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Unter Männern

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Männer bringen's angeblich nichtmehr. Das brauchen sie auch gar nicht. Frauen hingegen bringen's. Es nützt ihnen nur wenig. Für einen Weg ins Freie, raus aus dem Geschlechterkonstrukt: zu befreiter, eigensinniger Weiblichkeit und Männlichkeit.

Maskulistische Opferdemagogen, neuerdings auch frauenfreundliche und männerbekümmerte Antifeministinnen malen den Untergang derMänner an die Wand und auch gleich den Aufstieg der Frauen. Männer bringen's angeblich nicht mehr. Das brauchen sie aber auch gar nicht! Frauen hingegen bringen's. Es nützt ihnen nur wenig!

Das Patriarchat lässt sich durch weiblicheLeistung nicht aushebeln. Macht zeigt sich jagerade darin, keine guten Argumente haben zu müssen. Roda Roda brachte dieses Privileg auf den Punkt: „Schon wieder kommt eine Schneiderin mit religiösem Wahnsinn ins Irrenhaus. Seit Menschengedenken ist dies keinem Bischof passiert!“ Und Ginger Rogers musste bereits in den 1930er-Jahren zur Kenntnis nehmen, dass sie alles machte, was Fred Astaire tat, und das rückwärts und auf Stöckelschuhen. Dennoch bekam Fred Astaire die höhere Gage.

Vor einiger Zeit beklagte sich ein Manager in einer Tiefbauabteilung der öffentlichen Verwaltung bei mir über den Umstand,dass heute bei Aufstiegsbewerbungen nicht wie früher die Erfahrung zähle, sondern Assessments veranstaltet würden. Er konstatierte: „Da sind die Frauen natürlich besser – die bereiten sich ja vor!“ Geschützte Werkstättender Männer werden zurzeit etwas durchlüftet.Unternehmungen nützen die Wirtschaftskrise, um gesicherte Arbeitsplätze abzubauen unddann prekäre Anstellungen auszuschreiben. Bei Neubewerbungen kommen tatsächlich häufiger Leistungsstandardszur Geltung. Da kann es schon vorkommen, dass Männer einmal ins Hintertreffen geraten. Daraus aber ein Ende der Männerherrschaft abzuleiten wäre verfehlt.

Schon gar nicht bedeutet der Umstand, dass nun auch Männer prekär beschäftigt werden, einen Aufstieg der Frauen. Neoliberale Umstrukturierung des Arbeitsmarktes und steigende Erwerbsquote der Frauen bringen keineswegs eine Umverteilung existenzsichernder Arbeit zwischen Männern und Frauen. Die Einkommensdifferenz zwischen den Geschlechtern ist seit den 1970er-Jahren konstant (EU-Durchschnitt: 16 Prozent, Österreich: 24 Prozent, in der EU nur von Estland übertroffen). Und das, obwohl Frauen seit vielen Jahren mehr höhereSchulabschlüsse vorweisen und in den Studienabschlüssen mit Männern gleichgezogen haben, beides mit besseren Noten. Zwar werden immer mehr Frauen erwerbstätig, konkurrieren auf dem Arbeitsmarkt aber de facto nicht mit Männern, sondern vor allem untereinander, im Niedriglohnbereich und um Teilzeitjobs. Männer besetzen weiterhin mehrheitlich die gut abgesicherten Arbeitsplätze und dominieren in jenen Arbeitsfeldern, in denen Frauen mittlerweile den Großteil der Zuarbeit leisten.

Armut ist weiblich. In Österreich, in der EU und weltweit. Weibliche Armut ist und bleibt Garant männlicher Herrschaft und männlichen Profits. Eine wachsende Profitquelle stellt der Frauenhandel dar. EU-Angaben sprechen von 500.000 Frauen, die jährlich in Westeuropa zur Prostitution gezwungen werden. Ein Opfer bringt im Jahr bis zu einer Million Euro Umsatz. Männer profitieren von weiblicher Armut nicht nur als Händler und Freier. Die billige Verfügbarkeit beispielsweise osteuropäischer Frauen hilft westlichen Männern, sich gegen Forderungen ihrer Frauenzu immunisieren. UndFrauen, hochgelobt wegen ihrer Anpassungsfreudigkeit, sind mitunter bereit, ihr Anspruchsniveau zu senken.

