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Geschöpf ohne Gewissen

In seinem Schelmenroman „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ lässt Michael Köhlmeier den Helden mit Charme und ohne Skrupel durch die politischen Erdbebenzonen europäischer Zeitgeschichte wanken.

Wenn alle Geschichten erzählt sind, fällt Michael Köhlmeier sicher noch eine allerletzte ein. Auf den 650 Seiten seines neuen Romans hat ermindestens zwei Novellenbände und drei Sammlungen mit Geschichten ausgebreitet; und was anderen, die auf die Ökonomie des Erzählens achten, für mehrere Romane gereicht hätte, hat er verschwenderisch in einem einzigen aufgebraucht. Kommt diesem Autor, kaum dass er eine Erzählung zu Ende geführt hat, wie von selbst die nächste zugeflogen? Oder wird bei ihm umgekehrt nur eben stets eine Geschichte draus, egal wovon er zu sprechen beginnt?

Jedenfalls findet dieser produktivste Schriftsteller seit Manuel Vázquez Montalbán – der Spanier brachte es zuverlässig auf fünf Bücher im Jahr – mit seinen Romanen und Sammlungen von Sagen und Märchen nicht das Auslangen. Darum hat er zwischen diesen großen immer auch kleinere Arbeiten veröffentlicht, von denen einige, aus gebührendem Abstand betrachtet, zu seinen besten zählen. Diese schmalen Erzählwerke, etwa „Sunrise“ von 1994 oder „Der Tag, an dem Enrico Zanetti berühmt war“ von 2002, kommen ohne kommentierendes Beiwerk aus und haben oft etwas Schwebendes, Rätselhaftes, weil Köhlmeier, was er in ihnen erzählt, nicht selbst auch noch erläutert.

Wenn Köhlmeier die antiken Sagen, die deutschen Märchen, die Bibel, die Dramen Shakespeares nacherzählt, zieht er die erzählerischen Fäden nicht so fest an; auch sprachlich geht er dann weniger lakonisch zu Werke, was auch mit dem oralen Charakter dieser Bücher zu tun hat, die sich – als Serien für den Rundfunk entstanden, als Hörbücher überaus populär – erst in zweiter Linie an Leser wenden.


Monströs trotz betörender Anmut

In welche interne Rangordnung immer man die Bücher Köhlmeiers bringen möchte, jedes spricht für die gleiche Leidenschaft des Verfassers: Köhlmeier ist nicht nur überzeugt, dass die Welt erzählt werden kann, sondern auch, dass aus dem, was den Menschen historisch widerfährt, Geschichten werden müssen, in denen ihr Schicksal anschaulich wird und aufgehoben bleibt.

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Autor jetzt auf den Schelmenroman gekommen ist, bietet dieser doch ein Bild der Geschichte, indem er vielerlei wilde, bizarre, ordinäre, herzergreifende Geschichten erzählt; und vom großen Krieg und der allgemeinen Verheerung berichtet er plastisch und drastisch anhand der Abenteuer, die ein einzelner zu bestehen hat. Auch verlangt das Genre mit seiner weit zurückreichenden Tradition, die Erzählung nicht auf geradem Wege rasch zu ihrem Ende zu führen, sondern abzuschweifen, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Der Schelm, wie er von Grimmelshausen in der deutschen Literatur heimisch gemacht wurde, ist ein abgründigerer Charakter, als es die heutige Bedeutung des Wortes fasst. Er ist in Zeiten der Gewalt und des Aufruhrs ein geprügelter Kerl, der sich selber prügelnd behauptet, der Grauenhaftes durchlebt, aber, wenn es ihm nutzt, auch selbst vor keiner Grausamkeit zurückschreckt.

