Kurt Schuschnigg warnt die österreichischen Nationalsozialisten

(c) ORF (�nb Bildarchiv Austria)

Dramatische Rede am 24. Februar 1938. „Bis hierher und nicht weiter! [. . .] Bis in den Tod! Rot-Weiß-Rot! Österreich!“

Am 24. Februar, 19 Uhr, will der österreichische Kanzler und „Führer der Vaterländischen Front“, Kurt v. Schuschnigg, vor seine Landsleute und die Welt hintreten; auf den großen Plätzen Wiens werden Lautsprecher installiert, die Theater sagen Abendvorstellungen ab; Kurse und Vorträge in der Urania sind storniert; Bürgermeister Schmitz ruft die Hauseigentümer auf, der Bedeutung dieser Rede „für unser geliebtes Vaterland“ mittels Beflaggung Rechnung zu tragen. „Mit den österreichischen Fahnen“, damit ja kein Missverständnis aufkomme.

Im historischen Reichsratssitzungssaal des Parlaments dominiert ein über die ganze Breite gespanntes rot-weiß-rotes Fahnentuch, darauf der Doppeladler und das „Kruckenkreuz“ des „Ständestaates“. Gewählt hat diese Bundesversammlung niemand. Aber der beeindruckende Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Welt horcht auf – ohne Übertreibung: Fast alle mitteleuropäischen Sender übertragen, ebenso mehrere amerikanische.

Man muss zwischen den Zeitungszeilen lesen. Denn in der christlichen „Reichspost“ etwa wird nur die halbe Wahrheit enthüllt. Nach der demütigenden Aussprache mit Hitler auf dem Obersalzberg sei nun der Friede zwischen den „beiden deutschen Staaten“ ein für allemal gesichert, behauptet der Bundeskanzler. Die Amtswalter der „Vaterländischen Front“ hören dies nur allzu gern. Und: „Ich glaube dem Wort und der Unterschrift des deutschen Reichskanzlers“, ruft er dem dicht gedrängten Auditorium zu. Denn: „Die Weltordnung würde in ihren Fundamenten erschüttert, wenn Abmachungen zwischen Staatsführern nichts weiter wären als trügerisches Machwerk, nur ein Mittel zur Übervorteilung des anderen, nur den erstrebten Triumph über den Partner erleichternde Etappen . . .“ Schuschnigg ist unfreiwillig unwissentlich Prophet: „Aus wäre es mit dem Ruf des deutschen Namens in der Welt, wenn das gegebene deutsche Wort in Verruf käme, wenn ein deutscher Handschlag nicht mehr anders bewertet würde als jener weltgeschichtliche Kuss, mit dem einst Treulosigkeit ihre Untat besiegelte, als der Händedruck, den Hagen mit Siegfried wechselte. Das Staatsoberhaupt des Dritten Reiches besitzt das Wort des politischen Führers von Österreich, wie dieser das Wort des Reichskanzlers. Dies muss genügen, dies muss halten wie Stahl.“ Der deutsche Friede vom Obersalzberg müsse in die Geschichte eingehen „als ein Exempel deutscher Treue!“

Das ist aber nur der gereinigte Text, den die österreichischen Zeitungen veröffentlichen. Was Schuschnigg noch gesagt hat, ist den Bild- und Tondokumenten zu entnehmen. Da klingt die Sache ganz anders.

„Der erste und einzige Punkt der Tagesordnung ohne Allfälliges und ohne Debatte lautet: Österreich!“ (Stürmischer Beifall).

Die Regierung (also auch die NS-Minister Seyß-Inquart und Glaise-Horstenau) stehe unverrückbar auf dem Boden der Verfassung von 1934. „Sie erachtet es daher als ihre erste und selbstverständliche Pflicht, mit all ihren Kräften die unversehrte Freiheit und Unabhängigkeit des österreichischen Vaterlandes zu erhalten!“

Und dann warnt Schuschnigg die österreichischen Nationalsozialisten unmissverständlich: „Es ist vereinbart und festgestellt, dass die bisherige Illegale in Österreich in keiner Weise auf Deckung durch außerstaatliche Stellen oder auf Tolerierung durch die österreichische Bundesregierung rechnen kann, dass vielmehr jede gesetzwidrige Betätigung zwingend der in den Gesetzen vorgesehenen Ahndung verfallen wird.

[ . . . ] Wir wissen genau, dass wir bis zu jener Grenze gehen konnten und gingen, hinter der ganz klar und eindeutig steht: Bis hieher und nicht weiter!“ Nicht Nationalismus oder Sozialismus in Österreich, sondern Patriotismus sei die Parole. „Und was gesund ist von den verschiedenen Gedanken und Programmen, das findet Platz in der ersten nationalen und sozialen Bewegung im Vaterland, in der Vaterländischen Front!

[ . . . ] Und weil wir entschlossen sind, darum steht der Sieg außer Zweifel. Bis in den Tod! Rot-Weiß-Rot! Österreich!“ Er schreit es, so laut er eben kann. Tosender Applaus, wie ihn der Mann noch selten einheimsen durfte.

In Deutschland wird indes Pastor Niemöller in Schutzhaft genommen, weil er sein „staatsverräterisches Treiben weiter fortsetzen“ wolle. Und Niederösterreich bekommt eine neue Landeshymne. Den Text hat der St. Pöltner Heimatdichter Josef Wagner beigesteuert:

Das Land, das schon die Ahnen

Geliebt in Freud und Not,

Lasst stolzer weh'n die Fahnen

Blau-gold und rot-weiß-rot.

Ob andern Gauen Weisen

Erklingen süß und weich,

Ich will vor allem preisen:

Mein Niederösterreich!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2013)