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Untergang der Weltreiche: Wir sind als Nächstes dran

(c) ORF
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Stehen wir nach mehr als 500 Jahren am Ende der westlichen Vorherrschaft? Nicht, wenn der Westen sich auf die Werte besinnt, die ihn einst stark gemacht haben. Unser System braucht dringend ein Update.

Ich bin kein „Untergangsprophet“, glaube auch nicht, dass sich die USA oder der westliche Kulturkreis insgesamt in einem unaufhaltsamen Niedergang befinden. Doch ebenso wenig gehöre ich zu jenen unbelehrbaren Optimisten, die, wie einst Winston Churchill, der Meinung sind, die USA werden schon das Richtige tun, wenn sie erst einmal alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft haben.

Weder der Aufstieg noch der Zusammenbruch beziehungsweise langsame Niedergang von Kulturen und Zivilisationen folgen den unausweichlichen und absehbaren Regeln vom Wechsel der Jahreszeiten. Geschichte vollzieht sich nicht in einer sanften parabolischen Kurve nach der anderen, sondern ähnelt eher den exponentiellen Grafiken, wie sie der Physiker Geoffrey West zeichnet, um darzustellen, wie Städte wachsen – und dann, ganz plötzlich, zusammenbrechen.

Blickt man auf vergangene Zivilisationen, ist das Auffälligste die Geschwindigkeit, mit der die meisten zusammengebrochen sind, ganz unabhängig von der jeweiligen Ursache: etwa das römische Imperium, die Ming-Dynastie, jüngst die Sowjetunion. Sollten Sie zweifeln, dass sich Zusammenbrüche plötzlich vollziehen, denken Sie daran, wie unvermittelt die postkolonialen Diktaturen Nordafrikas und des Nahen Ostens 2011 zusammengebrochen sind. Noch vor dreizehn Monaten schienen die Herren Ben Ali, Mubarak und Gaddafi sicher in ihren protzigen Palästen. Heute sind sie tot oder entmachtet.


Wie nah sind wir am Absturz? Allen diesen Mächten und ihren Zusammenbrüchen gemeinsam ist, dass die komplexen sozialen Systeme, die sie gestützt, plötzlich nicht mehr funktioniert haben. Eben noch besaß ein Herrscher in den Augen seines Volkes Legitimität, im nächsten Augenblick war es damit vorbei. Daher ist es an der Zeit zu fragen, wie nahe die USA und der Westen als Ganzes dem Absturz sind.

Seit dem Jahr 1500 hat sich der Westen an die Spitze des Restes der Welt gesetzt, weil ihm eine Reihe von institutionellen Neuerungen gelungen ist, die ich die „Killer-Applikationen“ nenne. Diese wären:
1.Wettbewerb: Die Vorläufer moderner Großunternehmen basieren auf der politischen Zersplitterung Europas und den konkurrierenden Körperschaften in den einzelnen Königreichen und Republiken.


2.Wissenschaft: Alle wesentlichen Durchbrüche des 17.Jahrhunderts, ob in der Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie oder Biologie, gelangen in Westeuropa.


3.Rechtsstaat und repräsentative Regierung: In der englischsprachigen Welt bildete sich ein optimales System gesellschaftlicher und politischer Ordnung heraus, das auf Privateigentum und der Vertretung der Eigentümer in gewählten Legislativen beruhte.


4.Moderne Medizin: Während des 19. und 20.Jahrhunderts wurden so gut wie alle Durchbrüche im Gesundheitswesen von Westeuropäern oder Nordamerikanern erreicht.


5.Konsumgesellschaft: Die industrielle Revolution fand dort statt, wo sowohl die Produktivität steigernde Techniken verfügbar waren als auch eine Nachfrage bestand nach mehr, besseren und billigeren Gütern.


6.Arbeitsethik: Die Menschen im Westen waren die ersten, die extensivere und intensivere Arbeit mit höheren Sparquoten verbanden, was wiederum fortgesetzte Kapitalakkumulation ermöglichte.


Einige hundert Jahre lang hatten die Europäer und ihre Vettern in Nordamerika und „Australasien“ das Monopol auf diese Killer-Apps. Um 1500 noch war der Durchschnittschinese reicher als der durchschnittliche Nordamerikaner. Ende der Siebzigerjahre des 20.Jahrhunderts waren die Amerikaner mehr als 20-mal reicher als die Chinesen. Die Menschen im Westen waren nicht nur reicher als der „Rest“ der Welt, sie waren auch größer, gesünder und lebten länger. Und sie waren mächtiger geworden. Anfang des 20. Jahrhunderts kontrollierte ein Dutzend westlicher Imperien – darunter die USA – etwa 58Prozent der Landfläche und Bevölkerungen sowie 74Prozent der Weltwirtschaft.

Dann trat Japan auf den Plan, und ein nicht westliches Land nach dem anderen erkannte, dass sich jene Apps auch in nicht westliche Betriebssysteme herunterladen und dort installieren lassen. Das erklärt zu einem Teil das Aufholen dieser Länder, das wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, insbesondere seit dem Beginn der Wirtschaftsreformen in China im Jahr 1978.

Nun gehöre ich nicht zu den Menschen, die der Gedanke, dass es eine Welt geben könnte, in der der Durchschnittsamerikaner nicht mehr deutlich reicher ist als der Durchschnittschinese, mit Angst erfüllt. Im Gegenteil, ich begrüße, dass hunderte Millionen Asiaten der Armut entkommen sind. Was ich hingegen bedauere, ist die Tendenz westlicher Gesellschaften, ihre eigenen Killer-Apps zu löschen und zu zerstören.

