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Wovon der kleine Alfred in der Sandkiste träumte: Reich werden!

Gusenbauers Tätigkeiten für Kasachstans Diktator und einen Glücksspielkonzern entlarven seine linke Vergangenheit als reine Pose.

Ehemalige Regierungschefs müssen kein Armutsgelübde ablegen. Sie sollten sich aber überlegen, was ihrem Land und ihrer Partei zumutbar ist. Deutschlands Gerhard Schröder und Österreichs Alfred Gusenbauer kann man beide für ihre Aktivitäten im Ruhestand kritisieren. Man sollte diese beiden aber nicht in einen Topf werfen (wie Christian Ortner in „Quergeschrieben“ am 23. 5.).

Schröders Engagement für eine Gasleitung von Russland nach Deutschland nimmt sich geradezu ethisch hochstehend aus, vergleicht man es mit einigen Tätigkeiten Gusenbauers: die Beratung des kasachischen Diktators Nursultan Nasarbajew und das Aufsichtsratsmandat beim Glücksspielkonzern Novomatic. Die Gasleitung trägt zur Energieversorgung Deutschlands bei, Gusenbauers Aktivitäten jedoch bringen Österreich nichts.

Im Gegenteil: An den Glücksspielautomaten verlieren jene jungen Menschen Geld, für deren Wohlergehen sich einst die Sozialdemokratie starkgemacht hat. Dass mit Günther Verheugen ein von der SPD entsandter ehemaliger EU-Kommissar bei Novomatic mit von der Partie ist, macht die Sache nur noch schlimmer.

Novomatic, in vielen Ländern aktiv, kauft sich mit Gusenbauer und Verheugen keine Experten im Glücksspiel ein, sondern Lobbyisten, die bei der Lockerung restriktiver Gesetze gegen Glücksspiel hilfreich sein können. Man wird beobachten müssen, welche Gesetzesinitiativen in nächster Zeit auf Europas Parlamente zukommen.

 

Linkes Gewissen der Partei?

Gusenbauer hat offensichtlich in der Sandkiste nicht geträumt, Bundeskanzler zu werden, wie das kolportiert wird, sondern er hat geträumt, mit Hilfe der Politik reich zu werden. Schon als er bei den Regierungsverhandlungen 2007 alle wichtigen Ministerien der ÖVP überließ, war klar, dass Gusenbauer keinen politischen Gestaltungswillen hatte. Folgerichtig titelte das Nachrichtenmagazin „Profil“ damals „Hauptsache Kanzler“.

Als Vorsitzender der SP-Jugend benahm sich Gusenbauer wie fast alle Juso-Vorsitzenden vor oder nach ihm: als linkes Gewissen der Partei. In der Zeit der rot-blauen Regierungskoalition nervte er Kanzler Fred Sinowatz, als er sich im Parteivorstand regelmäßig mit Tiraden gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ meldete.

 

Das große Schweigen in der SPÖ

Unvergessen ist die Szene, als er in Moskau nach der Landung auf dem Flugplatz den Boden küsste. Später versuchte er das Ganze als Persiflage auf den Papst darzustellen. Wenn man weiß, wie links die SJ damals politisch tickte, muss man das anders interpretieren. Der Kuss des Bodens war die Reverenz an das Mekka der Revolution.

Es war und ist das Privileg von SP-Jugendorganisationen, links zu sein. Im Licht der heutigen Tätigkeiten Gusenbauers entlarvt sich sein linkes Agieren in der Jugend aber als reine Pose. Die Wandlung vom Bodenküsser in Moskau zum Berater eines Diktators und Aufsichtsrat eines Glücksspielkonzerns ist zu groß, um diesem Mann noch irgendeine Glaubwürdigkeit zu attestieren.

Gusenbauer beschädigt auch die Glaubwürdigkeit der SPÖ, weil er die Gier, die diese den Finanzhaien vorwirft, selbst auslebt. Hätte sich ein ehemaliger SP-Vorsitzender in früheren Jahren so verhalten wie Gusenbauer, hätte das in der SPÖ zumindest eine Debatte ausgelöst. Nichts dergleichen gibt es heute. Es kann sein, dass der SPÖ die Eskapaden ihres Ex-Vorsitzenden mittlerweile egal sind. Es ist allerdings zu hoffen, dass es sich bei der Nichtreaktion um ein Schweigen der Scham handelt.

Ulrich Brunner (* 1938 in Wien), war Journalist in der „Arbeiter-Zeitung“ und beim Aktuellen Dienst des ORF, Chefredakteur im Hörfunk und Intendant des ORF-Landesstudios Burgenland.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2013)