Jenseits des Idylls: Tabula rasa

Nicht in dem vom Tourismus okkupierten Stadtkern, sondern rundum, im „Körper der Stadt“, wo gelebt und gearbeitet wird, verliert Salzburg seine Vielfalt, sein Gesicht. Aktuelle Hinweise zu einer Misere.

Die Stadt verliere ihr Gesicht, kritisiert Ronald Gobiet. Der ehemalige Landeskonservator von Salzburg sieht das Projekt Dr.-Franz-Rehrl-Platz beispielhaft für seine Diagnose als „Verdichtung am falschen Ort“. Seit Ende 2011 das Architekturbüro Storch Ehlers Partners (Hannover) den Wettbewerb „Wohnbau City Life“ gewann, wird das Projekt äußerst kontrovers und emotional diskutiert.

Zur Disposition steht die ehemalige Vorhaltefläche für einen Tunnel durch den Kapuzinerberg knapp innerhalb des Altstadtschutzgebiets. Die benachbarte Bebauung an der Arenbergstraße entlang des steil ansteigenden, bewaldeten Kapuzinerbergs ist architektonisch vielfältig vom 16. bis 20.Jahrhundert geprägt. Am Beginn der historischen Ausfallstraße steht eine herrschaftliche, schlossartige Villa, zu welcher der großzügige Park als westliche Nachbarschaft des Wettbewerbsgebiets gehört. Im Osten definiert hingegen das 1953 eröffnete Unfallkrankenhaus einen beträchtlichen Maßstabsprung.

Das einstimmig prämierte Siegerprojekt reagiert – so das nachvollziehbare Urteil der Jury – „selbstverständlich und zeitgemäß auf die komplexe städtebauliche Situation als Gelenk zwischen den unterschiedlichen Strukturen der historischen Bebauung an der Arenbergstraße, dem Gründerzeitviertel an der Salzach und der Großform des Krankenhauses“. Die rhythmische Abfolge von Volumina bietet Querbezüge zum Grünraum. Außerdem weckt sie Assoziationen zum historischen Zentrum, seinen engen Gassen, Wegen, Plätzen und gewachsenen Strukturen.

Die von Jury und Anrainervertretern geforderte Überarbeitung führte zu einer verringerten Baumasse direkt an der Arenbergstraße. Diese starke Verbesserung der Einfügung beurteilte auch die Sachverständigenkommission für die Altstadterhaltung in Salzburg, kurz SVK, sehr positiv: Das Projekt „fügt sich harmonisch in die Stadtlandschaft ein, da es die bestehenden typischen Elemente der Umgebung in die Neubaukörper integriert und weiterentwickelt“. Ganz anders sah das eine Kommission, die im Auftrag der Unesco im April 2013 verschiedene Bauprojekte begutachtete. Ihr Bericht forderte nicht nur, „die störende Höhe des Projekts an der gesamten Länge zu verringern, indem auf das fünfte Obergeschoß verzichtet wird“, sondern auch „die Struktur in zwei oder drei klar definierte Einzelbaukörper“ zu gliedern und sich bei der „Gestaltung der Fassaden und Fenster an die vor Ort anzutreffenden Formate“ anzunähern.

Solche Empfehlungen, die mit Entwurfs- und Gestaltungstipps massiv in die Grundkonzeption des Projekts bis hin zur Detaillierung eingreifen, sind äußerst problematisch. Explizit Architekturdetails zu fordern erinnert an eine Zeit, in der ambitioniertes, zeitgemäßes Bauen in der Altstadt unmöglich war oder so beschnitten wurde, dass dessen Stimmigkeit und Qualität massiv darunter litten. Die Jahrzehnte, in denen unauffällige, aber triviale Anpassung das Neu- und Umbaugeschehen im historischen Zentrum von Salzburg bestimmte, müssen Vergangenheit bleiben. Dem überwunden geglaubten Geist gegen respektvolles, zeitgemäßes Bauen im historischen Kontext ist entgegenzutreten. Stetig wächst seit der Ende der 1980er-Jahre die Zahlbemerkenswerter, für das Prinzip der Einfügung stehender Bauwerke; diese positive Entwicklung gilt es zu verteidigen.

Das im Stadtbild präsenteste Beispiel ist der 2001 eröffnete Makartsteg des Salzburger Architekturbüros Halle 1. Er vermittelt – schleifenförmig, ähnlich einem Salzachbogen – zwischen Makart- und Hanuschplatz und eröffnet im Gehen sich verändernde Perspektiven. Mit moderner Architektur im Dialog mit der historischen Stadt kann diese qualitätsvoll ins 21. Jahrhundert weitergebautwerden, Brücken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bilden.

