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Warum mir zur Beschneidung nichts Exzellentes einfällt

Mir wollte schon herausrutschen: „Besser beschnitten als abgetrieben“, aber ich fürchte den Fluch des Atheisten . . .

Auch das noch: Klimawandel, Bürgerkrieg, Wirtschaftskollaps – und jetzt die Beschneidung. „Dazu müssen Sie etwas sagen, das ist doch das Letzte!“, fordert man, ob beschnitten oder nicht, von mir, dessen unbeschnittener Lieblingsurologe seine Sechzig-plus-Patienten am liebsten alle beschneiden möchte. Wenn ich mich als Experte für die bloß „vorletzten“ Dinge herauszuwinden suche, wird mir erklärt: „Papperlapapp, keine faulen Ausreden, Sie sind pragmatisierter Philosoph!“

Da ich gerade gelesen habe, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Österreich jährlich auf mindestens dreißig- bis vierzigtausend geschätzt wird, davon die meisten ohne medizinischen Grund, wollte mir schon herausrutschen: „Besser beschnitten als abgetrieben.“ Stattdessen besann ich mich auf meine Position als pragmatisierter Philosoph und behielt das mir fast Herausgerutschte für mich. Schließlich muss ich mich vor meinen kastrationsängstlichen Kollegen verantworten, die mir beschneidungskritisch intimieren, dass das eine mit dem anderen nicht vergleichbar und daher das mir fast Herausgerutschte ein ethisches No-Go sei.

Während mein Freund, der Trottel, sich sofort beschneiden lassen will, und zwar aus Solidarität mit den Beschnittenen, stehen der aufgeklärten Scientific Community, zu der ich mich als pragmatisierter Philosoph zu zählen habe, regelrecht amtswegig die Haare zu Berge, geht es doch – so die laizistische Lesart – um die Verstümmelung wehrloser Kinder aufgrund eines hässlichen Aberglaubens. Freilich, auch die Vernunft hat ihre eifernden Seiten. In meiner Umgebung wirkt und werkt ein Exzellenzatheist, der sich ein begehbares Atheistenkammerl eingerichtet hat, vollgestopft mit ihn erleichternden Häresien. Dort hinein geht er täglich schreien, dass Gott tot sei, und verflucht jeden, der noch an „den alten Mann mit dem langen weißen Bart“ glaubt.

Nachdem er sich erleichtert hat, sitzt er wieder an seinem Denkertisch und verfasst Exzellenzepisteln gegen „Afterglauben“ und „Fetischdienst“, wobei er seine harsche Quelle penibel ausweist: Kant. Na, Sie können sich vorstellen, dass dem Exzellenzatheisten die Beschneider gerade recht kommen, sei es doch der Fall, dass sie sich „von dem ganz sinnlichen Wogulitzen, der die Tatze von einem Bärenfell sich des Morgens auf sein Haupt legt mit dem kurzen Gebet: ,Schlag mich nicht todt!‘, zwar mächtig in der Manier, doch nicht im Princip“ unterschieden. Ebenfalls: Kant.

Mir wollen schon wieder – bin ich etwa ein Zwangscharakter? (ich muss meinen beschnittenen Lieblingspsychiater fragen) – die ungeborenen Menschlein herausrutschen, die, sagen wir, in der zehnten Schwangerschaftswoche durch „Absaugung“ vom Leben zum Tode befördert werden, nicht aufgrund eines hässlichen religiösen Aberglaubens, sondern aus ganz und gar irdischen Gründen.

Kein Zweifel, ich bin ein Zwangscharakter, denn schon wieder geht's bei mir los. Schon wieder will mir herausrutschen, dass, solange es aus irdischer Sicht zulässig sei, ein ungeborenes Menschlein ohne medizinischen Grund „abzusaugen“, es aus religiöser Sicht wohl nicht wesentlich unzulässiger sein dürfte, ein wehrloses Kindlein zu beschneiden. Schön ist das nicht, aber bitte, wenn's um des lieben Friedens willen unbedingt sein muss . . . Eingedenk des Exzellenzatheisten behalte ich indes das mir fast Herausgerutschte für mich. Ich fürchte mich nämlich davor, von ihm persönlich verflucht zu werden – eine kleine abergläubische Schwäche meinerseits.


E-Mails an: peter.strasser@uni-graz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2012)