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Kann sich die Katastrophe von 1914 wiederholen?

Politische Fehlkalkulationen sind immer möglich. Aber das Risiko kann durch richtige Entscheidungen minimiert werden.

Heuer jährt sich ein Wendepunkt der modernen Geschichte zum 100. Mal. Im Ersten Weltkrieg fanden etwa 20Millionen Menschen den Tod, eine Jugendgeneration Europas wurde in seinen Rädern zermahlen. Zudem veränderte er die internationale Ordnung grundlegend.

Tatsächlich löschte der Erste Weltkrieg nicht nur Menschenleben aus, sondern auch drei europäische Reiche – Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland – und mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs ein viertes in ihrer Nachbarschaft. Bis zum „Großen Krieg“ stand Europa im Mittelpunkt des globalen Machtgefüges; danach traten die USA und Japan als Großmächte hervor.

Der Krieg läutete auch die bolschewistische Revolution von 1917 ein, bereitete dem Faschismus den Boden, intensivierte und verbreitete die ideologischen Kämpfe, die das 20.Jahrhundert quälten. Wie konnte eine solche Katastrophe geschehen? Kurz nach Ausbruch des Krieges, als der deutsche Kanzler Theobald von Bethmann-Hollweg erklären sollte, was passiert war, antwortete er: „Oh, wenn ich das nur wüsste!“ Vielleicht kam er, um sich selbst zu entlasten, zu dem Schluss, den Krieg als unausweichlich anzusehen. Ebenso argumentierte auch der britische Außenminister Sir Edward Grey, „dass kein menschliches Wesen ihn hätte verhindern können“.

 

Gefährliche Analogien

Die Frage, die wir uns heute stellen, lautet, ob so etwas noch einmal passieren könnte. Margaret MacMillan, Autorin des Buches „The War That Ended Peace“, argumentiert: „Es ist verführerisch und ernüchternd, die heutigen Beziehungen zwischen China und den USA mit jenen zwischen Deutschland und Großbritannien vor 100Jahren zu vergleichen.“ Nach einem ähnlichen Vergleich kommt der „Economist“ zu dem Schluss, dass „die beunruhigendste Ähnlichkeit zwischen 1914 und jetzt die Gleichgültigkeit“ ist. Und einige Politikwissenschaftler wie John Mearsheimer von der Universität Chicago behaupten: „Um es geradeheraus zu sagen: China kann nicht friedlich aufsteigen.“

Obwohl historische Analogien manchmal zur Vorbeugung nützlich sind, werden sie gefährlich, wenn sie das Gefühl historischer Unausweichlichkeit vermitteln. Der Erste Weltkrieg war nicht unausweichlich. Durch Deutschlands wachsende Macht und die Angst, die dies in Großbritannien auslöste, wurde er wahrscheinlicher. Doch wurde er auch durch die ängstliche Reaktion der Deutschen auf Russlands zunehmende Macht wahrscheinlicher sowie durch unzählige andere Faktoren, einschließlich menschlicher Fehler.

Wenn man heute Lehren aus 1914 ziehen will, muss man dazu mit den vielen Mythen aufräumen, die über diesen Krieg erfunden wurden. Beispielsweise wird die Behauptung, es sei ein bewusster Präventivkrieg seitens Deutschlands gewesen, von Dokumenten widerlegt, die zeigen, dass wichtige Eliten nicht daran glaubten. Ebenso wenig war der Erste Weltkrieg ein völlig unbeabsichtigter Krieg, wie andere meinen: Österreich trat bewusst in den Krieg ein, um der Bedrohung des zunehmenden slawischen Nationalismus zu begegnen. Es gab Fehlkalkulationen hinsichtlich der Länge und Schwere des Krieges, aber das ist nicht dasselbe wie ein unbeabsichtigter Krieg.

Es wird ebenfalls gesagt, dass der Krieg durch ein unkontrolliertes Wettrüsten in Europa verursacht wurde. Doch das Wettrüsten zur See war 1912 vorbei. Obwohl es in Europa Besorgnis über die zunehmende Stärke der Armeen gab, ist die Sichtweise, dass der Krieg direkt durch das Wettrüsten ausgelöst wurde, allzu einfach.

