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Her aus dem Netzwerk des Terrors!

Wir müssen einmal begreifen, was es heißt, als Muslim im Westen zu leben. Plädoyer für einen dritten Weg zwischen Verschwörungstheorie und blindem "Krieg gegen den Terror".

Gang, religiöse Bewegung, Sektierer-Club? Al-Qaida im Windschatten der Geschichte

S
till ist es um al-Qaida geworden, im Auf und Ab des Medienbetriebes. Schon melden sich wieder einmal die Verschwörungstheoretiker zu Wort und denken öffentlich darüber nach, ob es sich bei Osama bin Laden nicht um einen "Bush Boogeyman" handeln könnte - eine kunstvolle Wortkonstruktion aus "Buhmann" und "Busch", die unterstellt, dass der einst als "Fürst des Terrors" Gehandelte einfach das Ergebnis einer neokonservativen medialen Verschwörung sein könnte. Bin Laden - oder wer auch immer heute in seiner Maske spricht - ist immerhin selbst kurz vor der US-Präsidentenwahl als "Buhmann" aufgetreten: Auf der Ebene der Gewaltausübung blieb seine Ansprache an die Amerikaner folgenlos, und man rätselt heute noch, welchem Kandidaten er wohl behilflich sein wollte. Wie der Anführer der zapatistischen Spaßguerilla in Mexico scheint er zur Medien- und Modefigur zu werden. Was sich aber gerade in diesem Moment für neue Szenarien des Schreckens unentdeckt vor uns aufbauen, wir wissen es nicht.

Suchen wir darum einen dritten Weg zwischen Verschwörungstheorie und blindem "Krieg gegen den Terror". Als Vorbild könnten die Anstrengungen westlicher Soziologen und Ethnologen gelten, die italienische Mafia zu begreifen. Jane und Peter Schneider, Doyens der weltweiten Mafiaforschung, haben diesen Winter mit ihrer Wiener "Eric Wolf Lecture" (organisiert vom IFK und vom universitären Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie) ein Beispiel für differenzierten Umgang mit der Dekonstruktion und Rekonstruktion eines stereotypischen Bildes von Netzwerken der Gewalt gegeben.

Viel Zeit musste vergehen, bis die erste Generation der Mafia-Soziologen begriff, dass es nicht nur um eine kaputte "Kultur der Armut", der Schutzgelderpressung und so weiter ging, nicht bloß um eine wie kopflos agierende "Krake" der Verwahrlosung in sizilianischen und kampanischen Elendsvierteln. Dass die "Syndikate" phasenweise zu zentral gelenktes Imperien des Bösen und "global actors" des Verbrechens werden können, wurde erst durch die todesmutigen Untersuchungsrichter der Antimafia-Bewegung erkennbar, erklärte Jane Schneider, durch die Welle der Prozesse Anfang der 90er Jahre.

Ähnlich kann man unsere Bilder der terroristischen "Basis" des Islamismus in Phasen und Schichten einteilen - mal erscheint al-Qaida als fest geknüpfte verbrecherische Struktur, mal als Papiertiger und Medienereignis. Am Anfang stand die naive Angst, all das habe mit dem Islam an und für sich zu tun, der im "Kampf der Kulturen" (Samuel Huntington) den Westen bedrängt. Intellektuelle wie die Schriftstellerin Arundhati Roy kritisierten die damit verbundene Überschätzung des Westens als einzigartige Kultur der Menschenrechte heftig: Ohne die Armut der Dritten Welt sei das Attentat des elften September undenkbar.

Diese These vom spontanen Zusammenhang von Armut und Terror wurde aber durch die Mittelschicht-Herkunft vieler al- Qaida-Terroristen in Frage gestellt. Al-Qaida sei kein Ausdruck traditionaler islamischer Mentalität, sondern gerade das Gegenteil, eine Modernisierungsbewegung, eine Reaktion auf den Schock der Globalisierung - so diagnostizierte der Philosoph Nawid Kermani die Selbstmordattentate als Teil eines seit Nietzsche gut dokumentierten westlichen Nihilismus.

