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Mehr als einen Ländervergleich liefern die PISA-Ergebnisse nicht

Mit Sportsgeist und Gelassenheit sollten wir auch beim nächsten PISA-Test mitmachen. Aber nur dann, wenn er Österreich nichts kostet.

Gefahrlos könnten wir jetzt aussteigen. Denn Österreich hat es der OECD gezeigt: Unsere Lehrer sind durchaus in der Lage, die Kinder so zu unterrichten, dass unser Land ohne Gesichtsverlust den PISA-Test besteht. Und unsere Schüler haben unter Beweis gestellt, dass sie den Testfragen gewachsen sind. Im Lesen ein wenig unter dem von der OECD festgelegten Durchschnitt und in Mathematik darüber – was besonders bemerkenswert ist und an der Verlässlichkeit des Lesetests zweifeln lässt.

Denn das Bestehen von PISA-Rechenaufgaben hängt viel weniger von der mathematischen Begabung ab als von der Fähigkeit, sinnerfassend zu lesen. „Wir sind nicht besser geworden, wenn man es mit dem Test von vor zwölf Jahren vergleicht“, wird von den notorischen Nörglern gemäkelt. Wobei sie geflissentlich übersehen, dass andere ehemalige Vorzeigeländer jedenfalls in Mathematik an Terrain verloren haben.

Im „mathematischen Ländermatch“ steht Österreich so schlecht nicht da. Natürlich noch weit entfernt von den Leistungen Südkoreas oder Japans. Auch deren Niveau könnten wir erreichen, wenn wir unsere Kinder im Übermaß für PISA drillen würden. Niemand Vernünftiger will das. Auch die Länder Nordostasiens werden irgendwann davon Abstand nehmen, weil der pure Drill weder kreatives Denken noch Originalität noch Gedankentiefe fördert. Qualitäten, die PISA nie messen kann, auf die es aber viel mehr ankommt als auf das Training PISA-tauglicher „Kompetenzen“.

„Ob Österreich im Ländervergleich auf Platz elf oder 14 liegt, ist tatsächlich eher irrelevant“, schreibt Christoph Schwarz in seinem gestrigen Leitartikel in der „Presse“. Aber der Ländervergleich ist das Einzige, was die Öffentlichkeit an PISA interessiert. Und viel mehr als ihn ist PISA auch kaum in der Lage zu liefern.

„PISA liefert uns wenige Antworten, aber es ermöglicht Fragen“, hat Schwarz seinen Leitartikel betitelt. Der erste Teil des Satzes stimmt. Weder über die Qualität des Unterrichts noch über die Brauchbarkeit der Schulorganisation kann man aus den PISA-Resultaten Rückschlüsse ziehen. Einst war das „Gesamtschulland“ Finnland das von PISA gepriesene Paradies, jetzt ist es die Schweiz, bei der ein „differenziertes Schulsystem“ vorherrscht.

Umso putziger klang in diesem Zusammenhang das mindestens dreifach wiederholte Lob des PISA-Papstes Andreas Schleicher für die Neue Mittelschule, die seiner Meinung nach Österreichs PISA-Erfolg beförderte. Nichts gegen die Idee der Neuen Mittelschule, aber eine solche Aussage ist unglaubwürdige Propaganda. Mit ihr diskreditiert Andreas Schleicher sein eigenes Projekt.

Auch der zweite Teil des Satzes des „Presse“-Leitartiklers ist richtig – nur stellt sich die Frage, ob PISA tatsächlich Fragen ermöglicht, die man sich – wenn man sine ira et studio nachdenkt – nicht auch ohne PISA stellen würde. Wir wissen ohnedies, dass es nottut, besonders Mädchen für Mathematik zu begeistern. Wohlgemerkt: für Mathematik, nicht bloß für Mathematikaufgaben à la PISA.

Auch die anderen Probleme, die Schwarz anspricht, sind ohne PISA bekannt. Wenn PISA dazu dient, sie nicht unter den Teppich zu kehren, sondern alle Anstrengungen zu mobilisieren, sie zu lösen, hat PISA sicher einen guten Zweck erfüllt. Doch der Aufwand, den PISA dafür in Anspruch nimmt, ist unangemessen groß.

Denn die eigentlichen Fragen, die Schwarz nicht erwähnt hat, betreffen PISA selbst: Ist PISA das viele Geld, das in dieses OECD-Unternehmen gesteckt wird, wirklich wert? Wenn man sich die Defizite von PISA vor Augen führt – dass nur Kompetenz und nicht Wissen getestet wird; dass die Geprüften keine Rückmeldung erfahren; dass die Resultate viel zu spät bekannt gegeben werden und vieles andere mehr – dann lautet die Antwort eindeutig: Nein!

Nur wenn der nächste PISA-Test Österreich nichts kostet, sollten wir noch einmal mitmachen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2013)