Als der Terror ins Land kam

Marchegg, 28. September 1973: Kurz vor ihrer Auswanderung nach Israel werden russische Juden von Palästinensern als Geiseln genommen. Über geschlossene Bahnschranken, den„finalen Rettungsschuss“ und einen Hauptmann, der keiner war. Gespräch mit einem Augenzeugen.

Im beschaulichen Schönau an der Triesting, 30 Kilometer südlich von Wien, erinnert nichts daran, dass hier einmal das Epizentrum eines internationalen Konflikts lag. Das hat vor allem damit zu tun, dass der historische Kern – das aus dem 18. Jahrhundert stammende Schloss – 2005 an die Sequoia Privatstiftung verkauft wurde. Nun werden dort Ferienwohnungen vermietet. Für die breite Öffentlichkeit dagegen ist der Zugang zum Areal großräumig abgesperrt. Dabei gibt es gute Gründe, sich die Bedeutung dieses Orts in Erinnerung zu rufen: Zwischen 1965 und 1973 war Schönau Durchgangsstation für rund 70.000 osteuropäische Juden auf dem Weg in ihre neue Heimat Israel. Darüber hinaus war Österreich noch bis Ende des Kalten Krieges der Transitpunkt für insgesamt mehr als 250.000 Juden. Wie der Historiker Tom Segev erst kürzlich festgestellt hat, gab es „kaum einen wichtigeren Beitrag zur Förderung der zionistischen Bewegung“ als diesen.

Im Schloss Schönau betrieb die Jewish Agency, die Einwanderungsorganisation Israels, seit 1965 ein „Transitlager“, wo die Ankömmlinge aufgenommen und auf die Weiterreise vorbereitet wurden. Ende der 1970er-Jahre, nachdem die Einrichtung geschlossen worden war, erlebte Schönau dann eine zweite Zäsur: Im frei gewordenen Schloss bezog das Gendarmerieeinsatzkommando, die Vorgängerorganisation des heutigen „Einsatzkommando Cobra“, Quartier. 1992 wechselten die Antiterrorkämpfer in einen Neubau bei Wiener Neustadt.

Diese beiden Funktionen, die Schönau erfüllte – als Durchgangsstation und als Ausbildungsstätte – sind untrennbar miteinander verbunden. Denn die Tatsache, dass hier lange Zeit eine „Lebenslinie“ des Staates Israels verlief, hatte Konsequenzen: Anfang der 1970er-Jahre formierte sich der internationale Terrorismus. Vor allem palästinensische Gruppen begannen, auf ihre Sache aufmerksam zu machen – mit Anschlägen gegen die Zivilluftfahrt, der Geiselnahme israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen in München, 1972, und eben auch mit Operationen, die sich gegen die jüdische Emigration richteten. Der Zustrom aus dem Ostblock wurde als feindliche „demografische“ Stärkung Israels angesehen, die es zu kappen galt.

Schönau war in diesem Zusammenhang besonders gefährdet: Allein zwischen 1970 und 1973 wurden sieben Bombendrohungen und verdächtige Aktivitäten registriert. So richtig aufgeschreckt wurden die Behörden durch eine Warnung Anfang Juni 1972: Die „Japanische Rote Armee“, die sich den Palästinensern anschlossen hatte, plane einen Anschlag gegen Schönau. Umgehend veranlasste man die Aufstellung einer eigenen Gendarmerieeinheit unter dem Kommando von Johannes Pechter zum Schutze der Emigranten. Eben aus jener Truppe sollte in späterer Folge die „Cobra“ hervorgehen. Zu Beginn handelte es sich nicht um hoch trainierte Spezialkräfte, sondern um „ganz normale“ Beamte, die sich für drei Monate zuteilen ließen. Sie überwachten die Ankunft der Emigranten, die den Ostblock überwiegend per Bahn verließen, eskortierten diese dann nach Schönau respektive danach zum Flughafen Schwechat, von wo aus der Abflug mit der El Al nach Israel erfolgte. Dieses Sicherheitskonzept war so engmaschig, dass selbst die israelische Premierministerin Golda Meir noch in ihren Memoiren Lob spendete.


