„Kleines Elend“, große Lügen

Der 1. Weltkrieg (1) - Kaiser Franz Joseph und der 1. Weltkrieg
Der 1. Weltkrieg (1) - Kaiser Franz Joseph und der 1. Weltkrieg(c) ORF (Önb)

100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs lesen wir tiefgründige Psychogramme der Feldherren, wir spielen im Sandkasten der Geschichte Schlachten nach. Eines aber vergessen wir: Vieles von dem, was wir zu Gesicht bekommen, ist durch die Mühlen von Propaganda und Zensur gegangen. Wie 1914 der Propagandakrieg begann.

Der Kriegsberichterstatter kam auf Urlaub.“ So beginnt Alfred Polgar während des Ersten Weltkriegs ein kurzes Feuilleton über den Journalisten im Dienste des Krieges. „Er trug einen fabelhaften Pelz. Zwei Revolver lasteten in zwei lichtgelben, ledernen, knirschenden Revolvertaschen, ein Dolchmesser mit Emailgriff und eingeschnittenem Monogramm stak im Gürtel, an den hohen juchtenen Stiefeln sangen Silbersporen martialische Lieder.“

Wie durch ein Wunder passiert der sichtlich ironische Text die Hürde der Zensur. Als der Beitrag 1929 zusammen mit anderen Zeitungstexten noch einmal als Buch erscheint, nennt der den Band „Hinterland“. Er deutet damit an, dass er nicht die großen Schlachten dokumentiert, nicht die Kämpfe im Schützengraben, sondern das, was hinter der Front, zu Hause, vor der eigenen Tür passiert. Es ist, wie Polgar es an einer Stelle nennt, das „kleine Elend“ des Krieges. Das Bild des Kriegsberichterstatters zeichnet Polgar voller Spott und Sarkasmus. Dieser fühle sich, angesichts der vorbeisausenden Autos, der scheuen Pferde und der Ziegelsteine, die ihm auf den Kopf fallen könnten,gerade in seinem Heimaturlaub nicht sicher.

Am liebsten, so der Autor, gehe der Reporter ins Kino. Denn die Filme aus dem Kriegsgebiet„verhalfen doch zu einiger Anschauung vom Kriege. Man bekam immerhin ein beiläufiges Bild der Sache und konnte sich vorstellen, wie solch ein Feldzug in Wirklichkeit aussehen möge. Der Kriegsberichterstatter fühlte sich belehrt und angeregt. Hingegen verwirrte ihn der ungewohnte Anblick des Militärs, das, mit todbringenden Waffen bewehrt, durch die Straßen zog. So kriegerische Bilder hatten etwas Beunruhigendes für ihn.“

100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges werden wir fast täglich an die Vergangenheit erinnert. Wir lassen die vertrackten diplomatischen Entscheidungen, die zum Krieg führten, noch einmal Revue passieren. Wir lesen tiefgründige Psychogramme der Feldherren und Kommandanten, wir spielen im Sandkasten der Geschichte entscheidende Schlachten nach und identifizieren uns mit dem Schicksal einfacher Soldaten an der Front – in Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen. Eines aber vergessen wir allzu oft: Die Dokumente aus der Kriegszeit, die wir zu Gesicht bekommen, sind praktisch allesamt durch die Mühlen der zeitgenössischen Propaganda gegangen, ob es sich nun um Zeitungstexte, Bücher oder Fotografien handelt. Und sogar die Mitteilungen in privaten Briefen wurden von der riesigen Schar der Zensoren mitgelesen und gegebenenfalls gefiltert.

Vor diesem Hintergrund lohnt es durchaus, Alfred Polgars Kritik an der Kriegsberichterstattung ernst zu nehmen. Die Zahl jener Journalisten, die es – so wie Polgar – wagten, zwischen 1914 und 1918 öffentlich zwischen den Zeilen zu lesen, war klein. Viele Schriftsteller, wie Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Robert Musil, StefanZweig, Egon Erwin Kisch, Franz Werfel oder Alexander Roda Roda, reihtensich, zumindest zeitweise, ein in den Krieg der Worte. Sie taten ihren „Dienst“ weit hinter der Front, etwa im Kriegsarchiv (in dem auch Polgar seit 1915dienstverpflichtet war), im k. u. k. Kriegspressequartier, im Kriegsüberwachungsamt oder in der Presseabteilung des Außenministeriums.Bleiben wir beim Beispiel k. u. k. Kriegpressequartier (KPQ), der wohl berühmtesten Zufluchtsstätte für österreichische Intellektuelle. Es wäre irreführend, dieses Amt bloß als Nische einer aufgeblähten Kriegsbürokratie zu sehen, als Rückzugsgebiet für Künstler und Literaten mit dem offiziell anerkannten Ziel der Wehrdienstvermeidung. Das KPQ war nicht nur ein Hort österreichischer Gemütlichkeit, sondern eine über weite Strecken höchst effiziente Propagandaeinrichtung, ein wichtiges Hinterzimmer der Armee. Gegründet wurde es am Tag der Kriegserklärung, am 28. Juli 1914 – als Abteilung des Armeeoberkommandos. Der Leiter hieß: Maximilian von Hoen. Es dauerte zwei Wochen, bis am 11. August der erste Pressetross von Wien abreiste. Das Ziel hieß Dukla, eine kleine galizische Stadt in den Beskiden. Die geografische Odyssee des Propagandahauptquartiers spiegelt nicht nur den Kriegsverlauf wider, sondern auch das Bemühen, die Propaganda immer stärker an das Armeeoberkommando zu binden. Im September 1914 wurde das KPQ nach Poprad verlegt, im Oktober nach Zsolna respektive nach Alt Sandec. Am 10. November 1914 übersiedelte das KPQ nach Teschen.

