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Von den hundefeindlichen Gemeinden und der großen Stadt

Eine tiergerechte Stadt ist auch eine menschengerechte Stadt. In Wien ist man in dieser Sache auf einem guten Weg.

 

Vor über 30.000 Jahren kamen Wölfe und Menschen zusammen. Erstere entwickelten sich als Hunde zu unseren engsten Tiergefährten, von denen in Österreich 700.000 mit nahezu zwei Millionen Menschen leben. Unter ihrem Beisein und Zutun entwickelten sich Menschen zu Hochkulturwesen. Grund genug eigentlich, ein Menschenrecht auf Hundehaltung zu fordern.

Leider sehen viele Gemeinden in Österreich und anderswo Hunde immer noch als Ärgernis, das man durch möglichst schikanöse gesetzliche Regeln, wie flächendeckende Leinen- und Maulkorbpflicht, zurückzudrängen trachtet. Sollen sich die Leute besser um Kinder kümmern, als ihre Liebe auf Hunde fehlzupolen! Achtung, Missverständnis! In Österreich werden Hunde häufig in Haushalten mit Kindern gehalten – auch, weil viele Eltern spüren, dass ein Aufwachsen von Kindern in guter Beziehung zu einem Hund deren körperliche, kognitive und emotionale Entwicklung fördert.

Daher tun Gesetzgeber und insbesondere Kommunen gut daran, am gedeihlichen Miteinander von Hunden, ihren Haltern und den hundelosen Mitbürgern zu arbeiten. Die Unterstützung sozial verträglicher Hundehaltung ist angesagt, aber auch die Entwicklung von Hundeverständnis bei den (Noch-)Nichthundehaltern. Das geschieht aktiv und kontinuierlich seit etlichen Jahren in Wien.

So etwa besserte sich die nur vordergründig lächerliche Hundekotproblematik deutlich. Man fördert den pädagogischen Einsatz von Hunden, und am 3. Juli wurde in der Petritschgasse im 21. Bezirk das Wiener Hundekompetenzzentrum eröffnet, wo es mit dem Verein Rund um den Hund in Kooperation mit Stadt und Sponsoren viele Aktivitäten in Richtung der Förderung des gedeihlichen Zusammenlebens zwischen Hund und Gesellschaft geben wird. Unter anderem werden Mensch-Hund-Teams für den Einsatz in Schulen und Kindergärten ausgebildet.

Kinder sollen mehr Sicherheit im Umgang mit Hunden entwickeln, und es gilt, die erstaunlichen Fähigkeiten von Hunden als Assistenten in der Pädagogik zu nutzen. Vor den Vorhang daher die Stadt Wien, aber auch das Unterrichtsministerium für seine Unterstützung des Einsatzes von Schulhunden.

Interessantes ergab übrigens eine Studie des Spaziergehverhaltens von Hunden und ihren Haltern im Bereich der Wiener Innenstadt und des Praters durch zwei Diplomandinnen der Arbeitsgruppe für Mensch-Tier-Beziehung der Uni Wien. Während insgesamt über 600 Spaziergängen beflegelten Hunde dabei einander nur ein einziges Mal. Hund und Mensch waren überwiegend freundlich, und die Menschen plauderten viel miteinander. Bedenklich allerdings, dass nahezu 50 Prozent davon „illegal“ waren, weil der Hund weder an der Leine lief noch einen Maulkorb trug.

Also noch mehr Überwachung? Eher nicht. Besser wäre, sich noch konzentrierter als bisher um die wenigen Troublemaker zu kümmern und gleichzeitig mehr Freiräume für die Mehrheit der problemlosen Menschen und Hunde zu schaffen. Kinder und Radfahrer, aber auch die vielen Hundehalter haben Anspruch auf ein gutes städtisches Miteinander. Hundezonen sind toll und wichtig, sie können aber leinenfreie Spazierstrecken nicht ersetzen. Letztlich ist eine tiergerechte Stadt auch menschengerecht. In Wien ist man auf einem guten Weg. Aber es wäre zu früh, sich auszuruhen.

Kurt Kotrschal ist Zoologe an der Uni Wien und Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2013)