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Der ER, die SIE & GENK

Wilhelm Pevny lässt in seinem komplexen Roman „Die Erschaffung der Gefühle“ den „Lebensfilm“ eines sterbenden Professors vorüberlaufen.

In seinen Anfängen verknüpfte Wilhelm Pevny formal experimentelle Herangehensweisen mit gesellschaftspolitischer Analysearbeit und fiel damit bis heute aus dem Blickpunkt beider Forschungsinteressen. Der sozialkritischen Tradition sind avancierte Techniken schwer zugänglich, und die Avantgardeforscher halten bei gesellschaftspolitisch positionierten Autoren kaum Nachschau. Diese Teilhabe an beiden Traditionssträngen hat Pevnys Rezeption beinahe ebenso viel geschadet wie die unfaire Haltung seines Mitautors an der heute legendären TV-Serie „Alpensaga“.

2008 meldete er sich mit dem monumentalen Roman „Palmenland“ zurück, der von der Kritik kaum beachtet wurde. Mit seinem zweibändigen Opus magnum, „Die Erschaffung der Gefühle“, scheint sich das endlich zu ändern. Der Roman folgt einer strengen Struktur, die von den „Absenzen“ eines Sterbenden vorgegeben wird. Die Hellhörigkeit in Todesnähe lässt den aus der Ohnmacht auftauchenden Walter Karmesin, Professor für Linguistik und Geschichte, Dinge hören, sehen, erleben und verstehen, die einem rationalen Zugriff kaum zugänglich sind. „Die Erschaffung der Gefühle“ ist eine Adaption der Vorstellung, dass wir sterbend unseren Lebensfilm vorgeführt bekommen. Denn was dem Professor präsentiert oder vorerzählt wird, ist eine Fülle von Lebensgeschichten, in die er immer wieder, sie wie selbst erlebend, hineinkippt.

Regisseur und Reiseführer durch die vielen Identitäten und Lebensverwicklungen scheint der namenlose Alte, eine freundliche Figuration des Todes. Er sitzt auf dem Sessel „zehn Schritte“ hinter dem auf dem Boden Liegenden und bleibt für diesen unsichtbar. Gleich zu Beginn entwickelt der Alte ein Gedankengebäude aus Urknalltheorie und Quantenphysik, das Raum und Zeit und auch Identitätsgrenzen durchlässig macht: der Mensch als Elektronenverband, den Gott als mathematischer Geist mit seinen Rechenexperimenten auf unterschiedliche Umlaufbahnen schleudert.

Das erste Buch führt in eine Art Paradieszustand, eine Existenz der Leichtigkeit jenseits der „Scheinwelt der Zeitlichkeit“. Dass hier drei Figuren von mythologischer Dimension, bezeichnet als ER, SIE und GENK, in traumhafter Unschuld und Sorglosigkeit zugange sind, lässt von Anfang an vermuten, dass der „Lebensfilm“ des Sterbenden ein belastendes Dreiecksverhältnis verarbeitet. Verliert in diesem Paradies eine Figur ihre fraglose Glückseligkeit, wird für ihre „Wegkunft“ gesorgt. In einem Nanomoment der Spaltung gelangt sie durch eine Art Zeitkanal auf eine andere Umlaufbahn und wird irgendwo auf der Zeitachse auf irgendeine der Hemisphären des „festen Scheinseins“ gebeamt und landet im Irdischen, auf einer der mehr oder minder verwickelten Lebensreisen, wie sie uns Menschen zugedacht sind. So geschieht es auch den dreien, doch wie verloren sie auch sein mögen, irgendwo im Unterbewusstsein tragen sie die Sehnsucht nach den beiden anderen stets mit sich.

Am Übergang zwischen den Identitäten, der auch Geschlechtergrenzen überwinden kann, bleiben Unschärfen. Im Schriftbild wird das häufig durch persönliche Fürwörter in Großbuchstaben, oft in beiderlei Geschlecht, dargestellt. Das irritiert den Lesefluss und setzt dem Lesenden die Frage der offenen Identitätsgrenzen gleichsam permanent vor Augen. Auch die Erzählstimme ist schillernd. Ob der Alte spricht, der Sterbende oder die Figur, deren Lebensweg gerade imaginiert wird, bleibt oft in der Schwebe.