Hanna Rosin konstatiert in ihrem Buch „Das Ende der Männer“ den Aufstieg der Frauen und sieht diesen in deren „Anpassungsfreudigkeit“ begründet. Weibliche Tugenden würden Frauen in Zukunft an die Spitze der Gesellschaft bringen. Ein Blick auf vorgeblich „zukunftsträchtige“ weibliche Stärken sollte skeptisch machen. Nach einer kurzen Epoche zarter symbolischer Dekonstruktion der Geschlechter, beginnend in den 1960er-Jahren, ist der Zeitgeist nun von einem „Re-design der Geschlechter“ geprägt. Da und dort zeigen sich Bemühungen, „männlich“ und „weiblich“ wieder deutlicher zu konturieren, alte Mythen der Geschlechterdifferenz aufzuwärmen respektive entsprechende Ungleichheit neu zu konstruieren. Die Erotikindustrie lässt Brüste und Lippen der Frauen aufblasen. Männer sehen sich veranlasst, ihre Muskeln aufzubauen und ihre Genitalien vergrößern zu lassen. Die Mode zwängt Frauen wieder in Brustgeschirre und vorgeformte Wäsche.

Im professionellen Zusammenhang laufen die Zuschreibungen an Frauen unter dem Überbegriff „soziale Intelligenz“. Beschworen werden etwa weibliche Flexibilität, Kommunikationsfähigkeit, Integrativitätoder ihre Ethik der Hingabe. So loben etwa Topmanager Frauen als bescheiden, konsensorientiert und diplomatisch. Aber nur wenigerals zehn Prozent einer repräsentativen Gruppe männlicher Spitzenkräfte in Deutschland halten solche Eigenschaften im Management für einen Gewinn. Michael Hartmann, Eliteforscher, hat herausgefunden, dass Personalverantwortliche innerhalb von 30 Sekunden entscheiden, „ob der neue Mann zu ihnen passt“. Bei Frauen haben sie kein so gutes Gespür. Ausschlaggebend, um Einlass zu finden bei den euphemistisch „Eliten“ Genannten, ist zunächst einmal Ähnlichkeit. In Entscheidungspositionen sitzen vorwiegend Männer, schlechte Karten also für Frauen.

Weiters geht es um den richtigen Habitus. Um das Beherrschen der gültigen Codes in Aussehen und Verhalten, um unternehmerisches Denken – Zuversicht, Risikobereitschaft, Entscheidungsfreudigkeit – und um Signale persönlicher Souveränität – offener Blick, fester Händedruck, ruhiger, festerSchritt, klare Artikulation und gelassene Aufmerksamkeit. Ein Habitus dieser Art wird weltweit mit Dominanz assoziiert.

Das Patriarchat lebt von der Leitdifferenz Mann–Frau. Habituelle Dispositionen von Frauen wie von Männern sind Effekte der Inkorporierung patriarchaler Ordnung. Deshalb bestätigen Männer wie Frauen immer wieder stereotype Vorurteile. In ihrem geschlechtsklassenspezifischen Habitus befangen, empfinden sie ständig ihren gesellschaftlichen Rang und stellen ihn zugleich für andere dar. Dergestalt reproduzieren siemit ihrem Auftreten stets die herrschenden Machtverhältnisse.

Das weibliche Sein ist über weite Strecken bestimmt vom Wahrgenommensein (Pierre Bourdieu). Aufgefordert zu gefallen, registrieren Frauen ständig die Diskrepanz zwischen ihrem realen Leib und einem idealen Körper. Nicht Selbstsicherheit und Lässigkeit stellen sich ein, sondern Hemmungen.Frauen krümmen sich und machen sich klein.Auch die Mode ruft Frauen zur Ordnung. Hohe Absätze verleiten dazu, die Schultern nach vorne zu neigen. Kleidung und Accessoires bestimmen Haltung, Form sowie Ausdehnung des weiblichen Körpers und schränken die Bewegungsfreiheit ein. Schließlich gehen Frauen auch dann noch mit schnellen kleinen Schritten und halten die Beine zusammen, wenn sie Hosen und flache Schuhe tragen. Dominante Individuen heben den Kopf, sie bieten die Stirn, sie strecken den Oberkörper. Sie gehen und stehen aufrecht, häufig breitbeinig. Das vermittelt Übersicht, Standfestigkeit und zeigt, dass sie sich Raum nehmen.

