Brotberuf und das „Höchste“

Briefwechsel zwischen Gerhard Fritsch und Thomas Bernhard. Es wird wohl 1954 gewesen sein, dass Gerhard Fritsch und der sieben Jahre jüngere Thomas Bernhard einander erstmals in Wien begegneten.

Es wird wohl 1954 gewesen sein, dass Gerhard Fritsch und der sieben Jahre jüngere Thomas Bernhard einander erstmals in Wien begegneten. Man hielt Kontakt bis 1969. Es sind mehr als 20 Begegnungen dokumentiert, und zwischen April 1956 und August 1968 haben sich 48 Ansichtskarten, Briefe privater Natur von verschiedenem Umfang und unterschiedlicher Verbindlichkeit erhalten. Die Betitelung als „Briefwechsel“, die die Herausgeber dem Band gegeben haben, erweckt Erwartungen, die nicht eingelöst werden – doch der Band hilft einige Rätsel rund um Bernhard besser zu verstehen.

Man erinnert sich noch an den Skandal rund um „Holzfällen“, das als eine schlecht fiktionierte Abrechnung Bernhards mit einer Künstlergruppe, der er in seiner Jugend viel zu verdanken hatte, gelesen wurde, und die er als „Staatspfründner“, die das „Höchste“ verraten hätten, denunzierte. Auch Gerhard Fritschwurde – so das instruktive Nachwort – von Bernhard „angepöbelt“, die Autoren konzentrieren sich dabei auf die von Bernhard eingeforderte Solidarität nach der Absage der öffentlichen Verleihung des Grillparzer-Preises und ignorieren taktvoll den schlimmsten Tratsch, den er verbreitet hatte.

Fritsch scheint in gewisser Weise das repräsentiert zu haben, was Bernhard zeitweilig bewunderte und nach seiner Rückbesinnung aufs „Höchste“ ablehnte: den Brotschriftsteller, der gleichzeitig ein einflussreicher Mann des „Betriebes“ ist –ein Mann, dem man schreibt, um sich seine Gunst und Unterstützung zu sichern. Es ist viel Anbiederung in den Briefen Bernhards vor dem Durchbruch mit „Frost“: vorgetäuschte Intimität, hohle Bewunderung, die einen Abend mit Christine Busta und Fritsch zu einem werden lässt, an dem die „Menschengeschichte aus- und eingeht“. Das Honorar für die Bewunderung wird gleich eingeklagt: durch zahlreiche, gelegentlich unrealistische Bitten um Protektion bei Presse, Rundfunk und Fernsehen. Bewunderung ist eine grausame Beziehungsstrategie; manche der Texte Bernhards sind solche, die man dem nicht verzeiht, an den man sie gesandt hat.

 

„Immer mit neuem Pferd jagen“

Ansonsten geht es auf Bernhards Seite oft ums Geld und die eigene schriftstellerische Befindlichkeit. Im wohl wichtigsten Text des Bandes, einem Bekenntnisbrief von 1958, heißt es: „Es wird immer schwieriger, in der Literatur bleiben zu können. Man muss doch immer mit einem neuen Pferd in die ,Aschenbahn‘ jagen. Das Alte zieht nicht mehr recht, bei niemand. Auch das, was wir treiben, ist Theater. Vielleicht das größte. Und das ist zugleich das schwierigste.“

Fritsch wird in seinen Briefen und Karten kaum sichtbar, er schreibt: „Ich komm vor lauter Geschäften (unerfreulichen, aber notwendigen, da man von etwas leben muss) zu nichts Ordentlichem.“ Wenn die beiden sich über Literatur ausgetauscht haben, dann nur bei den raren persönlichen Begegnungen. In zwei bemerkenswerten Verlagsgutachten artikuliert Fritsch – bei aller Wertschätzung – Überraschendes zu Bernhards Frühwerk: Dessen Dichtungen litten an Egozentrik, dem Fehlen der Du-Beziehung und des Wir-Gefühls und an modischen Unarten und koketten Nihilismen.

Bernhard habe vorgelebt, was Fritsch sich nicht zugestand, so die begründete Spekulation der Herausgeber im Nachwort. Man möchte ergänzen: Und Fritsch hat vorgelebt, was Bernhard zunächst bewunderte und dann verwarf – zum Nutzen seines Werkes. ■

Thomas Bernhard – Gerhard Fritsch

Der Briefwechsel

Hrsg. von Raimund Fellinger und Martin Huber. 110 S., geb., €29,90 (Korrektur Verlag, Mattighofen)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2013)