Gestalterisches Engagement ist allerdings kein Garant, dass bei der Dichte- und Höhenentwicklung nicht über die Stränge geschlagen wird. Tatsächlich haben Investorenprojekte häufig viel zu massive Kubaturen. Die Frage der Angemessenheit gilt es immer zu stellen. Salzburgs Stadtlandschaft besitzt eine besondere Topografie mit Beckenlage und Stadtbergen und einem vielfältigen Sicht- und Beziehungsnetz: Die meisten Plätze weisen zwei besondere Qualitäten auf, analysierte der Stadthistoriker Gerhard Plasser: Neben den Platzwänden als Begrenzungen des Blicks eröffnen sich – als zweite Perspektive – Sichtbeziehungen zu Stadtbergen und Gebirge. Aktuell soll sich im Bahnhofsviertel das sogenannte Bodner-Hochhaus (von Halle 1) massig vor die Silhouette des Untersbergs schieben. Versinnbildlicht das nahe Hotel Europa von 1956 in Salzburgs Skyline die Wiederaufbau-Euphorie, wird das Bodner-Hochhaus Symbol von Investorenwillkür (die ÖBB waren die treibende Kraft) und Planungskulturlosigkeit.

Vergleichbar in Wien sind die aktuellen Verbauungsüberlegungen der Eislaufverein-Gründe (siehe auch Seite IX in diesem „Spectrum“). Sowohl das Hochhausvorprojekt mit Luxuswohnungen von 2013 als auch das Siegerprojekt des Wettbewerbs 2014 werden zu Recht von gewichtigen Exponenten der Architektenschaft kritisiert. Hier hat die Stadtplanungspolitik versagt, statt dem Investor einen der Stadtstruktur angemessenen Rahmen vorzugeben, scheint sie seinem Diktat zu folgen.

Der historische Kern bildet nur wenige Prozent des Stadtgebiets. Während in Salzburgs Altstadt jeder Umbau unter Beobachtung von Fachleuten wie Bevölkerung steht, steigt der Verlust an Baudenkmälern des 20.Jahrhunderts in der Stadt Salzburg dramatisch. Ein brandaktuelles Beispiel ist die Nachnutzung der Riedenburgkaserne, die eine jahrhundertelange wehrgeschichtliche Tradition besitzt.

Dieser Tage findet der Realisierungswettbewerb für dieses letzte zentrumsnahe Areal von solch stadthistorischer Bedeutung und Größe (37.000 Quadratmeter) statt. Viele seiner Bauwerke, beispielsweise jene der 1930er-Jahre im Nordwesten, bieten Potenziale für intelligentes Weiterbauen. Bereits vor Jahrzehnten haben Wissenschaftler im Auftrag der Stadt das Hauptgebäude und das Nachbarhaus an der Moosstraße, das ursprünglich den Turn- und Fechtsaal aufnahm (beide um 1890), sowie die Reithalle (1926) als erhaltenswert eingestuft. Zudem wurde die traditionsreiche Kaserne als Ensemble gewürdigt. Bemerkenswerterweise gilt nun der Ensemble-Erhebungsbogen als unauffindbar.

Bei der Erstellung des Bebauungsplans ignorierte die Stadt diese drei Erhaltungsgebote, nur die Biedermeiervilla im Nordosteck behielt ihren Schutz. Allerdings sollte für die Villa im ursprünglichen Entwurf der Wettbewerbsbedingungen der Abriss ermöglicht werden: Für den alternativen Ersatzbau sind „die qualitative Verbesserung der städtebaulichen Situation sowie die wirtschaftliche Notwendigkeit als Voraussetzung für die Beantragung der Aufhebung dieses Erhaltungsgebotes nachzuweisen“.

Der Protest der Arge Riedenburg war erfolgreich. Die Dialogplattform mehrerer Architekturinstitutionen forderte zudem die Erhaltung der baukulturell wertvollen Riedenburghalle von 1926, die bis vor wenigen Jahren denkmalgeschützt war. Als vorhandenes Raumpotenzial und als öffentlicher Ort kann sie ein zentraler Baustein für das sinnvolle Weiterentwickeln des Stadtteils sein. Der Gestaltungsbeirat stellte daraufhin diese Option den Wettbewerbsteilnehmern frei – prompt beschloss der städtische Planungsausschuss den Abriss.

