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Raus aus der Autofalle!

Je schneller man sich bewegt, desto leichter verliert man den Überblick. Wer wahre Mobilität sucht, wird sie nur in autofreien Städten finden. Ein Aufruf.

Mobilität ist Leben.“ Diese Aussage ist sowohl richtig als auch falsch. Sie ist richtig, weil alle Strukturen ihreExistenz der unglaublichen Mobilität der Elementarteilchen verdanken, aus denen sie zusammengesetzt sind. Sie ist fehl am Platz, wenn damit Automobilität gemeint ist, jene Mobilitätsform, die derzeit global in jeder Minute mehr als zehn Menschenleben zerstört.

„Mobilität“ ist ein relativ neuer, häufig gebrauchter und ebenso häufig missbrauchter Begriff. Wenn Begriffe im Sinne von Bausteinen einmal falsch oder unpräzise verwendet werden, so darf es nicht wundern, wenn auf ihnen errichtete Gebäude nicht mehr halten, was man sich von ihnen verspricht. Schnelle und bequeme Verkehrssysteme haben diesem unserem „Zeitalter der Mobilität“ ihren Namen gegeben und den Begriff Mobilität auf die Bewegung von Verkehrsmitteln auf Bahnen reduziert. Im 19. Jahrhundert wurde Mobilität als „Rührigkeit, Beweglichkeit, Mobilmachung oder Mobilisierung, die Überführung militärischer Streitkräfte vom Friedens- auf den Kriegsfuß“ definiert, zu jener Zeit also noch auf den Fußgänger bezogen. Der Begriff „soziale Mobilität“ wurde 1927 von dem Soziologen Piritim Sorokin eingeführt. Mitte des 20. Jahrhunderts findet man unter diesem Begriff noch die Wohnungs- und die geistige Mobilität.

Heute weist das elektronische Nachschlagewerk unter „Mobilität“ die räumliche, soziale, die Elektromobilität und die E-Mobilität, E-Mobility oder virtuelle Mobilität auf. Man findet den Begriff in der Astrophysik im Zusammenhang mit der Entstehungstheorie des Universums – dem Big Bang („Urknall“) – jedoch nicht. Dabei hätte dieser Theorie nach – durch die Kombination aus extremer Energie und extremer Geschwindigkeit ohne Beschränkung durch Zeit und Raum – ein Maximum an Mobilität stattgefunden.

Ein Zustand, der sich mit den heutigen Mobilitätsbemühungen decken würde: unbegrenzt verfügbare Exergie (also jener Teil der Gesamtenergie eines Systems, der Arbeit verrichten kann) für immer höhere Geschwindigkeiten, die sich Raum und Zeit selber schaffen, gefördert durch Milliarden Steuergelder. „Smart Mobility“ und Elektromobilität, Elektro- oder Hybridelektrofahrzeuge mit vollelektrischer Fahrmöglichkeit („Vollhybrid“) für individuelle Mobilitätsbedürfnisse sollen bisher nicht zu bewältigende Probleme lösen.

Damit ist die geistige Mobilität aber schon ziemlich erschöpft. Für die Zukunft erwartet man weiteres Mobilitätswachstum, schnellere und besser umweltverträgliche Verkehrsmittel, dadurch kürzere Reisezeiten und damit eine weitere Zunahme der Wahlfreiheit. In den knapp 50 Jahren meiner Forschungsarbeiten und praktischen Tätigkeiten musste ich – zum Glück erst nach meiner Berufung zum Ordinarius – feststellen, dass nicht nur die Hoffnungen auf die Lösung damaliger Verkehrsprobleme, sondern auch auf die Weiterentwicklung umweltverträglicher Verkehrsmittel bislang enttäuscht wurden. Das Verkehrswesen wurde von den Möglichkeiten der technischen Verkehrsmittel so überrollt, dass die allgemeine Begeisterung für diese jedes kritische Denken, genau genommen jedes Denken überhaupt, verhinderte.