In „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ hat Köhlmeier einen Schelm im originalen Sinne erschaffen. Sein Held und Ich-Erzähler, dessen Lebensweg wir von 1949 bis in die Gegenwart, von Budapest über Wien, Feldkirch, Liechtenstein, New York nach Ostberlin und zurück nach Wien verfolgen, ist ein Monster, ein Lügner von klein auf, ein Betrüger, Erpresser, Dieb, Verleumder und Mörder; monströs sogar in seinen gewinnenden Zügen, setzt er seine betörende Anmut und Schönheit rücksichtslos ein, um an seine Ziele zu gelangen. „Er kann mit seinem Charme die Vögel von den Bäumen holen“, warnt der Präfekt eines katholischen Internats, der um die Verwirrung weiß, die dieser schöne Jüngling stiftet, dem es an der Fähigkeit gebricht zu unterscheiden, „was gut und böse ist“. Denn seine Seele ist beständig immer „zwischen vier und sieben Jahre alt, und so alt wird sie bleiben bis an mein Ende“.

Und das kam so: Joel wächst in Budapest bei seinem Großvater, einem angesehenen Internisten, und der Großmutter, einer sinnenfrohen Ägyptologin, auf. 1953 wird in allen Provinzen des stalinistischen Reiches eine abstruse Kampagne gegen die Ärzteschaft entfacht. Auch in Ungarn verschwinden zahllose Mediziner in den Verliesen der Geheimpolizei, um später vor Gericht zu gestehen, dass sie irgendeinem Parteikader, dem sie niemals begegnet sind und der sich bester Gesundheit erfreut, im Operationssaal vorsätzlich das Leben nahmen. Joels Großvater bekennt gar, als Konterrevolutionär versucht zu haben, den Parteivorsitzenden Rákosi während einer Gallenblasenoperation zu ermorden. Die Großeltern werden in Haft genommen, ihr vierjähriger Enkel aber bleibt alleine in der Wohnung zurück.

Fünf Tage und vier Nächte ist er völlig auf sich gestellt, doch die Einsamkeit wird ihm rasch vertraut, er beginnt mit den Gegenständen zu sprechen, erschafft sich sein eigenes kleines Reich, in dem er als unumschränkter Herrscher regiert. Er wird später die Menschen, mit denen er es zu tun bekommt, durchschauen, aber keine Gefühle entwickeln können: In der Verlassenheit jener Tage ist er unerschütterbar geworden, so wie einst Siegfried unverwundbar wurde, nachdem er im Blut des Drachen gebadet hatte.

Köhlmeier schlägt einen großen Bogen über 50 Jahre europäischer Geschichte, und dabei geht es, wie es der Schelmenroman erlaubt und der Titel verspricht, recht abenteuerlich zu. Wir begleiten das Kind, das keine Konflikte des Gewissens kennt, 1956 nach Österreich, wo es mit seiner Familie als Flüchtling unterkommt; wir sehen den Jugendlichen in einem Internat im Vorarlberg der frühen 1960er-Jahre und später in einem Schweizer Gefängnis, in dem er wegen eines gleichermaßen gefühllos wie absichtslos begangenen Mordes einsitzt.

Das sechste von zwölf großen Kapiteln, den Jahren im Gefängnis gewidmet, ist grandios konzipiert und meisterlich erzählt. Von jedem Zellengenossen Joels erhalten wir ein packendes psychologisches Porträt, wie nebenhin entwirft und schürzt Köhlmeier die Konflikte, in der kleinen Zelle wirddas große Welttheater gespielt; und hätte ihr Verfasser diese 60 Seiten aus dem Roman ausgebucht und für sich publiziert, es gälte ein weiteres seiner kleinen Bücher zu rühmen, die den Vergleich mit den großen nichtzu scheuen brauchen.

Das Romangeschehen, das von den stalinistischen Verbrechen in Ungarn in Gang gesetzt wird, führt den Schelm nach seiner Entlassung aus der Haft auf einen Kongress der österreichischen Kommunisten, auf dem 1975 merkwürdigerweise noch die1969 allesamt ausgeschlossenen „Eurokommunisten“ das Sagen haben; weiter ins glückliche Italien, wo sich die weltoffenen Kapitalisten der schönsten kommunistischenTöchter erfreuen, und endlich nach Kuba und in die DDR. Dort wird der Hochstapler zum Liebling der Partei, er steht mit dem Ehepaar Honecker auf vertrautem Fuß, was uns einige Einblicke in den privaten Haushalt und die Seelengeschichte der Mächtigen des realen Sozialismus gibt, und ergaunert sich einen universitären „Lehrstuhl für wissenschaftlichen Atheismus“.


