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Ein Mormone als Präsident von God's own country? No, please!

Warum die Warnung vor einem mormonischen US-Präsidenten keine religiöse Diskriminierung, sondern sachlich berechtigt ist.

Der renommierte britische Biologe und Religionskritiker Richard Dawkins äußerte sich wie folgt über den Mormonen Mitt Romney, der nächste Woche offiziell zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei gekürt wird: „Wenn ich weiß, dass ein zur Wahl stehender Politiker privat daran glaubt, dass im 19. Jahrhundert ein Mann namens Joseph Smith einige Goldplatten ausgrub, sie mithilfe eines Steines und eines Zylinderhutes las und dann aus irgendeiner antiken Sprache in ein Englisch des 16. Jahrhunderts übersetzte, habe ich starke Vorbehalte, ihn zu wählen. Warum sollte ich für einen Mann stimmen, dessen politische Erklärungen vielleicht vernünftig sein mögen, dessen private religiöse Überzeugungen jedoch lächerlich und verrückt sind?“

Engel und Goldplatten

Richtig an Dawkins' Feststellung ist, dass die mormonische Religion eine Fülle von Lehren enthält, die Außenstehenden ungewöhnlich und absonderlich erscheinen. Dazu gehört die erwähnte Entstehungsgeschichte, nach welcher Joseph Smith mithilfe eines Engels namens Moroni mehrere Goldplatten entdeckte.

Nach der Lehre der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ – so die offizielle Bezeichnung der mormonischen Glaubensgemeinschaft – übersetzte Smith den Text dieser Platten, gab sie Moroni zurück und publizierte seine Übersetzung 1830 unter dem Titel „The Book of Mormon“. Im selben Jahr gründete Smith zusammen mit fünf Freunden die seiner Meinung nach wiederhergestellte, einzig wahre Kirche Jesu Christi.

Diese gewann zahlreiche Anhänger und breitete sich von New York State immer weiter nach Westen aus, zuerst nach Ohio und Missouri und später in das Gebiet des Großen Salzsees, wo die Mormonen Salt Lake City errichteten, ohne Smith allerdings, der 1844 eines gewaltsamen Todes gestorben war. Kurz davor hatte er erfolglos für das Amt des US-amerikanischen Präsidenten kandidiert.

Das heilige Buch Mormon

Für die Heiligen der Letzten Tage gehört „Das Buch Mormon“ neben der Bibel und zwei weiteren Werken Smith' („Lehre und Bündnisse“, „Die Köstliche Perle“) zum Kanon der heiligen Schriften.

Nichtmormonen dagegen, auch alle nicht mormonischen Historiker, halten das Werk für eine Kombination von fantasievoller Fiktion und der Fertigkeit, von anderen Texten abzuschreiben. Das Buch Mormon erzählt die Geschichte von jüdischen Stämmen, die in vorchristlicher Zeit von Israel nach Amerika segelten. Einige dieser Auswanderer, Vorfahren der amerikanischen Indianer, seien böse und rebellisch geworden und wurden deshalb von Gott mit einer dunklen Hautfarbe bestraft.

Es war farbigen Gläubigen deshalb bis weit in das 20. Jahrhundert hinein versagt, zum mormonischen Priesteramt zugelassen zu werden. Dieses wird allen kirchentreuen männlichen (!) Jugendlichen im Alter von 16 Jahren (!) übertragen. Erst 1978 revidierte der damalige Präsident der Mormonenkirche diese rassistische Lehre. In ähnlicher Weise hatte bereits einer seiner Vorgänger im Jahre 1890 eine zentrale Doktrin Joseph Smith' offiziell rückgängig gemacht: jene von der Vielehe (Polygamie, genauer: Polygynie).

Die Business-Kirche

Mormonen glauben, dass Gott einen Körper hat wie wir, dass er verheiratet ist und in der Nähe eines Planeten namens „Kolob“ auf seinem Thron sitzt. Mormonen tragen spezielle „heilige“ Unterwäsche, und sie lassen sich für bereits Verstorbene stellvertretend taufen. Die historisch-kritische Analyse ihrer heiligen Texte ist verpönt. Die streng hierarchisch verfasste Mormonenkirche wird von theologisch wenig gebildeten amerikanischen Geschäftsleuten geleitet.

