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SuperMarkt: Was kostet eigentlich ein Euro?

SuperMarkt kostet eigentlich Euro
Euro(c) Dapd (Steffi Loos)

Nahezu wöchentlich wird berechnet, was passieren würde, sollten die südlichen Mitgliedsländer tatsächlich die Eurozone verlassen. Die Folge wäre ein ökonomisches Inferno. Wie teuer aber käme deren Verbleib?

Wie deutsche Bertelsmann-Stiftung ist nicht gerade das, was das Gros der medialen Beobachter als Quell ungefärbter Information klassifizieren würde. Die Denkfabrik steht nämlich im Verdacht, mit den mächtigen Geldern ihres Stifters den „neoliberalen Kanon“ zu propagieren, der letzten Endes auf die Zertrümmerung des Wohlfahrtsstaats westlicher Prägung abziele. Passt allerdings die Message, drücken auch antiliberal gesinnte Medien beide Augen zu und rücken die mit einem Schlag seriös gewordene Stiftung ins Rampenlicht. Wie am vergangenen Donnerstag, als die „Nebenregierung aus Gütersloh“ vorrechnen ließ, was passieren würde, sollten die südlichen Mitgliedsländer tatsächlich die Eurozone verlassen. Stiegen Griechenland und Portugal aus, wären die finanziellen Folgen zwar sehr unerfreulich, aber noch irgendwie verkraftbar. Sollten sich aber auch Spanien und Italien „vertschüssen“, gehen für uns Resteuropäer die Lichter aus.

Die Folge wäre ein ökonomisches Inferno, das die Welt in Schutt und Asche legte. Die 42 wichtigsten Volkswirtschaften schlitterten in eine tiefe Rezession, bis 2020 würden ihnen durch uneinbringlich werdende Forderungen und die wegbrechende Nachfrage aus dem Süden knapp 17 Billionen Euro verloren gehen. Eine Summe, die fast dem Doppelten der Wirtschaftsleistung der gesamten Eurozone aus dem heurigen Jahr entspricht. Allein Deutschland verlöre bis 2020 fast 70Prozent seiner heutigen Wirtschaftsleistung, Österreich gar 77 Prozent.


Trübe Kristallkugel.
Das klingt ziemlich schlimm. Ist es das auch? Schon möglich. Interessant ist freilich, dass rechenfreudige Thinktanks und Wirtschaftsforschungsinstitute nie die Frage aufgreifen, wie hoch die Kosten des Alternativszenarios sind. Was also ein dauerhafter Verbleib von Griechenland, Portugal, Spanien und Italien die anderen Euroländer kosten würde. Wie viele Milliarden an Hilfsgeldern noch nötig sein werden, bis die angeschlagenen Länder wieder auf die Beine kommen, falls überhaupt. Wie heftig das Wachstum in den Geberländern durch die permanenten Finanzspritzen gebremst wird. Und um wie viel Geld die Sparer durch die Preisinflation erleichtert werden. Oder ist es tatsächlich so, dass das Drucken von Geld keine Inflation, sondern Wachstum für alle bringt, wie das die netten Herren an den Notenpressen so gern behaupten?

Antworten auf all diese Fragen wären überaus hilfreich. Sie würden der etwas ratlos durch die Rettungspakete irrenden Bevölkerung ein wenig Orientierung bieten. Und ihnen bei der Entscheidung helfen, welcher Weg denn nun aus ökonomischer Sicht der „günstigere“ wäre: Ein Auseinanderbrechen der Eurozone oder die Finanzierung der Transferunion durch die Geberländer und die Europäische Zentralbank.


Weniger rechnen, mehr denken. Auf all diese Fragen gibt es nur leider keine verlässlichen Antworten. Weil sich beide Szenarien nicht seriös berechnen lassen. Niemand kann heute sagen, wie Individuen auf Änderungen von morgen reagieren werden. Wer in Panik verfällt und zur Bank stürmt, wer ruhig bleibt. Weshalb es ziemlich lächerlich ist, Auswirkungen hoch komplexer Prozesse bis ins Jahr 2020 hochzurechnen – wo es den Wirtschaftsforschern doch nicht einmal gelingt, die kommenden sechs bis zwölf Monate einigermaßen verlässlich in Zahlen darzustellen. Der Mensch entspricht eben nicht dem neoklassischen Ideal des „Homo oeconomicus“, wie die Vertreter der Österreichischen Schule schon in den 1920er-Jahren feststellten. Was viele moderne Ökonomen nicht davon abhält, sich immer wieder in mathematische Modelle zu flüchten. Dabei sollten Wirtschaftswissenschaftler weniger rechnen, dafür mehr denken, wie Ludwig von Mises gern einforderte.

Die düsteren Weltuntergangsprognosen helfen freilich dabei, die Gelddruckmaschinen in den Kellereien der EZB am Laufen zu halten. Rätselhaft bleibt, warum ausgerechnet die Anhänger der Währungsunion derartige Horrorszenarien so lustvoll unters Volk bringen. Warum ausgerechnet sie auf den „vorübergehenden“ Einsatz der Notenpresse zur Bekämpfung budgetärer Probleme pochen. Wo doch genau das die Argumentation der erbitterten Eurogegner sein sollte. Denn dieser „vorübergehende“ Einsatz der Gelddruckmaschinen lässt sich nicht mehr so leicht abstellen, weshalb das auch die verlässlichste Methode ist, den Euro nachhaltig zu zertrümmern.


Verkehrte Rhetorik. Das wäre ewig schade. Der Euro ist für uns alle nämlich so wichtig, dass wir ihn nicht Regierungen überlassen dürfen, die Jahr für Jahr mehr ausgeben als sie einnehmen. Die so tun, als könnten sie Wohlstand einfach drucken lassen. Das trifft nicht nur die taumelnden Länder im Süden, sondern auch die sogenannten Geberländer, deren Interesse an einem „Wegdrucken“ finanzieller Probleme durch die EZB mindestens so groß ist wie in den Krisenstaaten.

Überzeugte Anhänger der Gemeinschaftswährung werden auch der Frage nachgehen, ob die Zukunft der Griechen und Spanier tatsächlich von den eingeleiteten Budgetkürzungen bedroht wird. Oder ob es nicht doch die vielen ungelösten strukturellen Probleme sind, die schon vor dem Eintritt in die Währungsunion auf die Wettbewerbsfähigkeit der heute von Sparprogrammen betroffenen Staaten drückten. Erarbeiten sich diese Länder ihre Konkurrenzfähigkeit nicht zurück, gibt es keine Aussicht auf nachhaltigen Wohlstand.

Wenngleich derartige Einschätzungen freilich nicht gerade das sind, was der mediale Mainstream als ungefärbte Information klassifizieren würde.



franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)