Zwei Araber im Zug 2590

Es gab jedoch eine „Lücke“, die man nicht im Griff hatte – den Zeitraum, bevor die Züge den Eisernen Vorhang passierten. Irgendwo dort stiegen am Vormittag des 28.September 1973 zwei Araber in den Zug Nummer 2590 ein und hatten bei der Ankunft in Marchegg bereits sechs Geiseln genommen. Die folgenden 16 Stunden bescherten Österreich die erste direkte Konfrontation mit dem Terrorismus und sollten weitreichende Folgen haben – außenpolitisch wie in Bezug auf die innere Sicherheit. Aus einem Schreiben, das die Terroristen übergaben, ging hervor, dass sich die Aktion gegen die jüdische Emigration richtete. Die beiden Männer – Mustapha Soueidan (25) und Mahmoud Khaidi (27) – waren Angehörige der „Saika“, einer Gruppe innerhalb der PLO, die vor allem vom syrischen Geheimdienst unterstützt wurde. In ihre Gewalt gebracht hatten sie fünf Emigranten – ein älteres Ehepaar und die dreiköpfige Familie Czaplik – sowie den Zöllner Franz Bobbits. Nachdem zwei Geiseln, Frau Czaplik mit ihrem kleinen Sohn, eine Gelegenheit zur Flucht genutzt hatten, waren noch immer vier Menschen in den Händen der Terroristen.

Der Nahostkonflikt, der sich so plötzlich mitten im niederösterreichischen Grenzland entfaltete, überforderte die Behörden vom Start weg: Obwohl der Bahnhof abgeriegelt war, gelang den Terroristen mit ihren Geiseln die Abfahrt in einem VW-Pritschenwagen. Den nachfolgenden Einsatzfahrzeugen versperrte eine Bahnschranke plötzlich den Weg. Der von Bobbits gesteuerte VW fuhr dann bis auf das Rollfeld des Flughafens Schwechat – bevor zwei abgestellte Maschinen erreicht werden konnten, schnitt ihm ein Flughafenbediensteter den Weg ab. Von da an herrschte ein quälend langer „stand off“: Bis in die späten Nachtstunden blieben Täter wie Opfer in die engen Wagen gedrängt, wobei nur ein Fenster einen Spaltbreit geöffnet blieb. Rundherum bezogen die Einsatzkräfte Stellung, während eine stetig größer werdende Gruppe von Entscheidungsträgern eintraf – vom Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit über arabische Diplomaten bis hin zum Präsidialchef der Gemeinde Wien. Kompetenzstreitigkeiten und Chaos waren die logische Folge. Selbst zwei Psychiater machten sich vor Ort ein Bild und kamen zur Ansicht, dass die Araber unter Drogeneinfluss standen.

Ein Zeitzeuge, der praktisch die gesamte Zeit in unmittelbarer Nähe verbrachte, ist der pensionierte Oberst Kurt Werle. Im Interview erinnert sich der nachmalige stellvertretende Kommandant der „Cobra“ daran, dass einer der Terroristen den Splint einer Handgranate zwischen den Zähnen hielt: „Ich wusste zwar nicht, was als Nächstes passieren würde, bin aber trotzdem hingegangen, um mit ihnen zu reden.“ Gleich zu Beginn sagte der Terrorist, dass seine ganze Familie von den Israelis getötet worden sei, und fragte Werle, was dieser an seiner Stelle tun würde. Werles Antwort: „Wenn ich die Gelegenheit habe, dann bringe ich denjenigen, der das getan hat, um.“ Das habe dem Araber „imponiert“. Aber Werle fügte hinzu: „Mein Zorn und mein Angriff richten sich gegen denjenigen, der mir Leid zufügt, aber nicht gegen Unschuldige!“ Ein anderes Mal scherzte Werle, die Terroristen hätten es in der Hand, ihn „zum berühmtesten Österreicher zu machen, zumindest für 24 Stunden“. Auf die Nachfrage, was sie dafür tun müssten, antwortete Werle: „Mir die Handgranaten und die Waffen geben und aussteigen.“ Eine Befreiungsaktion wurde zu keinem Zeitpunkt erwogen – zu frisch war die Erinnerung an den Tod der neun israelischen Sportler in München nur wenige Monate zuvor, als der Zugriff der bayrischen Polizei katastrophal scheiterte. Außerdem hätte man, wie sich Werle erinnert, beide Terroristen gleichzeitig ausschalten müssen: „Das Problem war nur, das es den sogenannten finalen Rettungsschuss in Österreich nicht gibt – anders als etwa in Deutschland ist Notwehr oder Nothilfe hier die einzige Möglichkeit.“