„Ich habe die Kontrolle über mein Fahrzeug nicht verloren, ich hielt die ganze Zeit das Lenkrad fest in der Hand!“ Dies gab ein Autofahrer zu Protokoll, der nach einem Überschlag und einer 300- Meter-Rutschfahrt auf dem Autodach auf dem Acker gelandet war. Die geistige Verfassung unserer automobilen Gesellschaft kann mankaum besser beschreiben. Mit Technik und neuen Energiequellenwerde man, so wird behauptet, sich abzeichnende Holperstrecken überwinden, und das umso besser, je mehr Informationstechnologie in die Verkehrsmittel gepackt wird. Solche und ähnliche Versprechen hört man seit über einem halben Jahrhundert, eingelöst wurden sie nicht. Je mehr man sich bemühte, desto größer und unlösbarer wurden nicht nur die Verkehrsprobleme, sondern auch die Finanzlage der Kommunen und Länder, die Lärm- und Abgasprobleme, abgesehen von den Auswirkungen auf die Sozialsysteme und die Umwelt. Während Kohlendioxidemissionen aus den Haushalten und der Industrie seit Jahren rückläufig sind, steigen sie im Mobilitätssektor weiterhin an. Dies sind Indizien dafür, dass man – entgegen allen Zielsetzungen und Maßnahmen – die Kontrolle über die Entwicklung verloren hat.

Schon die Formulierung „Ich fahre mit dem Auto“ ist eine Verdrehung der Tatsachen. Denn tatsächlich fährt das Auto – durch eine mit Treibstoff angetriebene Maschine – mit mir, und zwar nicht einmal immer dorthin, wohin ich will, sondern dorthin, wo ich einen Abstellplatz für das Auto finde, den ich in der Regel obendrein bezahlen muss. Auch den Treibstoff für das Auto muss ich kaufen.

Die Kontrolle kann auch durch noch so gut gemeinte Kurse für „Mobilitätsbeauftragte“ oder geförderte „Transport-Learning“-Aktivitäten offensichtlich nicht gewonnen werden. Die dem System inhärente Eigendynamik ist stärker, weil man sie nicht in den Griff bekommt, sie nicht „begreift“. Wir waren zwar in der Lage, die Geschwindigkeit der Mobilität von Personen, Gütern und Nachrichten durch ständige Beschleunigung zu erhöhen, nicht aber dazu, sie verantwortungsvoll zu beherrschen. Nicht nur die zahllosen Verkehrstoten, sondern auch die Schäden, die das Finanzsystem anrichtet, beweisen das. Über ein Jahrhundert gewachsene Sozialsysteme werden zerstört, und auch die Folgen für die Umwelt und das Klima können nicht mehr geleugnet werden. Wie beim Zauberlehrling überfluten die Autos die Städte und das Land. Ganze Kulturen und wirtschaftliche Strukturen gehen in dieser Mobilität unter.

Man versuchte, die Probleme zunächst „wegzubauen“, dann mithilfe der Elektronik „wegzusignalisieren“, „wegzunavigieren“ und schließlich „wegzumanagen“. Dadurch ergaben sich zwar lukrative Geschäftsfelder für neue Industriezweige und Forschungsbereiche, aber keine Lösung der Probleme. Man kann sich heute auf dem Automonitor anschauen, dass man im Stau steckt, und bekommt Umleitungenempfohlen, die womöglich wieder in einen Stau führen. Es ist kein Wunder, dass die geistigeEnergie der physischen nicht folgen kann, wennsie vor allem dafür verwendet wird, die physische noch schneller zu machen. Man kann ja auch beispielsweise beim schnellen Laufen nicht besonders gut scharf denken. Wer sich schnell und bequem auf einem Irrweg befindet, merkt das nicht – oder zu spät. Auswege aus einem Labyrinth sind leichter zu finden, wenn man es überblicken kann, als wenn man in ihm unterwegs ist. Je schneller man sich bewegt, desto leichter verliert man den Über- und Rückblick.

Wenn die geistige Mobilität der Bewegung nicht mehr folgen kann, dann kann Beschleunigen das Begreifen nicht erleichtern. Fehler lassen sich nicht beseitigen, indem man sie noch vergrößert. Doch paradoxerweise wird genau das im Verkehrswesen versucht.

