtschafteter Erträge.

Zwar hätte die Pest die Reihen der Fachkräfte gelichtet, gleichzeitig aber auch den Weg zur Erneuerung gebahnt. "Der Schwarze Tod verwüstete die Gesellschaft, aber er verkümmerte nicht die Flexibilität des Menschen", so Herlihy. "Eine diversifizierte Ökonomie, eine intensivere Kapitalnutzung, eine kraftvollere Technologie  und ein höherer Lebensstandard für die Menschen" seien die zentralen Merkmale der spätmittelalterlichen Wirtschaft gewesen, nachdem sie sich erst einmal vom Schock der Pest erholt hatte.