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Die Familie Ephrussi: In alle Winde zerstreut

Reich wie Rothschild. Nur das Ringstraßen-Palais am Schottentor zeugt noch von dem berühmten Bankhaus. Die Kunstsammlungen wurden 1938 geplündert, die Besitzer enteignet und ins Exil getrieben.

Wien um 1900. Die glitzernde Metropole einer europäischen Großmacht hatte für die Zeitgenossen eine ähnliche Bedeutung wie Monte Carlo für die Heutigen, befindet Otto Schwarz in seinem Werk über diese Epoche („Hinter den Fassaden der Ringstraße“, Amalthea-Verlag, 2007).

Vor allem aus Süd- und Osteuropa kamen Bankiers und Kaufleute, bei denen Geld so gut wie keine Rolle spielte. Ohne diese Familien gäbe es die Pracht der Ringstraße nicht.

Nach den Rothschilds kamen gleich die Ephrussis. Sie fanden sogar Eingang in die Weltliteratur. Joseph Roth, der Romancier aus dem galizischen Brody, lässt im „Radetzkymarsch“ den Baron Trotta, Bezirkshauptmann in Mähren, sein Vermögen natürlich im Bankhaus Ephrussi anlegen.

Der zweitreichste Bankiersclan hatte sich auch die zweitbeste Adresse als Bauplatz ausgesucht, da die „Bellaria“ schon von den Epsteins okkupiert war: den heutigen Universitätsring, Ecke Schottengasse. Der Ahnherr, Joachim Ephrussi, war aus Odessa gekommen, war 1860 der weltweit größte Getreideexporteur und etablierte seine Firma als internationales Finanzunternehmen. Sohn Ignaz vergab den Bau des standesgemäßen Palastes an der soeben entstehenden Ringstraße an einen der besten und teuersten Stararchitekten – Theophil Hansen. Man musste zeigen, was man hat. Noblesse oblige, neureicher Geldadel erst recht.

 

Alle Stars der Ringstraße . . .

Hansen bekam klare Anweisungen, wie er berichtete: „Das Erdgeschoß sollte möglichst rentable Verkaufsgewölbe enthalten. Den ersten Stock wollte der Bauherr selbst bewohnen und verlangte zu diesem Zwecke einen eigene Stiege, welche von keiner andern Partei im Hause mitbenützt werden durfte [. . .] Außerdem sollte das Haus drei Stockwerke für die Parteien erhalten, mit einer bequemen Haupt- und einer Küchenstiege, ferner im Erdgeschoß noch einen Stall für vier Pferde [. . .]“

Für die Bewohner war nichts zu teuer. Besonders aufwendig sind die Räume der Beletage gestaltet, die mit Gemäldezyklen von Christian Griepenkerl ausgestattet sind. (Das war jener Professor, der den Malamateur Adolf Hitler wegen „ungenügender Probezeichnungen“ von der Akademie wegschickte. Welch Unglück für die Menschheit!) Die bedeutendste Decke befindet sich im Rauchsalon oder Billardzimmer, wo die Liebesabenteuer des Zeus dargestellt sind, im Tanzsalon sind Bilder aus dem Buch „Ester“ zu sehen, in den übrigen Räumen verschiedene Allegorien. Außerdem sind die Räume mit Marmorschmuck, kostbaren Fußböden und Kaminen ausgestattet.

 

Der Glanz – von kurzer Dauer

Das mächtige Haus mit seinen schlossartigen Türmen war also eine Kombination aus Palais und Zinshaus. Über der „Beletage“ wurden Mietwohnungen errichtet. Die Fassade wurde dem Nachbarhaus angepasst, sodass der Eindruck entsteht, der Häuserblock gehöre zusammen. Das Areal war zuvor unverbaut und gehörte zu der die Innenstadt umschließenden Bastei, von der in unmittelbarer Nähe des Gebäudes noch Reste zu sehen sind – die Mölkerbastei.

Nach dem Tod von Ignaz Ephrussi 1899 übernahm dessen Sohn Viktor das Geschäft in Wien, und damit auch den Palast am Ring. Es folgten einige prosperierende Jahre, der finanzielle Abstieg begann dann aber bereits mit dem Ersten Weltkrieg. Doch noch ahnte niemand die eigentliche Katastrophe.