Zurück zur Mobilität kommt man nur durch autofreie Siedlungen, Dörfer und Städte. Das Auto bekommt seinen Platz außerhalb der menschlichen Lebensräume am Rand der Städte und Dörfer: ein langer Weg in der Außenwelt, ein sehr kurzer im Kopf. Dort, wo heute bei den meisten das Auto „sitzt“ und die geistige Mobilität behindert, weil es keine Alternativen zulässt, sollten wieder jene Lebensgeister und -inhalte einziehen, die den Menschen in der Entwicklungsgeschichte begleitet und getragen haben. Nur als Bewegungsprothese, das es ja ist, hat ein Auto Zufahrt für jene, die es wirklich brauchen.

Nur in einem sicheren öffentlichen Raum ohne Gefahren, Abgase und Lärm, der Menschen aller Altersgruppen und aller sozialen Schichten so zur Verfügung steht, dass sie unbehindert in diesem verkehren können, ist Mobilität für alle möglich. Fußgänger und Radverkehr sowie öffentliche Verkehrsmittel – Tram, U-Bahn und so weiter – entschärfen soziale Unterschiede. Die Normalgeschwindigkeit der Fußgänger bindet die Kaufkraft und die Arbeitsplätze in der Nähe. Fehlt das Auto in der Nähe, wird die bisher unterdrückte geistige Mobilität wieder aufblühen und mit ihr die Vielfalt der Möglichkeiten in der Wirtschaft, der Gestaltung der Lebensräume und der Beziehungen.

Welche geistigen Kräfte das freisetzt, beweisen meine Studenten, wenn sie die Lebensfähigkeit ihrer städtebaulichen Projekte ohne einen Tropfen Treibstoff nachweisen müssen. Plötzlich ist die räumliche Zerteilung der Lebensfunktionen nicht mehr möglich. Die Anforderung an ihre geistige Mobilität steigt sprunghaft, und sie erkennen, zu welchen Verbrechen und Schandtaten sie durch die Befolgung mancher Richtlinien und Vorschriften gezwungen werden.

Super- und Fachmärkte in den Asphaltwüsten, die einst grüne Wiesen waren, kommen nicht mehr so leicht an ihre Kundschaft, wenn diese aufs Auto verzichten. Die Geschäfte werden kleiner und müssen sich den Menschen anpassen, anstatt diese wie bisher mit der Autofalle anzulocken. Lokale Betriebe bekommen wieder eine Chance, unter fairen Bedingungen zu existieren. Sie werden nicht mehr von den Konzernen rücksichtslos ausgerottet. Es gibt wieder Dienstleistungen für Kunden – und nicht umgekehrt: Dienstleistungen der Kunden für die Konzerne, für die sie außerdem zahlen müssen, wie es auch bei den Banken bereits üblich ist. Bekommt man mehr Waren aus bekannten lokalen Betrieben, spart man sich auch die Tributzahlungen – Finanzkosten – an die Reichen, mehr als ein Drittel der Warenpreise. Der Markt wird überschau- und begreifbar, wenn eine Vielzahl von Einzelhändlern im fairen Wettbewerb zu ihrem Wort stehen, für das sie sich Zeit nehmen müssen.

Qualifizierte Bedienung und Information setzen geistige Mobilität auch bei den Kunden in Bewegung. Regionale Lebensmittel können das Angebot bereichern und die industriellen Produkte verdrängen. Der Geldverkehr wird ebenfalls wieder begreifbar, wenn das Geld in der lokalen Wirtschaft im Umlauf ist zwischen Menschen, die einander vertrauen. Es gerät so seltener in den Sog von Banken und in die Kassen der Konzerne.

Ist Bargeld in lokalem Umlauf, so steht auch die Gemeinde oder die Stadt wieder auf eigenen Beinen. Sie wird handlungsfähig und geistig mobiler als in den vergangenen Jahrhunderten. Denn sie wird die Probleme dort zu lösen haben, wo sie auftreten, und kann sie nicht auf Räder stellen und in die Ferne verschieben. Der Weg aus dieser selbst verschuldeten Versklavung ist zwar einfach, aber nicht leicht. Die Autos in den Köpfen werden alles unternehmen, um das zu verhindern, damit sie ihre Macht über die Menschen weiterhin uneingeschränkt ausüben können. Und sie haben starke Verbündete. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2013)