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Bauen fürs Baden

Elegant, modern, pragmatisch: die Bauten in den Donaubädern. Ein Forscherteam hat ihre Architektur in Klosterneu- burg und Kritzendorf unter die Lupe genommen.

Viele der ab den 1920er-Jahren entstandenen Strandhäuser in den Badekolonien an den Donaustränden von Klosterneuburg und Kritzendorf entsprechen jener Neuen Architektur, deren Grundelemente Le Corbusier in fünf Punkten zusammenfasste: Haus auf Pilotis, freier Grundriss, freie Fassade, lange Fenster, Dachgarten. Entlang der Donau war und ist das Aufständern auf Pfahlstützen zum Schutz vor dem Hochwasser unbedingt notwendig, und die Kleinheit der Hütten zwang zu kreativen Einraum-Lösungen. Zum geschützten Sonnenbaden – meterhohe Zäune und Thujenhecken um die privaten Parzellen gab es damals offenbar nicht – errichtete man Sonnendecks, die auf das Satteldach oder einen Zubau gestellt wurden. Bald ging man dazu über, die Häuser gleich mit flachen Dächern zu versehen, um ein ordentliches Plateau zum Zwecke der Körperbräunung zu erhalten.

Wie sehr also handfeste Pragmatik Hauptursache für die moderne Freizeitarchitektur war oder ob sie doch mehr der Haltung kunstsinniger Bauträger, Bauherrn und Auftraggeber aus dem gehobenen Bürgertum zu verdanken ist, sei dahingestellt. Unter den Bewohnern fanden sich Persönlichkeiten wie der Industrielle Wilhelm Blaschczik, die Kabarettistin Cilli Wang-Schlesinger oder die Künstlerin Maria Strauss-Likarz, deren „Weekendhaus“ an der Kritzendorfer Donaulände von Felix Augenfeld geplant wurde, der 1938 wie viele andere der jüdischen Auftraggeber und Planer, zur Emigration gezwungen war.

„Sowohl die Architektenschaft als auch der 1921 unter Marcel Halfon gegründete Bund der Hüttenbesitzer im Donaustrandbad Kritzendorf trachteten danach, den Selbst- und Eigenbau von Hütten einzudämmen und stattdessen fachkundige Personen heranzuziehen“, schreibt die Kunsthistorikerin Sabine Plakolm-Forsthuber. Es ist der Sozial- und Kulturhistorikerin Lisa Fischer zu verdanken, dass das, was diese Architekten an qualitätsvoller Badearchitektur zuwege brachten, nach Jahrzehnten der Missachtung einer adäquaten Aufarbeitung unterzogen wird. Fischer legte mit dem Buch „Die Riveria an der Donau“ und der Ausstellung im Wien Museum vor drei Jahren eine kurzweilig aufbereitete Untersuchung der Badekultur im Strombad Kritzendorf vor und widmete darin auch der Architektur Raum, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sich hier noch ein weites Betätigungsfeld für Bauhistoriker auftut.

Von Fischer angeregt, erforschen nun Caroline Jäger-Klein, Professorin für Architekturgeschichte an der Technischen Universität Wien, und ihre Kollegin Sabine Plakolm-Forsthuber, gemeinsam mit ihren Studierenden die Wochenendkolonien von Klosterneuburg und Kritzendorf. Sie liefern sowohl eine architekturhistorische Einordnung, recherchierten die Siedlungshistorien und zahlreiche Baugeschichten und sparen auch die NS-Zeit nicht aus, in der 76 Prozent der Häuser von der Arisierung betroffen waren.

Bereits 1878 wurde das private Englbad, ein Schwimmschiff, an einem der Klosterneuburger Donauarme errichtet, das 1913 von der Gemeinde übernommen wurde. Das Schwimmschiff wurde vergrößert und die Anlage um Kabinentrakte und ein Restaurant erweitert. Sieben Jahre später präsentiert der Otto-Wagner-Schüler Franz Polzer Pläne für eine großzügigere Anlage um einen „Volksfestplatz“, für die er die Vorbilder unter anderem an der Adria und dem Mittelmeer fand. Und 1923 erfolgte schließlich die nächste große Erweiterung, die das Strandbad um eine Wochenendkolonie für Städter, die sich einen mehr oder weniger bescheidenen Feriensitz am Stadtrand leisten konnten, bereicherte. Bald darauf ortete die ortsansässige Tischlerei Leopold Haas & Sohn ein neues Geschäftsfeld und begründete die „Haas-Kolonie“, die mit Badehüttenin großer Vielfalt und von durchwegs modernem Gepräge bebaut wurde.

Ebenso wie im benachbarten Kritzendorf war eine Reihe weiterer Holzbaubetriebe aktiv, die mit Wochenendhäusern in Fertigteilbauweise am Badehaus-Boom partizipierten. Darunter die Baugesellschaft Wenzl Hartl und – damals am aktivsten – die Klosterneuburger Wagenfabrik (Kawafag). Der Geschichte und Rolle dieser trotz ihrer Produktivität heute wenig bekannten Pionierfirma beleuchtete der Diplomand Thomas Prilc. Das ursprünglich Fuhrwerke und Holzscheibtruhen erzeugende Unternehmen verlegte seine Produktion ab 1923 auf Fertigteilhäuser und errichtete bis zur Zerschlagung des Unternehmens im Jahr 1938 über 2000 Ferienhäuser in ganz Österreich.

Das patentierte System der Kawafag bestand aus einer Kombination der Tafelbauweise in Holz mit einer Massivbauweise aus vorgefertigten Leichtbetonplatten. Das Unternehmen entwickelte mehrere Typen: Die S-Serie umfasste Sommerhäuser vom minimalen Einraumhaus bis zur Strandvilla mit 34 Quadratmeter Grundfläche und drei Zimmern. Die Luxusvariante im Programm war die zweigeschoßige Type A1, die mit Terrassen auf jeder Ebene und einem polygonalen Erker ausgestattet war. Zahlreiche der Kawafag-Entwürfe stammen von den damals recht angesehenen Architekten Fischel & Siller. Auch Karl Haybäck junior und Michel Engelhart entwickelten drei Haustypen und realisierten auf einem gepachteten Areal vier „Weekendhäuser in Holzfachwerk und eingespannten Heraklithplatten“.

Heute herrscht in den Strandbadkolonien Klosterneuburgs wieder ein reger Bauboom – zu einem guten Teil verursacht durch das Hochwasser im Jahr 2002. An die Eleganz und Modernität der Frühzeit können nur wenige der Neubauten und Adaptierungen anschließen. Zeitgenössische Bauten, die dem Charakter der Siedlung entsprechen und dennoch heutige Komfortansprüche erfüllen, sind etwa ein Zubau von Andreas Fellerer in der Badesiedlung Greifenstein (die noch der Erforschung harrt), die Villa Bruno von Unsquare Architects im Strandbad Klosterneuburg oder das Strandhaus MAX35 des Architektenteams DREER2 in der Haas-Siedlung. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2007)