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Böses Erwachen aus dem Traum „Made in Italy"

EPA

Über tausend Firmen pro Monat gehen bankrott: „Schuld" ist nicht nur die Finanzkrise, es sind auch mangelnde Reformen. Ökonomen beklagen das „Fehlen einer Industriepolitik".

Wien/Rom. Für die „Umstrukturierung" hatten die Besitzer der norditalienischen Heizkörperfabrik Firem die Sommerpause abgewartet. Am ersten Urlaubstag räumten sie in einer hektischen Nachtaktion den Betrieb: Maschinen, Schreibtische - alles wurde zum neuen Produktionsstandort in Polen transportiert. Den ahnungslosen 42 Mitarbeitern teilte man schriftlich mit, die Firma sei umgezogen. Wer wolle, könne ab September dem Chef nach Polen folgen. sÄhnlich erging es den 30 Angestellten der lombardischen Elektrotechnikfirma Hydronic Lift. Mit Durchhalteparolen wurden sie in die Ferien verabschiedet. Und dann, mitten im August, kam der Brief: Der Betrieb sei wegen zu hoher Produktionskosten geschlossen worden.

Firem musste die unangekündigte Umsiedlung aus rechtlichen Gründen rückgängig machen, die Hydronic-Arbeiter sind nun ohne Job. Das sind nur zwei Beispiele: Geheime Firmenschließung im Urlaub - um lästige Arbeitnehmerproteste zu umgehen - drohen im krisengeplagten Italien zur neuen, traurigen Sommertradition zu werden.

„De-Industrialisierung" droht

Vor allem aber sagt diese Entwicklung viel über den Produktionsstandort Italien aus. Das Land, das die zweithöchste Produktionsquote nach Deutschland hatte, der einst boomende Stiefelstaat, weltweit wegen seiner industriellen Kreativität beneidet, präsentiert sich heute in einem desolaten Zustand.

Die Misere in Zahlen: 2009 bis 2012 mussten 32.000 Unternehmen schließen, das sind fünfzehn Prozent der gesamten italienischen Produktionskraft. Allein heuer meldeten bis September 9900 Firmen Konkurs an, zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2007 ist die Industrieproduktion in Summe um 26 Prozent geschrumpft.
Betroffen sind vor allem die industrialisierten Regionen im Norden, Sitz einst erfolgreicher Familienbetriebe. Kleinere und mittlere Unternehmen, die vor allem auf den Inlandsmarkt angewiesen sind, leiden am stärksten. Doch auch größeren Firmen geht es schlecht: Bei der Autoindustrie etwa ist die Produktion seit 2008 um 45 Prozent geschrumpft. 2007 produzierte Fiat, der größte Autohersteller des Landes, 911.000 Fahrzeuge, 2012 waren es 397.000 Autos. Auch die einst blühende Textilindustrie hat einen Rückgang von 35 Prozent zu verzeichnen.

Die EU warnte unlängst in einem Bericht, dass Italien „eine wahrhafte De-Industrialisierung" erlebe. Ein Grund dafür ist freilich die Finanzkrise: Das tief verschuldete Euroland hat seit 2008 zwei Rezessionen erlebt, die den Inlandskonsum gebremst und das einst solide Kreditwesen stark getroffen haben. Banken verweigern daher Firmen zunehmend überlebensnotwendige Kredite - oft der Todesstoß für ein Unternehmen.

Dauerkrise und Bürokratie

Doch die Finanzkrise ist nicht allein „schuld" am Firmensterben: Sie hat vielmehr die chronischen Schwächen des „Systems Italia" an die Oberfläche gebracht: Der Stiefelstaat ist schlicht und einfach nicht mehr international wettbewerbsfähigs - der Produktionsstandort Italien ist zu teuer geworden: In keinem anderen EU-Land müssen Unternehmer so hohe Steuern zahlen (bis zu 60 Prozent). Zudem sind die Energiepreise, auch wegen verzögerter Marktöffnungen, um zehn Prozent höher als im EU-Schnitt.
Hinzu kommen im EU-Vergleich überdurchschnittlich hohe Arbeitskosten und ein rigides Arbeitsmarktgesetz. Paradoxerweise leidet das Land mit einer der höchsten Jugendarbeitslosenraten Europas an Facharbeitermangel: Der deutsche Werksdirektor des neuen Maserati-Produktionszentrums bei Turin kritisierte unlängst, dass seine Firma Arbeiter selbst ausbilden müsse. Zudem hat ein Unternehmer in Italien täglich gegen eine schwerfällige Bürokratie, lahme Justiz - und die organisierte Kriminalität anzukämpfen.

Trotz Mahnungen aus Brüssel hat Rom bisher wenig gegen diese Strukturschwächen unternommen: Das von Dauerkrisen geplagte politische Italien ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die Wirtschaft zu reformieren. So wurde das Arbeitsmarktgesetz nur zaghaft geändert, die Angst vor den Gewerkschaften war zu groß. Dringend notwendige Liberalisierungen, etwa des Energiemarktes, bleiben auf der Strecke und treiben die Preise in die Höhe.

Von einer durchgreifenden Industriepolitik sei auch im geplanten Stabilitätsgesetz für 2014 wenig zu spüren, beklagen Ökonomen der Mailänder Elite-Wirtschaftsuniversität Bocconi: Die vorgesehenen Steuererleichterungen und Arbeitskostenreduzierungen seien zu gering, um Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsbereitschaft zu verbessern, so Professor Tito Boeri. Sein Kollege Fabrizio Onida vermisst Innovationsstrategien sowie Anreize für Forschung, um Italien in einen Standort für exportstarke Produkte (Hightech oder Pharma) zu verwandeln. Onidas Fazit: „Italien fehlt eine Industriepolitik, die in die Zukunft blickt."

Die betriebswirtschaftliche Kurzsichtigkeit italienischer Politiker zeigte sich erst unlängst wieder am Schlamassel rund um die Rettung der Fluglinie Alitalia und der Telecom Italia. Als im September internationale Konsortien einspringen wollten, um die nahezu bankrotten Firmen zu retten, löste dies landesweit Empörung aus: Politiker aller Couleurs wetterten dagegen, dass zwei „italienische Giganten" in ausländische Hände geraten sollten. Alitalia muss nun, entgegen jeglicher Logik, von der staatlichen Post saniert werden. Bei der Telecom bewirkte die Regierung mit ihrem Hickhack nur, dass letztendlich doch die spanische Telefonica die Mehrheit übernahm. Aber dafür zum Spottpreis. Angesichts der strukturellen Malaise können sich Unternehmer oft nur für das geringere Übel entscheiden: Entweder, sie verlegen ihre Produktionsstandorte ins billigere Ausland, schließen - oder sie verkaufen schnell (und billig). Für Letzteres haben einige bekannte Modelabels optiert: Fendi, Gucci oder Bulgari gehören inzwischen französischen Firmen.

In dieser dunklen Phase italienischer Industriegeschichte gibt es aber auch Erfolgsstorys: Top-Luxusmarken wie Prada, Salvatore Ferragamo oder Brunello Cucinelli beweisen, dass man mit Qualität aus Italien weiterhin Geld verdienen kann. Diese Modefirmen verzeichnen dank Umstrukturierungen und ausländischer Kunden (vor allem aus Asien und Russland) trotz Krise Gewinne. Dazu Schuhdesigner Salvatore Ferragamo: „Nur, wer 70 Prozent oder mehr seines Umsatzes exportiert, hat Überlebenschancen."