Nach den weiteren Stationen Mährisch Ostrau und Rodaun liefen die Fäden des KPQ ab Anfang 1917 in Wien zusammen. Aus der kleinen Sonderabteilung war innerhalb weniger Jahre ein mächtiger Apparat geworden, der bei Kriegsende 880 Personen umfasste. Neben den schreibenden Journalisten, den „stillen Helden des Wortes“, wie sie Karl Kraus ironisch bezeichnete, die 1914 noch die Stars der Kriegsberichterstattung waren, etablierten sich die Bildpropagandisten als zweite große Gruppe des KPQ. Maler, Zeichner und Fotografen waren in der sogenannten Kunstgruppe zusammengefasst. Sie hatten die Aufgabe, den Krieg in heldenhafte, patriotische Szenen zu kleiden, die in Ausstellungen, Zeitungen, Zeitschriften und Büchern unters Volk gebracht wurden.

Die Propagandamaschinerie diente nichtnur dazu, Niederlagen zu kaschieren oder Siege in patriotischen Massenveranstaltungen zu feiern, sondern auch dazu, der Propagandaschlacht des Kriegsgegners entgegenzutreten. Als nach der Eroberung Serbiens im Spätherbst 1915 Stimmen gegen die schlechte Behandlung der Kriegsgefangenen in den österreichischen Lagern laut wurden, antwortete die österreichische Propaganda mit Fotografien, die das Gegenteil beweisen sollten. Auf der Titelseite des christlichsozial-konservativen Wochenblattes „Österreichs Illustrierte Zeitung“ wurden etwa „zufriedene Kriegsgefangene“ zur Schau gestellt. Einer von ihnen hockt auf dem Boden und blickt in die Kamera. Ob der Mann „zufrieden“ ist, lässt sich dem Foto beim besten Willen nicht entnehmen, aber Bild und Schlagzeile schaffen in Zeiten von Krieg und Propaganda eben unumstößliche Fakten.

Am 24. Februar 1917 um 9 Uhr morgens fand in den Räumen des Kriegsministeriums in Wien eine wichtige und mit hochrangigen Militärs besetzte Sitzung statt. Die Propaganda, so die übereinstimmende Meinung der versammelten Offiziere, liege im Argen. Leutnant Lustig-Prean legte die Missstände in einem ausführlichen Vortrag dar. „Es ist schwer“, so führte er aus, „im Kriege zu ernten, was man im Frieden zu säen unterlassen hat. Unsere Propagandatätigkeit steckt eben noch in den Kinderschuhen und leidet daher auch an den Kinderkrankheiten, die so rasch und so gründlich als möglich bekämpft werden müssen.“ Die anderen Teilnehmer schlossen sich dieser Kritik an. Das Protokoll der Sitzung vermerkte zusammenfassend: „Die erschienenen Herren der beteiligten Ressorts pflichteten den bekannt gewordenen Mängeln unseres diesbezüglichen Propagandadienstes völlig bei und wussten dieselben auch noch durch einige zum Teil sehr drastische Beispiele zu illustrieren.“

Bereits gegen Ende 1916 hatten sich im Armeeoberkommando Stimmen gemehrt, die mit der Arbeit des KPQ unter der Führung von Maximilian von Hoen unzufrieden waren. Ihr Wortführer war Wilhelm Eisner-Bubna. Er war zunächst an der Isonzo-Front stationiert gewesen und war erst 1916 ins KPQ berufen worden. Im Visier hatte Eisner-Bubna vor allem die Bildpropaganda.

Am 15. Februar 1917 wandte er sich in scharfer Form direkt an die Kunstgruppe: „Es ist eine überaus bedauerliche Tatsache, dass unsere Kriegsfotografie weit hinter jener der Alliierten, vor allem der Engländer und Franzosen, zurücksteht.Diese Inferiorität kommt nicht nur in der Wahl der Aufnahmen, welche die Kriegsfotografen im Felde machen, zum Ausdruck, sondern auch in der Zahl der zur Benützung durch die Propaganda einlangenden Aufnahmen.“ Das Grundübel, so führte eraus, sei, dass „dieser Zweig unserer Propaganda, ebenso wie unsere ganze Propaganda überhaupt, völlig dezentralisiert ist“. Eisner-Bubna schloss mit den Worten: „Jedenfalls erscheint es im höchsten Grade wünschenswert, den geschilderten Übelständen raschestens abzuhelfen.“