Das weibliche Schönheitsideal entsprichtheute wieder mehr als etwa in den 1970er-Jahren dem Kindchenschema. Indem Frauen sich die Augenbrauen zupfen, höher ziehen und ihre Lippen voller erscheinen lassen oder plastisch vergrößern, bauen sie permanente Submissionszeichen auf. Frauen sollen betören. Tun sie das, werden sie als untauglich für den Zugang zur Macht befunden. Verweigern Frauen im Gegenzug Koketterie, wird ihnen schnell Weiblichkeit abgesprochen. Die reklamierten „weiblichen Tugenden“ lassen Frauen nicht nur gute Miene zum bösen Spiel machen, sie verführen auchdazu, sich kontinuierlich und unselektiv als anstrengungsbereit anzubieten.

Ein Teilnehmer an einer meiner Studien brachte es auf den Punkt: „Ich arbeite gerne mit Frauen, die arbeiten wie die Waglhund.“ Er sprach von Diplomingenieurinnen. Frauen neigen dazu, sich unterschiedslos zu verschleißen, wo sie gerufen werden. Nicht nur in der Erwerbsarbeit, auch in der unbezahlten Care-Arbeit. Das erschwert ihnen, Kräfte gegebenenfalls für lohnenswerte Höchstleistungen zu bündeln. Mit unselektiver Leistungsbereitschaft verschaffen sie sich keinen Respekt, geschweige denn Dominanz.

Auch Sprache hat Distinktionsfunktion.Sprachstile drücken Machtbeziehungen aus und stellen solche gleichzeitig her. Mädchen lernen früher und besser sprechen als Buben. Sie werden von klein auf weniger beachtet, müssen sich pointierter zu Wort melden. Ihren Vorsprung verlieren sie jedoch im Laufe der Schulzeit, indem sie bereits da den Habitus der Zurückhaltung annehmen. Ihre Bereitschaft, zuzuhören und andere ausreden zu lassen, wird Frauen in der Folge hoch angerechnet. Meine Forschungsbefunde sprechen allerdings dafür, dass Frauen ein weniger „rücksichtnehmendes“ Verhalten besser bekommt. Frauen sind hervorragend in der Verwendung der Sprache als Medium des gemeinsamen Denkens.Es gelingt ihnen allerdings vor allem dann, die Rationalität eines Gruppengeschehens zu optimieren, wenn sie nicht zu sehr das Befinden anderer im Auge haben. Ihre Zurückhaltung wird Frauen zum Problem, wenn sie sich inGruppen verbal durchsetzen sollten und wenn es um sprachliche Selbstdarstellung geht. Frauen sprechen schneller und kürzer als Männer. Beides signalisiert, dass sie sich selbst weniger Raum zugestehen und von der Relevanz ihres Textes weniger überzeugt sind. Ihre Anliegen formulieren sie häufig indirekt, und sie neigen dazu, konfrontatives Streiten zu vermeiden. All das wird oft als „Diplomatie“ schöngeredet, signalisiert letztlich aber Unterwerfung.