Die heutige Welt unterscheidet sich von der Welt von 1914 in mehreren Punkten. Einer ist, dass Kernwaffen für führende Politiker eine Art Kristallkugel sind, die ihnen zeigt, wie ihre Welt nach einer Eskalation aussähe. Wenn die beiden Kaiser und der Zar 1918 eine Kristallkugel gehabt hätten, die ihnen die Zerstörung ihrer Reiche und den Verlust ihrer jeweiligen Throne gezeigt hätte, wären sie 1914 vielleicht vorsichtiger gewesen.

 

Der Kristallkugeleffekt

Gewiss hatte der Kristallkugeleffekt während der Kuba-Krise einen starken Einfluss auf die amerikanischen und sowjetischen Machthaber. Er hätte heute wahrscheinlich einen ähnlichen Einfluss auf die Regierenden in den USA und China.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass die Ideologie des Krieges heutzutage viel schwächer ist. 1914 dachte man wirklich, der Krieg sei unausweichlich. Diese fatalistische Sichtweise wurde durch die sozialdarwinistische Behauptung verstärkt, der Krieg solle begrüßt werden, da er „die Luft säubert“ wie ein Sommergewitter. Winston Churchill schrieb in der „Weltkrise“: „Eine merkwürdige Stimmung lag in der Luft. Vom materiellen Wohlstand nicht befriedigt, wandten sich die Nationen leidenschaftlich dem Kampf zu, im Inland oder Ausland. Nationale Passionen, die mit dem Niedergang der Religion übermäßig verherrlicht wurden, schwelten unter der Oberfläche fast aller Länder mit heftigen, wenn auch verschleierten, Feuern. Man konnte fast meinen, die Welt wünschte es sich, zu leiden. Zweifellos waren Männer überall auf Wagnisse aus.“

 

Viele Anreize zur Kooperation

Selbstverständlich nimmt der Nationalismus derzeit in China zu, und die USA haben nach dem 11.September 2001 zwei Kriege begonnen. Doch ist keines der beiden Länder auf einen Krieg aus oder blickt gleichgültig auf einen begrenzten Krieg. China strebt eine größere Rolle in seiner Region an, die USA wiederum haben regionale Verbündete, zu deren Verteidigung sie verpflichtet sind.

Fehlkalkulationen sind immer möglich, aber das Risiko kann durch die richtigen Entscheidungen minimiert werden. In vielen Fragen – zum Beispiel Energie, Klimawandel und Finanzstabilität – gibt es für China und die USA starke Anreize, zu kooperieren.

Während Deutschland 1914 Großbritannien dicht auf den Fersen war (und es hinsichtlich seiner Industriestärke überholt hatte), haben die USA nach wie vor einen jahrzehntelangen Vorsprung gegenüber China, was ihre militärischen, wirtschaftlichen und anderen Ressourcen (weiche Macht) angeht. Eine zu abenteuerlustige Politik Chinas würde seine Gewinne im In- und Ausland gefährden.

 

Wozu zu viel Angst führen kann

Mit anderen Worten: Die USA haben mehr Zeit, ihre Beziehungen mit einer aufstrebenden Macht zu regeln, als Großbritannien vor 100Jahren hatte. Zu viel Angst kann auch dazu führen, dass sie sich materialisiert. Ob die USA und China ihre Beziehung gut regeln, wird von menschlichen Entscheidungen abhängen, nicht von eisernen historischen Gesetzen.

Zu den Lehren, die man aus 1914 ziehen sollte, gehört auch, dass man sich vor Analogien hüten sollte, insbesondere, wenn ihnen der Hauch der Unausweichlichkeit anhaftet. Der Krieg ist niemals unausweichlich – obwohl der Glaube, dass er es ist, zu einem seiner Auslöser werden kann.

Aus dem Englischen von Anke Püttmann

 

Copyright: Project Syndicate, 2014.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR


Joseph S. Nye (*1937 in South Orange, New Jersey) ist Professor für Politikwissenschaft an der Harvard University. Er war Vorsitzender des National Intelligence Council (1993/94) und stellvertretender US-Verteidigungsminister (1994/95). Nye gilt als außenpolitischer Vordenker, er prägte das Konzept der „weichen/harten Macht“. Sein jüngstes Buch: „Presidential Leadership and the Creation of the American Era“. [ Project Syndicate ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2014)