Dem widersprachen dann wieder die Thesen der Religionswissenschaftler und Islamforscher Hans Kippenberg und Tilman Seidensticker in ihrer sensationellen deutschen Ausgabe der Handlungsanleitung für Mohamed Atta und seine Mitstreiter ("Terror im Dienste Gottes"). Hier erscheint der Anschlag als sufistisches Ritual der Selbstheiligung, die Flugzeugbesatzungen werden zu Opfertieren einer Schächtung.

Mentalitätstheorie steht damit gegen Verelendungstheorie, und quer zu beidem wird Islam mal als Tradition, mal als Modernität betrachtet, mal als unwandelbare "Kultur", mal als Prozess des Wandels. Unberücksichtigt bleibt dabei meist der Jenseitsglaube der Attentäter, den man aber mit Joseph Croitoru ("Der Märtyrer als Waffe") wiederum wie eine mystische Fortsetzung menschlicher Tauschbeziehungen über den Tod hinaus verstehen kann, und damit auch wieder ganz banal als Versorgung der Hinterbliebenen in einem Netzwerk der "Wohlfahrt". Die Selbstmordattentäter werden, so Croitoru, systematisch und rational am Vorbild des japanischen Kamikaze geschult, bringen dazu jedoch eine Grunderfahrung des Leidens am Zwiespalt und an den Traumata der Moderne mit.

Planvolles, zentral gelenktes und finanziertes Handeln der Drahtzieher des Terrors überblendet sich mit authentischen Problemen junger Muslime, die am Kulturwandel und an der Verelendung ihrer Heimaten verzweifeln. Al-Qaida ist keine "Business Administration" und auch kein Netzwerk von Stammesmitgliedern allein, es ist kein Staat, keine Jugend-Gang, keine religiöse Bewegung und kein Club megareicher Sektierer, sondern ein bisschen von all dem, in stets sich wandelnden, auf die Reaktionen des Westens reagierenden Formen.

Wenn es uns nicht gelingt, zumindest die westlichen Muslime in einen kulturellen Dialog einzubinden, dann wird das Projekt der Aufklärung mit all seinen Hunderttausenden von Websites, Datenbanken und Büchern vielleicht an einer Reaktion auf den Westen scheitern, die vorgibt, sich auf ein einziges altes Buch zu berufen. Unter Dialog verstehe ich hier nicht multikulturalistisches Blabla oder Festreden.

Ich verstehe darunter, dass wir erst einmal begreifen müssen, was es heißt, als Muslim in Deutschland, Österreich oder Frankreich zu leben - oder mit der allgegenwärtigen Präsenz der USA in dieser Welt. Ost und West, islamische Alltagspraktik und westliches evolutionäres Denken, Kriegserfahrung an den Rändern der westlichen Welt und unser eigener Überdruss an dem Konsumismus, mit dem wir die ganze Welt überziehen - all das muss redlich nebeneinander gelegt und verarbeitet werden.

Österreich könnte in diesem Vermittlungsprozess eine Vorreiterrolle spielen, denn hier gibt es ein Islamgesetz, hier gibt es entwickelte interkulturelle Wissenschaften, hier gibt es alt eingesessene reform-muslimische Vereinigungen, eine Vielzahl spiritueller Experimente und auch ganz jugendfrische Neugründungen wie die Wiener Gruppe "Der Friede". Jetzt, in der Atempause, die uns die Wahlen im Irak, der Neuansatz in Palästina und die Katastrophe der südostasiatischem Muslime im Tsunami geben, sollten wir die Zeichen der Zeit erkennen. Lasst uns auf unsere muslimischen Nachbarn zugehen, lasst sie uns einbinden in unsere Welt. Akzeptieren wir aber auch die Einbindung in ihre Welt. Reißen wir sie her aus dem buntscheckigen weltweiten Netzwerk des Terrors, der Verschwörung und des wie blind, geradezu schon wieder maschinell betriebenen Krieges - auch um damit uns selbst zu befreien von einem Nachtmahr namens al-Qaida.

Thomas Hauschild ist Professor für Ethnologie an der Universität Tübingen. Derzeit ist er Visiting Fellow am IFK (Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften) in Wien. Dort forscht er über politisch-religiöse Begegnungen und lokale Symbiosen im Mittelmeerraum. Am Montag, 24. 1., 18 Uhr, spricht er im IFK (Wien 1, Reichsratsstr. 17).