Von Ehrgefühl und moralischen Revolutionen

Die Frage nach der Ehre ist in die feinsten Fasern unseres Zusammenlebens verwoben. Was empfinde ich als Ehre?

Kwame Anthony Appia stammt aus einer ghanesisch-englischen Familie. Er wuchs in Afrika auf, erhielt seine Schulbildung in England und ist derzeit Philosophieprofessor in Princeton – an einer der renommiertesten Universitäten der USA. Sein kosmopolitischer Hintergrund eröffnete Appia eine außergewöhnliche Sicht ethischer Probleme, die über kulturelle Grenzen hinweg von Bedeutung sind.

In seinem Buch „The Honor Code“ von 2010 zeigt er anhand historischer Beispiele, wie stark soziale Normen in unterschiedlichen Kulturen von Ehre und Schande geprägt sind. Die qualvolle Tradition des Füßebindens unter adeligen Familien in China – einst eine Ehrensache – wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts wirksam bekämpft, als die Praxis international als Schande für China angesehen wurde. Ähnliches zeigt Appia für die Abschaffung des Duells unter englischen Gentlemen oder der Sklaverei im Britischen Weltreich.

Das Ehrgefühl sei demnach der Angelpunkt, an dem anzusetzen sei, wenn moralische Revolutionen anstehen – wie der Untertitel andeutet: „How Moral Revolutions Happen“. Sind in Pakistan noch immer „Ehrenmorde“ üblich, bei denen Frauen aufgrund außerehelichen Geschlechtsverkehrs, selbst im Fall von Vergewaltigung, von einem männlichen Familienmitglied ermordet werden, um die Ehre der Familie zu retten, so helfen dagegen nicht in erster Linie gesetzliche Maßnahmen. Erst wenn Ehrenmorde in Pakistan selbst als Schande angesehen werden, werden sie enden.

Als er zu Simon Petrus kam, sagte dieser zu ihm: Du, Herr, willst mir die Füße waschen?

Joh 13,6

Die Frage nach dem sozialen Ehrgefühl findet sich auch in einer Schlüsselszene des entstehenden Christentums. Jesus beginnt am Pessachfest vor seiner Hinrichtung, Füße zu waschen. Petrus, der Kopf der Gruppe, protestiert. Dies geht gegen die soziale Norm, gegen das Ehrgefühl.

Erst im Widerstand des Petrus wird die Macht der Geste sichtbar. Jesus besteht darauf, die Rollen zu tauschen und das Ehrgefühl neu zu definieren. Von nun an gilt: Selbst für anerkannte Autoritäten sei es als Ehre anzusehen, Untergebenen einen Dienst zu leisten.


Für den Evangelisten Johannes spiegelt Jesu Geste die Zuneigung des allmächtigen Schöpfers zu seinen Geschöpfen, mit der Gott wie ein Untergebener dient: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst? – Du hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, du lässt ihn herrschen über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt“ (Psalm 8).

Wie sehr die Frage nach Ehrgefühl, Macht und Dienst die soziale Realität prägen, ist nicht nur im Blick auf Politiker wie Gaddafi, Mubarak und al-Assad offensichtlich. Sie ist in die kleinsten Fasern unserer sozialen Beziehungsgeflechte verwoben, macht sich selbst in meiner Arbeit bemerkbar. Was empfinde ich als Ehre?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)