Danach waren die Tage Hoens gezählt. Auf Anordnung Kaiser Karls übernahm Eisner-Bubna am 15. März 1917 die Leitung des KPQ, Hoen wurde ins Kriegsarchiv versetzt. Eisner-Bubna begann sogleich, die Propagandastelle systematisch auszubauen. Besonderes Augenmerk legte er auf die Bildpropaganda. Er veranlasste, dass für die Fotografen des KPQ eine eigene Abteilung eingerichtet werde, die „Lichtbild- bzw. Fotostelle“. In ihr sollten in Zukunft alle für die Propaganda verwendeten Fotografien in Auftrag gegeben, gesammelt und verwertet werden. Am 1. Juni 1917 wurde auch die Kriegsfilmpropaganda dem Kriegsarchiv entzogen und dem KPQ angeschlossen. Damit war der gesamte Bereich der Bildpropaganda in einer Zentralstelle zusammengefasst. Die Film- und Fotopropaganda gewann gegenüber den herkömmlichen Medien deutlich an Gewicht.

Den Hintergrund für diesen radikalen Umbau der österreichischen Kriegspropaganda bildete die rasche mediale Aufrüstung der anderen Krieg führenden Staaten. In Deutschland war Anfang 1917 das „Bild- und Filmamt“ (BUFA) gegründet worden, das für die Film- und Fotopropaganda zuständig war. Es hatte die Aufgabe, die Belieferung der Presse mit propagandistischem Fotomaterial zu gewährleisten und die Produktion von Propagandafilmen zu unterstützen. Auch auf der Seite der Alliierten wurden militärisch kontrollierte Foto- und Bildpropagandastellen aufgebaut. Im April 1915 war in Frankreich die „Section Photographique de l'Armée française“ (SPA) und die „Section Cinématographique de l'Armée“ (SCA) gegründet worden. 1916 wurden die ersten offiziellen britischen Fotoreporter zur Front zugelassen, Anfang 1916 wurde das „Canadian War Record Office“ gegründet, unmittelbar nach dem amerikanischen Kriegseintritt 1917 das staatliche „Committee of Public Information“.

Auf diese Weise wurden um 1917 in den Hinterzimmern der Armee die Weichen für gänzlich neue Formen der Propaganda gestellt. War der schreibende Journalist im Sommer 1914 noch der unumstrittene Protagonist des Propagandakrieges gewesen, bekam er nun Konkurrenz von den modernen Bildmedien Fotografie und Film. In den Zeitungen wurden immer mehr Fotografien gedruckt. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die gedruckte Fotografie gegenüber der – ehemals vorherrschenden – Zeichnung oder dem Holzschnitt endgültig als „das“ Kriegs- und Propagandamedium durchgesetzt. Im Bereich der Filmpropaganda verlief die Entwicklung ähnlich.

In der zweiten Kriegshälfte kam es in allen Krieg führenden Staaten unter dem staatlichen und militärischen Druck zu einer deut lichen Medienkonzentration und zu Monopolbildungen. In Deutschland wurde im Dezember 1917 unter dem Druck der Regierung und des Militärsdie UFA (Universum-Film-Aktiengesellschaft) gegründet. Der UFA-Konzern wurde mit 25 Millionen Reichsmark – ein großer Teil stammte von der deutschen Regierung, der Rest von Banken – gegründet und stieg innerhalb kürzester Zeit zum marktbeherrschenden Unternehmen auf. Auch in Österreich-Ungarn gab es in Form der „Sascha-Film“, die 1910 von Alexander Kolowrat-Krakowsky gegründet worden war, eine vom Militär privilegierte und geförderte Filmgesellschaft. Auch sie widmete sich intensiv der Kriegsfilmpropaganda.

Ende 1918, als der Krieg zu Ende war, fiel die Kriegspropaganda wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Drahtzieher innerhalb des österreichischen KPQ retteten sich elegant in die Nachkriegszeit. Ein größerer Teil der Akten des KPQ wurde Ende 1918 verbrannt, um kompromittierende Spuren zu verwischen. Eisner-Bubna ging Anfang 1919 in Pension. Viele prominente Mitglieder des KPQ wandten sich nun wieder dem zivilen Leben zu und wollten an ihre propagandistischen Auftragsarbeiten nicht mehr erinnert werden. Egon Erwin Kisch, seit Mai 1917 im KPQ tätig, wagte es immerhin, unmittelbar nach Kriegsende Klartext zu sprechen. „Welch eine Hochburg der Korruption ist dieses Kriegsamt gewesen!“ So nannte er das KPQ 1919. Und sprach von den „Lügen, die der Bevölkerung bewusst vorgesetzt wurden“. Das Kriegspressequartier sei, so Kisch, Ausdruck für eine „literaturfeindliche, unkünstlerische Militärdiktatur über das ganze Geistesleben der Monarchie“ gewesen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2014)