Wer verfügt heute über Arbeitsethik? Der durchschnittliche Südkoreaner arbeitet etwa 39Prozent mehr Stunden pro Woche als der Durchschnittsamerikaner. Das Schuljahr in Südkorea dauert 220Tage, in den Vereinigten Staaten nur 180. Und es sind die Studenten mit asiatischem Hintergrund, die sich an den Universitäten völlig verausgaben.

Die Konsumgesellschaft? Wussten Sie, dass sich 26 von 30 der weltgrößten Einkaufszentren in den aufstrebenden Märkten finden, die meisten in Asien? Und nur drei in den USA?

Moderne Medizin? Da übertreffen wir zwar mit unseren Ausgaben alle anderen. Doch die Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten ist in den vergangenen 50Jahren lediglich von 70 auf 78Jahre gestiegen, demgegenüber steht der Sprung von 68 auf 83 in Japan und von 43 auf 73 in China.

Rechtsstaatlichkeit? Die jüngste Executive-Opinion-Survey-Studie des Weltwirtschaftsforums ist ein richtiger Augenöffner. In nicht weniger als 15 von 16 unterschiedlichen Punkten, die sich auf Eigentumsrechte und Regierungsform beziehen, stehen die USA schlechter da als Hongkong. Tatsächlich ist Amerika nur auf einem einzigen Gebiet weltweit unter den Top-20: beim Investorenschutz.

Und wie steht es mit der Wissenschaft? Richtig ist, dass jedes Jahr noch immer viele Wissenschaftler, die in den USA leben und arbeiten, die Nobelpreise erhalten. Doch Nobelpreisträger sind alte Männer. Die Zukunft gehört nicht ihnen, sondern denen, die heute Teenager sind. Und dazu gibt es eine weitere bemerkenswerte Statistik. Die jüngsten PISA-Daten der OECD zur „mathematischen Grundbildung“ von 15-Jährigen zeigen, dass der Abstand zwischen den Weltführern – den Schülern aus Shanghai und Singapur – und gleichaltrigen Amerikanern derzeit ebenso groß ist wie der zwischen den US-Kids und den Teenagern aus Albanien und Tunesien.


Asien auf der Überholspur. Der kürzlich verstorbene Steve Jobs hat die Amerikaner davon überzeugen können, dass die Zukunft „von Apple in Kalifornien entworfen, in China gefertigt“ sein werde. Doch die Statistiken der Weltorganisation für geistiges Eigentum zeigen, dass heute bereits mehr Patente aus Japan stammen als aus den USA, dass Südkorea Deutschland überholt hat und auf den dritten Platz vorgerückt ist und China auf dem Sprung ist, Deutschland zu überholen.

Als Letztes der Wettbewerb als Killer-App, die das fragmentierte Europa von Anfang an auf einen ganz anderen Weg schickte als das monolithische Reich der Mitte. Seit 1979 hat das Weltwirtschaftsforum jährlich einen umfassenden Überblick über die globale Wettbewerbsfähigkeit durchgeführt; 2004 wurde die derzeit eingesetzte Methode eingeführt, seither ist der Wert für die Wettbewerbsfähigkeit der USA von 5,82 auf 5,43Punkte gefallen, einer der steilsten Abstürze unter entwickelten Volkswirtschaften. Chinas Wert ist von 4,29 auf 4,9 Punkte gestiegen.

Wie muss man sich die Situation vorstellen, in der der Westen beschließt: Verdammt, es muss etwas geschehen? Als Welle von Bürgerunruhen und Kriminalität wie in den 1970er-Jahren? Als Vertrauensverlust seitens der Investoren und plötzlichen Anstieg der Zinsen für staatliche Kreditaufnahmen wie in Griechenland? Was ist mit einer Zunahme von Gewalt wie im Nahen Osten, vom Irak bis Afghanistan, wo Aufständische aus dem Rückzug der westlichen Truppen Kapital schlagen? Oder eine lähmende Cyberattacke der asiatischen Supermacht, die wir selbstgefällig unterschätzen?

Gibt es irgendetwas, was wir zur Abwehr solcher Katastrophen tun können? Sehr viel mehr als die Europäer halten die meisten Amerikaner den Killer-Applikationen des westlichen Aufstiegs instinktiv die Treue, vom Wettbewerb bis zur Arbeitsethik. Sie wissen, dass ihr Land über die richtige Software verfügt. Und verstehen nicht, warum alles so langsam vorangeht.

Wir müssen daher unbedingt die Viren zerstören, die in unser System gekrochen sind, die gegen den Wettbewerb gerichteten Quasimonopole, die alles zunichtemachen, von den Bankgeschäften bis zum öffentlichen Bildungssystem; außerdem die politisch korrekte Pseudowissenschaft, die gute Studenten von harter Wissenschaft abhält; und nicht zuletzt die Lobbyisten, die zum Nutzen der Sonderinteressen, denen sie dienen, die Herrschaft der Gesetze unterlaufen. Dann müssen wir uns die Updates herunterladen, die in anderen Ländern wie Finnland, Neuseeland, Dänemark, Hongkong, Singapur und Schweden so erfolgreich laufen. Und zuletzt müssen wir unser ganzes System neu starten.

Ich weigere mich zu akzeptieren, dass die westliche Kultur und Zivilisation so etwas ist wie das alte Microsoft-Betriebssystem DOS, verdammt erst zum Stillstand, dann zum Absturz. Noch klammere ich mich an die Hoffnung, dass die USA der Mac unter Europas PCs sein können, und dass es, wenn überhaupt ein westliches Land, dann Amerika sein wird, das erfolgreich updaten und neu starten könnte.


Aus dem Englischen von Klaus Binder. Der Text erschien in der Ausgabe 1/2012 des Magazins „Cicero“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)