Diese Unsicherheitsrelationen werden nicht nur fortwährend thematisiert, sondern auch im Schriftbild dargestellt. Das Uneindeutige der Erzählsituation wie der tatsächlichen Erzählstimme ist Teil des Programms und führt mit den immer wieder eingespielten Positionsklärungen zu rhythmischen Verschleifungen und polyphonen Verdichtungen. Aus den Fantasien über Identitätswechsel und Bewusstseinssprünge entstehen nach und nach mindestens drei Binnenromane.

Aus der SIE des Urzustands wird die Geschichte der in unserer Gegenwart gelandeten Christl Wallner. Sie ist einst gestartet, um eine große Mathematikerin zu werden, und nach einigen Irrwegen als Lehrerin in einer Kleinstadt gelandet. Immer noch aber ist sie auf der Suche nach einer Welterklärung, einem besseren Sein, dem großen Gefühl – und mit dem Erzähler vereint in einer tödlichen Krankheit. Das ist eine weitere Grundannahme des Romans: Über idente Emotionen wird der Übergang in ein anderes Ich möglich.

GENK ist beim Wechsel der Umlaufbahnen in Bluthenien gelandet, und daraus formt Pevny einen beeindruckenden utopischen Roman und vor allem eine diffizile Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von Sprache und Denken. Innerhalb von zwei Generationen scheint das kulturelle Wissen weitgehend verloren gegangen zu sein, das allmählich über die Rückeroberung der verlorenen Sprache für Emotionen und Beziehungen wieder zugänglich wird. Die reduktionistische Symbolsprache der Bluthenier, die wir im Buch auch dargestellt sehen, wird im Erzählen/Erleben „annäherungsweise“ in die alte, also unsere Sprachlogik übertragen.

Der dritte Roman ist die Geschichte Ludewigs, eines Schlossergesellen an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit. Sein Lebenstraum ist die neue Kunst der Uhrmacherei, seinen Unterhalt aber verdient er als Botengänger. Es ist die Zeit des Kirchenschismas, da gibt es viel zwischen weltlichen und kirchlichen Potentaten zu intrigieren, also viele Geheimdepeschen zu überbringen. Ludewig gerät dabei in alle möglichen Verwicklungen. Als er schließlich in Gefangenschaft elend zugrunde geht, ist auch er mit dem Professor im Sterben verbunden. Die Lebensgeschichte Ludewigs aber ist jene historische Chronik, die der sterbende Professor bis zuletzt in seinem Arbeitszimmer korrigierend für den Druck vorbereitet hat – und die wir mit mittelhochdeutschen Spracheinsprengseln beeindruckend zeitnah erzählt bekommen. Es sind diese Einschübe, die eine Vorstellung von Lebensgefühl und Gedankenwelt der Zeit vermitteln oder doch erahnen lassen.

Nach einem wilden Karussell von Schicksalen quer durch alle Kontinente und Zeiten führt die letzte Absenz in die Paradiesvorstellung zurück. Die letzten sieben „Wimpernschläge“ des Moribunden sind Momente der Unsicherheit und des verzweifelten Ringens um den Glauben, dass es das Glück in der Schwerelosigkeit wirklich gibt und dass es ihn tatsächlich erwartet.

Die 1000 Seiten des Romans bergen eine unendliche Zahl von Verzweigungen und Verbindungen zwischen den Figuren und Handlungselementen, und Pevny bewegt sich durch diese komplexen Stoffmassen mit einer seltenen sprachlichen Variationsbreite, die komplex ist, aber zugleich etwas Leichtfüßiges bewahrt. ■

Wilhelm Pevny

Die Erschaffung der Gefühle

Eine abenteuerliche Geschichte in fünf Teilen. Zwei Bände. 534 u. 394 S., geb., zus. €35 (Wieser Verlag, Klagenfurt)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2014)