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Nietzsche und kiffen: Was die Alten an den Jungen missverstehen

Die Aussagen von Jugendforscher Heinzlmaier sagen mehr über ihn als über seinen Untersuchungsgegenstand aus.

Wieder einmal hat jemand in Österreich etwas Schlechtes über die heutige Jugend gesagt.

Aber im Gegensatz zum Großteil dieser wutbürgernden Alltagssager, die allein schon wegen ihrer Redundanz in Bim und Bus keinen Nachrichtenstatus innehaben, stammt die letzte derartige Bemerkung nicht von irgendjemandem, sondern von Österreichs Archetypen in Sachen Jugend-Expertentum. Bernhard Heinzlmaier, Leiter der Hamburger Tfactory, ist seit vielen Jahren das TV- und Printgesicht zur Frage „Wie tickt unsere Jugend?“ und hat – zumindest zur Beruhigung seiner Generation – auch immer eine passende Antwort parat.

In einem aktuellen Interview ärgert er sich nun über den Trend zum angepassten Hosenscheißer, den er beim Gros der heimischen Teenager und Twens bemerkt haben will.

Dabei ist seine Kritik, dass es für die heute Heranwachsenden kein alternatives Lebensmodell zum Leistungsdruck mehr gäbe und man nicht mehr einfach nur Nietzsche lesen und kiffen könne, gleich aus drei Gründen interessant.

 

Eigene Projektionen

Erstens wirkt der Vergleich unfreiwillig komisch, weil Friedrich Nietzsche lesen und Gras rauchen natürlich Bilder aus seiner eigenen jugendlichen Lebenswelt darstellen und von einem Jugendforscher, der die Bodenhaftung in der Gegenwart nicht vollends verloren hat, wohl eher mit Barbi Markovic lesen und MDMA nehmen übersetzt werden müssten.

Zweitens ist die Anprangerung des ständigen Leistungs- und Performance-Zwangs, unter dem die heutige Jugend steht, vor allem dann verwunderlich, wenn man Heinzlmaier als ehemaligen Mitarbeiter kennt und weiß, dass sein ganz persönlicher Führungsstil fernab von der Schaffung kreativer Freiräume und denkbar weit entfernt von Montessori-Methoden angesiedelt ist.

Drittens entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der Jugendforscher die Jugend für etwas kritisiert, das der Protest seiner Generation aufzubauen geholfen hat: nämlich den Wohlstand, der in Heinzlmaiers Theoriegebilde träge macht (auch wenn es seine Strukturen sind, die das soziale Netz, WikiLeaks und die Aufdeckung des Prism-Skandals überhaupt erst ermöglicht haben).

 

Aufbegehren ist variabel

Darüber hinaus fehlt es Heinzlmaier – wie definitionsgemäß jedem, der selbst nicht mehr an einer Bewegung teilhat und sie stattdessen nun von außen kartografiert – daran, die sich wandelnden Zeichen der Zeit zu erkennen. Für ihn gibt es eine klar umrissene Form von jugendlichem Aufbegehren – an die sich die Jugendlichen aber natürlich nicht halten. So wie jede Generation vor sich entzieht sich auch die heutige Jugend (und die wird je nach erweiterter Definition schließlich als jener Lebensabschnitt bis 25 oder 29 Jahre verstanden) der Deutungsvormacht der Älteren.

Was Heinzlmaier gerne hätte, ist eine Jugend, die auf genau dieselbe Art gegen die Strukturen der Vorväter rebelliert, wie er das gewohnt ist. Alles andere sieht er nicht – oder spricht ihm jede Gültigkeit ab.

Was vorerst stark nach Stéphane Hessel klingt („Empört euch!“), hat bei genauerer Betrachtung mehr mit kulturkritischem Selbstschutz zu tun: Als 50-Jähriger beansprucht er Fortschritt, Wagemut und Innovationskraft für sich und die Seinen, während er die Heranwachsenden mit den Mitteln der „Jugendforschung“ als uncool brandmarkt. Wer tatsächlich forscht, stellt keinen solchen Anspruch.


Markus Lust ist stellvertretender Chefredakteur des Magazins „Vice“ in Österreich und der Schweiz.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2013)