In Schulnoten, Anstrengungsbereitschaftund formaler Qualifikation mögen Mädchen und Frauen viele Männer bald überflügelt haben. Gerade solche Vorzüge waren aber nie Garanten für Gestaltungsmacht. Viel erfolgsträchtiger sind informelle Qualitäten wie Selbstvertrauen, Wettbewerbsorientierung, Unabhängigkeit und breite „Seilschaften“. Da haben Buben und Männer die Nase vorn, und nichts weist darauf hin, dass ihnen diesbezüglich Frauen den Rang ablaufen könnten. – Schlechte Schulleistungen werden oft als Indiz dafür genommen, dass sich das männliche Geschlecht auf dem absteigenden Ast befände. Buben fahren in ihrem Ringen um Männlichkeit tatsächlich Kollateralschäden ein. Schulische Leistung steht nämlich für „mädchenhaft“. Schulische Erfolgstypen werden nicht nur von Schulkameraden als „unmännlich“ codiert, sondern auch von Lehrpersonen. Diese sind auch geneigt, in minderleistenden Buben „underachiever“ zu sehen, nicht Versager, während sie hochleistende Mädchen als „overachiever“ ansehen, die sie für ihren Fleiß loben, nicht für ihre Fähigkeiten. Für Knaben bringt das Unterlaufen schulischer Anforderungen Prestige, während Attribute wie „klug“/„Streber“ angesehene Positionenin der Peergroup schwer möglich machen. Vorlieben von Mädchen – wie Lesen, Schreiben, auch künstlerische Betätigung und Übungsspiele ohne direkte Konkurrenz – werden vonLehrerinnen zwar wohleher offen honoriert als der gelebte Bewegungsdrang von Buben, deren lautes Imponiergehabe und ihre Regelspiele mit offener Konkurrenz. Aber Buben lernen im Rahmen ihres Agierens Raum zu greifen und gewinnen Geschmack daran, spielerisch um Regeln zu streiten sowie rituelle Kämpfe zu führen. Deshalb werden sie später im öffentlichen Feld, in dem Entscheidungen und Rangordnungen auf ähnliche Weise ausgehandelt werden, kompetente Spieler sein. Ich vermute, dass insgeheim allen Beteiligten im Erziehungsspiel dasVerhalten der Buben mehr imponiert und es deshalb informell stärker honoriert wird. Jedenfalls wächst das Selbstvertrauen der Buben in der Adoleszenz, während jenes der Mädchen sinkt.

Männer entwickeln jedoch auch echte Schwächen. So erkennen sie beispielsweise Gefühlsausdrücke in der menschlichenMimik schlechter als Frauen. Besonderstaub sind sie für traurige Frauengesichter. Selbstverständlich haben sie gute Gründe, weibliche Traurigkeit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Sie ersparen sich einen Perspektivewechsel und unangenehme Gefühle. Auf diese Weise bewahren sie kühlen Kopf für die harten Fakten der Realität und können sich auf ihre – die „ernsten“ – Spiele in der Gesellschaft konzentrieren. Männer können sich undifferenzierte Wahrnehmung bestimmter Realitätsausschnitte leisten. Das beschriebene Beispiel stellt bloß einen Sonderfall herrschaftslegitimierter Einfalt dar. Für Beherrschte war es immer schon opportun, eine ganz spezielle Hellsichtigkeit zu entwickeln, um Wünschen zuvorzukommen, Unannehmlichkeiten zu erahnen und mehr zu sehen, als man von ihnen selbst sieht.

Um ein wenig Macht zu erlangen, müssen Beherrschte die Schwächen, aber auch die Stärken ihrer Herren gut kennen. In der Literatur finden sich viele klassische Beispiele für diese Dynamik. Jago etwa weiß sehr genau, wie er Othello in den Wahnsinn treibenkann. Kreative Waffensind gewieften Unterprivilegierten durch herrschende Gewaltverhältnisse nahegelegt. Privilegierte hingegen können sich aufgrund ihrer Macht gewisse Unzulänglichkeiten leisten – bis die „Dialektik vonHerr und Knecht“ (Hegel) umschlägt. – Ihre herrschende Position kann auch für Männer zur Falle werden. Wenn sie ihre Realitätserfassung allzu sehr einengen, die Komplexitätsreduktion zu weit treiben, fallen wesentliche Erlebnisqualitäten weg. Der Ausschluss des realen Lebens, in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit, mit seinen emotionalen Bezügen, ist immer auch schmerzlich und schwer durchzuhalten. „Männlichkeit“ ist weder naturwüchsig,noch ist sie selbstbestimmt. Männlichkeit muss hergestellt werden und ist als Artefakt so prekär, dass sie ständig vor anderen und für andere bekundet und erwiesen werden muss.

Der Erfolg dieser oft recht pathetischen Anstrengungen ist so wenig gesichert, dass es zur Auszeichnung eines Mannes unter Männern genügt zu sagen: „Er ist ein Mann.“ Auch viele Männer leiden unter der Herrschaft des Patriarchats, zumindest unter der Herrschaft einer je „hegemonialenMännlichkeit“. Männer, die dieser ArtMännlichkeit nicht nachkommen, werden in den strengen männlichen Hierarchien untergeordnet und müssen mit diskriminierenden – „weiblichen“ – Zuschreibungen rechnen.