Zufall: der Spitzname der Gnade

Worüber Köhlmeier seine Figuren auchsprechen lässt, das Spezial- und Detailwissen, über das er verfügt, ist frappant. Ob über mathematische oder theologische Fragen disputiert wird, ob es um Jazz oder Astronomie, die Mystik Meister Eckharts oder die Legenden der Stadt Jericho geht; um Gefängnisreformer der Sechziger-, ideologische Debatten der Siebziger-, um den Drogenhandel im Wien der Achtzigerjahre – Köhlmeier weiß stets Bescheid. So integriert er eine immense Fülle an Bildung in die Geschichte seines Helden, der durch die politischen Erdbebenzonen der Epoche wandert. Im Roman finden sich blendende Essays, etwa über die Rolle des Zufalls in der menschlichen Historie und der göttlichen Heilsgeschichte („der Zufall ist der Spitzname der Gnade“), gewitzte Abhandlungen und zahlreiche spannende Exkurse über, ja über Gott und die Welt.

Manchmal tut der Autor hier des Guten zu viel, wenn er seitenweise rapportiert, was zu einem bestimmten Zeitpunkt der Handlung alles in der großen weiten Welt geschehen ist. Mich hat das manchmal an die Musiksendungen des legendären Radiomoderators Günther „Howdy“ Schifter erinnert, der keine seiner alten „Schellacks“ auflegte, ohne Anekdoten über die Entstehungszeit des jeweiligen Musikstücks vorauszuschicken. Was den realen Sozialismus betrifft, so zeigt Köhlmeier ihn in seinem wohlverdienten Untergang. Die sozialen Anliegen, die dieser pervertierte und selbst zerstörte,scheinen ihm hingegen nicht überholt zu sein. Allerdings gestaltet sein Roman dies nicht, da er ja in der DDR hauptsächlich in den Kreisen der Nomenklatura, der Funktionäre, der Verwalter und Verweser des Sozialismus spielt, also nicht gerade dort, wo sich in der Gesellschaft gegebenenfalls solidarische Tugenden entfaltet haben.

Köhlmeier ist ein subtiler psychologischer Erzähler, was ihn zu dem Genre, das er dieses Mal gewählt hat, in einen eigentümlichen Widerspruch versetzt. Ich meine damit weniger, dass er Popanze der Macht wie Erich Mielke mit satirischem Witz destruiert, aber dann doch mit reichem Innenleben ausstattet. Der psychologische Realismus des Autors stößt sich vielmehr an seiner Hauptfigur selbst. Joel ist als Geschöpf ohne Gewissen und moralisches Empfinden entworfen, und doch seziert Köhlmeier energisch die Gefühle dieses Menschen, der eigentlich gar keine hat. Das ist unlogisch; freilich, wie Köhlmeier das tut, ist es in seiner Unlogik trotzdem gut.

In wiederholten Einschüben thematisiert der Roman seine eigene Verfertigung. Wie in „Abendland“, seinem bedeutenden Roman aus dem Jahr 2006, lässt Köhlmeier auch dieses Mal einen Schriftsteller namens Sebastian Lukasser auftreten, der dem literarisch unbedarften Joel manchen literarischen Rat und Hinweis gibt. Ich frage mich, ob dieses Spiel um Autor, Autorenfigur und Ich-Erzähler nicht ein artifizielles Freispiel ist, das für den Roman wenig bringt, auch wenn es dem Autor, der sich in Lukasser spiegelt, wert und teuer sein mag. Aber wannsonst darf ein Autor auch mit dem Überflüssigen prunken, wenn nicht in einem solchen Schelmenroman, mit seiner überwältigenden Fülle an Geschichten, Schicksalen, Gestalten? ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2013)