So wie für viele eingesessene Wiener bringt das Jahr 1938 die Zäsur in ihrem Leben, die Vernichtung großer Träume, was sich schon in den fiebrigen Jahren davor abgezeichnet hat. Gleich in der ersten Nacht nach dem „Anschluss“ Österreichs trampeln im Palais Ephrussi fremde Stiefel die Treppe hinauf, zeichnet ein Nachkomme die Geschehnisse nach. Edmund de Waal hat mit seinem Buch „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ vor zwei Jahren einen Bestseller gelandet – 200.000 Exemplare.

 

Die Gestapo kommt

In dieser Familiengeschichte wird die Indolenz, der aufgestaute Hass, die totale Kunstfeindlichkeit der Wiener NS-Mitläufer wieder lebendig: „Es ist ein Uhr früh, keiner schläft, alle sind angezogen. Viktor, Emmy und Rudolf (Hausherr, Ehefrau und Sohn)werden in die Bibliothek gestoßen. [. . .] Drei von ihnen heben den Schreibtisch hoch und hieven ihn übers Geländer, bis er, Holz, Vergoldung, Intarsien splittern krachend, auf den Pflastersteinen im Hof unten zerschellt [. . .] Das Geräusch zerbrechender Gegenstände ist die Belohnung für eine lange Wartezeit. Diese Nacht ist voll solcher Belohnungen. Es hat lange gedauert. Diese Nacht ist die Geschichte, die Großeltern ihren Enkelkindern erzählt haben, die Geschichte, wie eines Nachts die Juden endlich bezahlen werden für alles, was sie getan, was sie den Armen geraubt haben; wie die Straßen gesäubert werden, wie Licht in alle dunklen Ecken fallen wird. Denn dies alles hat mit Schmutz zu tun, mit dem Dreck, den die Juden aus ihren stinkenden Bruchbuden in die Kaiserstadt gebracht haben, als sie sich nahmen, was uns zustand [. . .]“

Am 23. April 1938 wird es dann ernst. Die Gestapo ist im Haus. Herr Kirchner, der alte bewährte Portier, ist längst zu den Nazis übergelaufen und hat die Beamten eingelassen. Die höflichen Herren durchsuchen alle 24 Räume der Familienwohnung, weil sie Beweise brauchen, dass Hausherr Viktor Ephrussi den bisherigen Bundeskanzler Schuschnigg mit fünftausend Schilling unterstützt habe. Alle Safes werden durchwühlt.

 

Viktor unterschreibt den Verzicht

Vater und Sohn werden im Hauptquartier der Gestapo am Morzinplatz in Haft genommen. Nach drei Tagen ist Viktor zermürbt. Was von ihm verlangt wird, unterschreibt er, „sonst landen Sie und Ihr Sohn in Dachau“. Mit seiner Unterschrift gibt Viktor alles her, was sich durch den Fleiß einer Familie angesammelt hat, das Palais und was darin ist, seine weiteren Vermögenswerte in Wien, hundert Jahre Besitz. Dann dürfen sie ins Palais zurückkehren, durchs offene Tor, über den Hof zur Dienertreppe in der Ecke und hinauf in den zweiten Stock, in die zwei Zimmer, die jetzt ihr Heim sind.

Eine Dienststelle des NS-Ideologen Rosenberg macht sich im Gebäude breit, das bereits aller Kunstschätze beraubt ist: Die berühmte Büchersammlung ist in der Nationalbibliothek, die Gemälde hängen im Kunsthistorischen Museum, der Rest wird im Dorotheum zu Schnäppchenpreisen verschleudert. Wer jetzt schnell entschlossen ist, kann Vermögenswerte zu Spottpreisen erwerben. Ganz legal.

 

Exil in England

Am 12. August 1938 wird das Bankhaus Ephrussi & Co. amtlich gelöscht, es heißt jetzt „C.A. Steinhäusser“. Und der 79-jährige enteignete Bankinhaber Viktor kann nach entwürdigenden Bittgängen nach England ausreisen. An der Uhrkette trägt er noch den Schlüssel zum Bücherschrank seiner Bibliothek. Am 12. März 1945 stirbt er in England bei seiner Tochter Elisabeth. Wenige Wochen später ist der Krieg in Europa zu Ende.