Die Betreiber des Turnhallen-Abrisses haben leichtes Spiel. Nach jahrzehntelanger Verwahrlosung sowie nach Zu- und Umbauten erschließen sich vielen Benutzern und Passanten die baukulturellen Qualitäten nicht mehr. Welche Schätze aber eine Restaurierung heben kann, zeigt – um eines der bekannteren Beispiele zu nennen – die Jugendstileingangshalle des Salzburger Hauptbahnhofs.

Ziel bei der Kasernenachnutzung – so die beiden Bauträger respektive Eigentümer im Wettbewerb – sei es, „ein lebendiges, attraktives und zeitgemäßes städtisches Wohnquartier zu schaffen, das einen angemessenen Eingang zur Innenstadt der Weltkulturerbestadt Salzburg darstellt und sich durch seine Nutzungsmischung, seine städtebauliche Form und seine differenzierte architektonische Qualität mit der gewachsenen Struktur des Stadtteils Riedenburg vernetzt und ebenso eigenständig einen urbanen, lebenswerten Raum bildet. Das neue Quartier soll eine Adresse bilden und Identifikationspunkt sein.“ So hatten sich die 17 teilnehmenden Architektenteams die vergangenen Wochen dem Paradoxon zu stellen, in der in der Dichte stetig steigenden Neubebauung künstlich einen „Identifikationspunkt“ zu schaffen, nachdem fast alle vorhandenen baulichen Identitätsmerkmale beseitigt sein werden.

Hohes Verantwortungsgefühl ist nötig für den Baubestand und das künftig neu zu Bauende. In- und außerhalb des Altstadtgebiets gibt es problematische Nachverdichtungen, bei denen charaktervolle, weder von Stadt noch Bundesdenkmalamt geschützte Bauwerke oder wertvolle Freiräume – hinter der Debatte ums Weltkulturerbe unbemerkt – verloren gehen. Bei der aktuellen Nachnutzung der „Rauchgründe“ in Salzburg-Lehen ist das markante, um 1900 entstandene Silogebäude massivst abbruchgefährdet. Diese beeindruckende Landmark der ehemaligen Mühle ist ein Identifikationspunkt für den Süden des Stadtteils und hat das Potenzial für einen attraktiven Begegnungsort für das entstehende Quartier. Neben dem Herrenhaus, dessen Erhaltung laut Gutachten von 1981 „unbedingt erforderlich“ ist, wertete das Gutachten des Amtes für Stadtplanung das gesamte Ensemble als „erhaltungswürdig“ und forderte bei allfälligen Neubaumaßnahmen einen „behutsamen Umgang mit der Altsubstanz auch im Sinn der Tradition des Unternehmens“. Trotzdem hat die Stadt nie eine fundierte industriearchäologische Gebäudeuntersuchung gefordert, die am Beginn jeglicher Überlegungen standardmäßig stehen müsste.

Eine optimierte, ressourcenschonende Stadtteilreparatur mit Substanz, die den Bestand und dessen räumliche Potenziale nutzt, statt unhinterfragt taugliche Gebäude(teile) zu entsorgen, ist in Salzburg noch nicht angekommen. Anstelle der Abriss- und „Tabula-rasa“-Mentalität muss ein intelligentes Weiterbauen am Bestand Einzug halten. Dies bedeutet keineswegs einen „Glassturz“, sondern ein zeitgemäßes Weiterentwickeln der Bausubstanz mit Respekt. Die Praxis ist eine andere: Neben den Versäumnissen des Bundesdenkmalamts fehlt der Stadtplanung und -politik jegliches Verständnis, ganz zu schweigen von einer vorausschauenden Strategie, wie man diese baukulturellen Ressourcen erhalten und nachnutzen kann. Bei der Riedenburghalle ging es allein um die Absiedelung der Turnvereine, damit wurde eine öffentliche Nutzung aus dem künftigen Wohngebiet eliminiert. Außerhalb der Postkartenidyllen der Altstadt wächst mit jedem dieser Abrisse ein anonymes, identitätslos entwurzeltes Salzburg. Nicht in dem vom Tourismus okkupierten Stadtkern, sondern „im Fleisch, im Körper der Stadt“ (Richard Sennett), wo gelebt und gearbeitet wird, verliert das „Weltkulturerbe“ seine Vielfalt, sein Gesicht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2014)