Wahrscheinlich war es gut, dass nichts unternommen wurde – denn es funktionierte nicht einmal die Absperrung: Um 22.30 Uhr stand plötzlich ein alkoholisierter Zivilist beim Wagen der Terroristen und gab sich als „Hauptmann Soherr“ aus. Vor dem Bauch hatte er eine Pistolentasche hängen. Der Sicherheitsdirektor von Niederösterreich, Emil Schüller, erkannte den Ernst der Lage und meinte zu Werle: „Kennen Sie den Herrn?“ Und als der verneinte: „Dann entfernen Sie den Herrn!“

Währenddessen tagte in Wien der Ministerrat: Bundeskanzler Bruno Kreisky hatte die Nachricht erst relativ spät erreicht, als er von einer Wahlkampfbesprechung zurückgekehrt war. Innerhalb der versammelten Runde plädierte vor allem Justizminister Christian Broda dagegen, „Menschenräubern“ Beihilfe zu leisten. Kreisky wiederum stellte klar, dass die Regierung unter Einbeziehung der arabischen Botschafter verhandeln würde – einen Abflug der Terroristen mit den Geiseln aber unter keinen Umständen zulassen würde. Das Krisenmanagement stellte Kreisky ständig vor neue Probleme: So musste man verzweifelt ein Flugzeug für das Ausfliegen der Terroristen finden, denn die AUA weigerte sich, ihre Piloten dem Risiko auszusetzen. Quasi in letzter Minute beschaffte man bei der SPÖ-Vorfeldorganisation ASKÖ in Graz eine kleine Cessna mit zwei Piloten. „Ich habe Order gegeben, sie sollen herfliegen. Das ist das einzige Flugzeug. Alles grotesk“, ärgerte sich Kreisky.

Kurz danach gab der Bundeskanzler den arabischen Diplomaten ein neues Angebot mit auf den Weg nach Schwechat – „eine sukzessive Reduzierung des Judentransfers“. Um 1.10 Uhr wurde eine Erklärung des Ministerrats im Radio übertragen, wonach „die bisher gewährten Erleichterungen, wie die Unterbringung im Lager Schönau“, eingestellt würden. Daraufhin waren die Terroristen bereit, ohne Geiseln Österreich zu verlassen. Um 2.20 Uhr hob die Cessna ab – nach einem Irrflug über Dubrovnik, Palermo und Sardinien erlaubte schließlich Libyen die Landung, Die beiden ASKÖ-Piloten Alexander Hincak und Karl Geiger, die sich für diesen Einsatz freiwillig gemeldet hatten, waren wohl die einzigen Helden im gesamten Drama.


Vor dem Terror kapituliert?

Der Ausgang rief ein überwältigendes negatives Echo hervor – Kreisky wurde vorgeworfen, vor dem Terror kapituliert zu haben. Golda Meir kam persönlich nach Wien, um ihn von dem Vorhaben abzubringen. Dabei kam die jüdische Emigration – auch aufgrund des internationalen Drucks – keineswegs zum Erliegen, sondern erreichte erst in den folgenden Jahren ihren Höhepunkt. Jetzt wurde alles über das Rote Kreuz organisiert. Statt in Schönau wurden die Emigranten kurz in Wöllersdorf und dann später in Kaiserebersdorf beherbergt. Für den Schutz sorgte nach wie vor dieselbe Sondereinheit – allerdings war diese kurzfristig von der Auflösung bedroht. Doch 1977/78 sorgten der RAF-Terrorismus in Deutschland und die Sorge vor einem „Überschwappen“ innerhalb kürzester Zeit dafür, dass Ressourcen für den weiterenAusbau zum Gendarmerieeinsatzkommando bereitstanden.

In den Folgejahren unternahm Kreisky vor allem außenpolitisch viel, um das Terrorrisiko zu mindern. Seine guten Kontakte zu PLO-Führer Jassir Arafat und zu Libyens Staatschef Gaddafi zielten darauf ab, zu einer Entspannung des Nahostkonflikts beizutragen. Tatsächlich blieb Österreich im Vergleich zu anderen Ländern vom Terrorismus relativ verschont – zwischen 1981 und 1985 kam es jedoch zu drei Anschlägen, die insgesamt sechs Tote und Dutzende Verletzte forderten. Verantwortlich waren der PLO-Abweichler Abu Nidal und dessen „Sponsor“ Syrien, denen die österreichische Unterstützung für Arafat ein Dorn im Auge war. Trotzdem blieb Kreisky bei seiner Linie – eben wegen seiner Nahostpolitik seien Hunderttausende Juden nach Israel ausgewandert, „ohne dass jeden Monat in Schwechat eine Bombe explodiert ist“. ■