Das alles mag „lächerlich und verrückt“ klingen, um es in der Sprache Richard Dawkins' auszudrücken, und trotzdem überzeugt mich Dawkins' Argumentation nicht. Denn auch die theologischen Lehren anderer Religionen wirken für Außenstehende nicht selten befremdlich.

Wäre ein Katholik, der an die Marienerscheinungen in Lourdes und Medjugorje glaubt, für Dawkins wählbar? Eine evangelikale Christin, die behauptet, die Bibel sei auch in naturwissenschaftlichen Belangen frei von jedem Irrtum? Ein Hindu oder ein Buddhist, der das Elend von afrikanischen Kindern als karmische Wirkung ihres früheren Lebens deutet? Jemand, der Horoskope liest und sein Büro gemäß den Regeln des Feng Shui einrichtet? Wäre eine dezidierte Atheistin wählbar, die die Existenz Gottes kategorisch ausschließt? (Dawkins selbst erklärte, er sei sich nicht hundertprozentig sicher, dass es keinen Gott gebe.)

Das heilige Land Amerika

Doch Dawkins' Bedenken ist durchaus ein Wahrheitsmoment eigen. Es mag zwar grundsätzlich politisch unbedeutend sein, ob jemand den Engelserscheinungen eines jungen Amerikaners Glauben schenkt oder nicht.

Es bleibt jedoch keineswegs mehr politisch belanglos, wenn ein solcher Glaube in der Folge eine nationalistische politische Theologie hervorbringt, welche die in den USA ohnehin schon verbreitete Überzeugung von der Sonderstellung und Überlegenheit des eigenen Landes zusätzlich fundiert und religiös überhöht. Dies aber geschah in der Religion der Mormonen.

Dies ist auch an der patriotischen Rhetorik des ehemaligen mormonischen Bischofs Mitt Romney deutlich erkennbar. Romneys Vorwurf an Präsident Obama, sich mehrmals für die Politik der USA entschuldigt zu haben, ist ebenso authentischer Beleg dafür wie seine großspurige Kritik an der Vorbereitungsarbeit für die Olympischen Spiele in London.

Konservativer Way of Life

Der Mormonismus ist eine durch und durch US-amerikanische Religion, die bürgerliche Religion eines amerikanischen Provinzialismus. Obwohl sie junge Missionare in viele Länder dieser Erde schickt, ist die Mormonenkirche nicht an Dialog und Inkulturation interessiert.

Mormonische Missionare verkaufen ein kulturimperialistisches Gemisch aus Buch Mormon, Rechtskonservatismus und American Way of Life. Denn nach mormonischer Lehre ist Amerika jenes heilige und gelobte Land, in dem Gott die einzig wahre Kirche Jesu Christi gegründet habe. Das biblische Paradies lag in Jackson County im Nordwesten Missouris. Dort wird Jesus auch sein endzeitliches tausendjähriges Reich errichten. Das Buch Mormon berichtet zudem, dass Jesus Christus nach seiner Auferstehung nach Amerika gekommen sei.

Die sich im biblischen Buch der Geheimen Offenbarung findende Vision von einem weißen Pferd und dessen Reiter („White Horse Prophecy“) wird mormonisch so gedeutet, dass die US-amerikanische Verfassung eines Tages „an einem seidenen Faden“ hängen werde und nur durch Mormonen gerettet werden könne. Nach dem ultrakonservativen mormonischen Fernsehmoderator Glenn Beck ist diese historische Situation jetzt eingetreten: Es bedarf eines Mormonen, um Amerika vor Obamas Sozialismus zu retten.



Kurt Remele (geboren 1956) ist ao. Universitätsprofessor am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre in Graz.
Im Schuljahr 1974/75 besuchte er eine Highschool in der Nähe von Salt Lake City, wo er die Mormonenkirche kennenlernte. Im Studienjahr 2011/12 war er Gastprofessor an der Gonzaga University in Spokane im Bundesstaat Washington.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)