Die Tochter, Elisabeth de Waal, betritt im Dezember 1945 erstmals wieder ihr Vaterhaus. Jetzt dient es der US-Besatzungsbehörde. Aktenschränke, wo früher zahllose Globen standen, chinesisches Porzellan und silbernes Tischgerät. Nur Anna ist noch da, das alt gewordene Dienstmädchen. Man hat sie in einem kleinen Zimmer des Palais überleben lassen.

 

Die zweite Enteignung

Nach dem Krieg wurde das Haus zurückgegeben, musste von den verarmten Nachfahren aber „verkauft“ werden. In Wahrheit war es die zweite Enteignung, jetzt durch die Republik Österreich: Einige Bücher und Bilder, die in den Besitz des Staates übergegangen waren, wurden retourniert. Für die Zwangsenteignung der Bank erhielt die Familie lediglich 5000 Dollar und musste versichern, „keine weiteren Forderungen“ zu stellen. Kein Ruhmesblatt. 1969 wurde das Palais – inzwischen das Tausendfache wert – Firmensitz der „Casinos Austria“. Diese verkauften den Palast schließlich 2009 an eine Privatstiftung. Man spricht von 31 Millionen Euro.

 

Literaturtipp:
Edmund de Waal: „Der Hase mit den Bernsteinaugen“. Aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer.
Zsolnay-Verlag, 352 Seiten, 20,50 €

Kunstkenner, Förderer der schönen Künste

Viktor Ephrussi (links im Alter von 22 Jahren) geriet durch Zufall an die Spitze des väterlichen Bankhauses, das inzwischen zu einem komplexen europäischen Unternehmen geworden war: Sein Bruder Stefan, der für das Bankgeschäft von Kind an gedrillt wurde, brannte mit der Mätresse seines Vaters durch, wurde auf der Stelle enterbt und aus der Familie ausgestoßen.

Der Erbe machte seine Sache gut, obwohl er Wissenschaftler werden wollte. Mit seinem Vermögen gab er großzügig Spenden an jüdische Hilfsorganisationen, er sammelte Kunstschätze in der ganzen Welt.

Der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland 1938 machte all die Bemühungen mit einem Schlag zunichte. Der Palast ging an eine NS-Dienststelle Rosenbergs und dann an das „Amt für Wildbach- und Lawinenverbauung“, die bisherigen Besitzer lebten quasi im „Hausarrest“ in zwei Zimmern.

Am 1. März 1939 erhielt der 79-jährige Viktor Ephrussi endlich das Visum für England, „Good for a Single Journey“, am 4. März war er in London. Von seinem Besitz, von den angehäuften Schätzen der Familie, blieb Viktor ein Koffer. Er starb 1945 in England.

Béatrice Ephrussi (de Rothschild), wurde 1864 als Tochter des Bankiers Alphonse James de Rothschild in Paris geboren. Sie heiratete Maurice aus dem Hause Ephrussi und widmete sich den schönen Künsten. Ihr Vermögen verwendete sie ebenfalls zur Sammlung alter Meister, seltenen Porzellans und antiker Möbel für ihr Heim in Monte Carlo.

1905 kaufte die Baronesse eine sieben Hektar große Liegenschaft in Saint-Jean-Cap-Ferrat an der Côte d'Azur.

Bis 1912 dauerte dort der Bau einer imposanten Villa im italienischen Renaissancestil, ganz in Rosa gehalten. Béatrice überwachte persönlich die Bauarbeiten, wobei sie nicht weniger als zwölf Architekten zur Verzweiflung getrieben haben soll. Hier brachte sie ihre Sammlungen unter. Aufsehen erregte sie mit der Anlage eines privaten Zoos, der Flamingos, Antilopen und Gazellen beherbergte.

1934 starb sie 70-jährig in Davos und wurde auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise beigesetzt. Da sie kinderlos war, stiftete Béatrice die Villa und ihre Kunstschätze der französischen Akademie der Schönen Künste. Heute ist die Villa Ephrussi de Rothschild ein Museum. [„Die Presse“/Archiv]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)