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High tech meets old castle

Einst Ruine, heute Wirtschaftszentrum: Seit 1989 beherbergt Schloss Hagenberg im Mühlviertel das Forschungsinstitut RISC der Kepler-Universität Linz. Nun erhielt das Institut zusätzliche Räume – und beteiligte sich selbst an der Umsetzung.

Das Schloss Hagenberg, Kern der Marktgemeinde gleichen Namens im oberösterreichischenMühlviertel, hat in seiner Jahrhunderte währenden Geschichte schon einige Umformungen erfahren. Die vorläufig letzte Neudeutung der Anlage – ihre 1989 fertiggestellte Revitalisierung – hat sich als Anfang einer ganz besonders dynamischen Entwicklung erwiesen.

Dem damals im Schloss angesiedelten Forschungsinstitut RISC (Research Institute for Symbolic Computation) der Johannes Kepler-Universität Linz ist der Softwarepark Hagenberg gefolgt, der die kleine Gemeinde mit seinen mehr als 1000 Beschäftigten und seinen 1400 Studierenden zu einem bedeutenden Wirtschaftszentrum macht. Das für die Revitalisierung verantwortliche Architekturbüro Riepl/Moser wurde im Jahr 1989 für seinen vorbildlichen Umgang mit der denkmalgeschützten – allerdings zur Ruine heruntergekommenen – historischen Bausubstanz mit der Verleihung des oberösterreichischen Landeskulturpreises für Architekturgewürdigt.

Das Zusammentreffen der uralten Kunstdes Bauens mit der relativ neuen Disziplin elektronischer Datenverarbeitung in Hagenberg vor bald einem Vierteljahrhundert war ein Zufall. Für die seither eingetretenen Veränderungen des Bauens durch die EDV hat es dennoch Symbolcharakter.

Erinnern wir uns: Was heute mit größter Selbstverständlichkeit in Zeichenprogrammen erstellt wird, ist Ende der 1980er-Jahre noch in kontemplativer Handarbeit mithilfe von Tusche und Reißschiene entstanden. Auch wenn Tiefgang oder Oberflächlichkeit einer Planung sich damals wie heute – das wäre doch zu einfach! – nicht an die Methode ihrer Kommunikation knüpfen lassen, so haben die neuen Möglichkeiten der Datenverarbeitung dennoch neben anderen Erscheinungen ein Phänomen zumindest begünstigt: Gebäude sind heute Gebilde, deren Komplexität zunehmend in ihrer Bauphysik und ihren haustechnischen Anlagen begründet liegt. In Komponenten also, die seitens der Nutzer bewusst kaum wahrgenommen werden, obwohl sie einen großen Teil der Herstellungskosten eines Bauwerkes beanspruchen.

Es ist daher besonders schön zu sehen, wie Riepl Riepl Architekten in einem Erweiterungsbau des RISC in Hagenberg nun zeigen, dass auch solche mit ihrer rechnerischen Nachvollziehbarkeit argumentierten Entwicklungen in der Architektur Pendelschläge sind, die wieder eine andere Richtung nehmen können.

Die neuen Räume für das Institut – vorwiegend Büros und ein Seminarraum – sollten in räumlicher Nähe zum Schloss entstehen. Als Bauplatz kam ein Areal nördlich des historischen Gebäudes infrage, das an seiner Ostseite von der bestehenden Zufahrt erschlossen wird. Um den denkmalgeschützten Landschaftsgarten des Schlosses mit seinem seltenen Baumbestand möglichst wenig zu stören, haben Riepl Riepl den Erweiterungsbau so in das Gelände gefügt, dass auf der Ebene der Straße lediglich ein sorgfältig zugeschnittener Pavillon mit dem Zugang zu Lift und Stiegenabgang aus dem bekiesten Dach des neuen Gebäudes ragt.

Der größte Teil des auf zwei Geschoße aufgeteilten Volumens ist in den Hang gegraben, der an der Westseite des Erweiterungsbaus jäh zu einem kleinen Teich hin abfällt. Alle Räume sind, mit Ausnahme der Sanitär- und Technikbereiche, entlang der Westfassade des Hauses aufgereiht und werden über einen Gang und eine im Osten flankierende Kaskadentreppe erschlossen. Die gläserne Außenhaut des Erweiterungsbaus hätte, wiewohl von einem großzügigen Vorsprung des flachen Daches beschirmt, normgerecht mit außen liegendem Sonnenschutz ausgeführt werden müssen. Der sommers reichlich Schatten spendende Bewuchs des Teichufers hätte in den Berechnungen nicht berücksichtigt werden können.

Doch hier traten die Nutzer, die Wissenschaftler des Institutes, mit ihren Rechenkapazitäten auf den Plan und erbrachten den Nachweis der bauphysikalischen Funktionstüchtigkeit der Hülle unter den besonderen Gegebenheiten des Ortes. Sie leisteten damit einen wichtigen Beitrag zum Gelingen eines Vorhabens, das sich der vom Glauben an die Technik beseelten Welt, wie sie Hagenberg auf den ersten Blick repräsentiert, entgegenstellt, nämlich: ein einfaches Haus zu bauen. Ein Haus, das seine Funktionstüchtigkeit einer klugen Wahl von Lage, Konstruktion und innerer Organisation verdankt und Schönheit aus der Harmonie von Proportionen, Materialien und Licht gewinnt.

Ein eng gesteckter Rahmen für die Errichtungskosten mag die Entscheidung erleichtert und die Bereitschaft zu jener Askese verstärkt haben, die Architekten im Normalfall viel eher zu begeistern vermag als ihre Bauherren. Doch sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des RISC gerade im Bewusstsein ihres eigenen Engagements in der Planungsphase sehr zufrieden mit dem gebauten Ergebnis, das sich im letzten Sommer sowohl bei Hitze als auch während langer Regenperioden als komfortabel erwiesen hat.

Riepl Riepl haben sich bei der Wahl der Oberflächen weitgehend auf robuste Holzböden und weiß verputzte Wände und Decken beschränkt. Die unterschiedlich großen Arbeitsräume sind alle ganz gleich ausgestattet. Gelüftet wird über öffenbare Flügel in der Fensterwand. Selbst auf die Installation von Deckenleuchten wurde – mit Ausnahme des Seminarraumes im oberen Geschoß – verzichtet. Die Büros werden durch frei stehende Leuchten erhellt.

In jedem Raum gibt es eine schwarze Wand, die von den Mitarbeitern des RISC mit weißer Kreide beschrieben werden kann. Mathematische Grafiken und Formeln beschwören den Genius Loci und trösten darüber hinweg, dass man sich bildende Kunst hier nicht leisten konnte. Die Hauptrolle spielt ohnedies das Licht: Es zeigt seine Vielfalt im Dämmer des Ganges, dessen Ende sich zum bewaldeten Ufer des Teiches öffnet; im Schattenspiel der Bäume, das den Blick ins Freie kontemplativ dämpft; und im Widerschein der Sonne auf dem Wasser, der an manchen Tagen Decken und Wände des Hauses in Bewegung setzt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.01.2014)