Wie wäre es also, wenn aufgeklärte Frauen und Männer, die genug haben von ihrem entfremdeten Dasein, Schluss machten mit der Erotisierung von Dominanz und Unterwerfung? Wenn sie das patriarchale Spiel durchkreuzten und sich gemeinsam um andere gesellschaftliche Widersprüche kümmerten? Der Austritt vonFrauen aus patriarchalen Weiblichkeitskonstrukten erfordert allerdings große Courage.Frauen verlieren auf diesem Weg nicht nur ihre Wächter, sondern auch ihr Ideal – das „Exzellente“ steckt auf allen kulturellen Gebieten voller männlicher Implikationen. Frauen machen zunächst einen Schritt ins Leere. Der von Männerfantasien leer gefegte Raum ist vorbildlos, überhaupt bildlos, vorstellungslos – öde. Das zur Kenntnis zu nehmen und auszuhalten ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass Frauen nicht immer wieder in Komplizenschaft mit männlicher Herrschaft geraten. Frauen müssten Praktiken einer befreiten Weiblichkeit erst kreieren, um einer eigensinnigen Weiblichkeit auf die Spur zu kommen und fortan auf die Sprünge zu verhelfen. Da Frauen nicht nur im Patriarchat leben, sondern, nach Irmtraud Morgner, das Patriarchat auch in den Frauen lebt, müssten sie sich nicht nur äußeren Widersprüchen stellen, sondern müssten sie auch innere Brüche mit den entsprechenden Gefühlen aufspüren, aushalten und nützen.

Im Experimentieren mit dem anderen imDenken, Fühlen und Handeln würden sie sich selbst vorübergehend fremd – anderen sowieso. Fremdheit bietet immer die Gefahr der Exkommunikation. Frauen halten den Weg zur Autonomie nur durch, wenn sie sich unabhängig machen vom Glanz im Auge aller anderen. Wenn sie – im Gegenteil – sehr selektiv nur die Anerkennung satisfaktionsfähiger Partnerinnen oder Kontrahenten suchen. Frauen brauchen Neugier, Fantasie und eine lange Wut, um ihren Mut für eine „essayistische Existenz“ im Sinne Michel de Montaignes zu nähren.

Da „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“relationale Konstrukte sind, würde die Kreation einer eigensinnigen Weiblichkeit auch die Chance der Männer auf Eigensinn erhöhen – sie wären dann auch am Zug. Für diesewird ihre Befreiung allerdings noch heikler. „Männlichkeit“ steht als Träger patriarchalerOrdnung unter besonders strengen Tabus. Die Androgynieforschung zeigt aber schon jetzt, dass es sich für Frauen wie für Männer lohnt, traditionelle Rollen zurückzuweisen. Menschen, die sowohl „instrumentelle“/machtorientierte als auch „expressive“/fürsorgeorientierte Lebensstile vereinen, erweisen sich als tüchtiger, leben länger, gesünder und glücklicher als solche, die sich einseitig positionieren. „Instrumentalität“ wird traditionell Männern zugeschrieben – kräftig, aktiv, unabhängig, entschlossen. „Expressivität“ gilt als feminin – hilfsbereit, einfühlsam, herzlich, anpassungsfähig, sanft. Männer gewinnen, wenn sie einfühlsam sichselbst und andere verstehen lernen, Frauen, wenn sie stärker auf Individualität und Unabhängigkeit setzen.

Durchkreuzen herrschender Machtspiele fällt schwer, umso schwerer, je länger man bereits mitgespielt hat. Ausstieg kann „sozialen Tod“ (Maya Nadig) bedeuten, weil Rollen wegfallen, Werte und Identitätsstützen ins Wanken geraten. Persönlicher Sinn und Bedeutung zerfallen. Das kann im Extremfall psychotisch machen, im günstigen Fall aber hellsichtig. Aussteiger haben den Vorteil, vieles klarer sehen zu können. Da sie sich nicht schuldig machen, weil sie nicht mitmachen, können sie genauer hinschauen und unterliegen keinen loyalen Denkhemmungen. Sie können Widersprüche, Irrationalitäten und Ungerechtigkeiten eines Systems aufdecken. Frei von Verstrickungen und Schuldigkeiten, sind sie offen für Alternativen und empfänglich für die Freuden der Freiheit. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.03.2013)