Mein Sohn, der Trinker

AP (GEERT VANDEN WIJNGAERT)

Es war noch vor der Modeströmung: Als Jugendlicher hat mein Sohn das Komasaufen entdeckt. Heute, als Erwachse- ner, ist er Alkoholiker. Chronik einer Selbstvernichtung.

Mein Sohn ist erwachsen, und er ist dem Alkohol verfallen. Ich möchte nun auf einen Widerspruch in der medizinisch-gesetzlichen Auslegung hinweisen, der höchst verhängnisvolle Konsequenzen nach sich zieht. Tatsache ist, dass chronischer Alkoholismus als Krankheit definiert wird. – Oder sollte der freie Wille doch eine größere Rolle spielen, als in Medien und Fachliteratur propagiert wird, wo chronischer Alkoholismus unermüdlich als Krankheit definiert wird. Zweifellos: Könnte der Süchtige den freien Willen ins Spiel bringen, dann hätte er das Potenzial, die Sucht zu besiegen. Mit solchen entgegenkommenden Willensäußerungen werden Alkoholiker auch in diversen Institutionen gern aufgenommen. Ohne freien Willen geht gar nichts, wird einhergebetet. Worin besteht aber dann die Krankheit des Alkoholismus?

Also versuche ich es mit Differenzierungen, denn mit Generalisierung kommt man hier nicht weiter. Unterscheidungen in der Trinkmotivation und im Trinkverhalten, wie sie in verschiedenen Typenlehren dargestelltwerden, sind ratsam und nahe liegend, um sich einer möglichen Auflösung des Horrors aus Wesensveränderung und Familienbür-
de anzunähern: Da gibt es einmal die Niedergeschlagenen und die Ängstlichen, denen mit Psychotherapie und Medikation zur unentbehrlichen Selbstsicherheitund flexiblen Selbsteinschätzung verholfen wer- den kann. Dann gibt eszweitens solche, die Alkohol als Problemlöser einsetzen, weil sie Kommunikationsschwierigkeiten haben, sich sozusagen auszublenden versuchen und auf geschicktere, mutigere Selbstdarstellung und Kommunikation umgeschult werden können – da eröffnen sich sicher vielversprechende Ansätze im Sinne zunehmender Freude an selbstgewählter Abstinenz. Schließlich und drittens aber gibt es leider noch eine riesengroße Gruppe von Unbeugsamen, Misstrauischen und sehr Unbequemen, die etwa aus Mangel an sogenannter Frontalhirn-Kapazität, sprich: aus Selbstreflexions- und Selbstkritikunfähigkeit, sich bis zur Selbstvernichtung zuschütten und für die soziale Verbindlichkeit ein Fremdwort zu sein scheint. Welche Rolle spielt denn hier der freie Wille der direkt und indirekt Betroffenen, und wollen wir die unverfroren ekeligen Typen wirklich der Selbstvernichtung preisgeben, weil sie an unserem Ego und unseren Nerven zerren? Was hilft die Diagnosik, wenn in der Praxis auf den freien Willen eines chronischen Alkoholikers gesetzt wird, dessen Nervensystem vergiftet ist.

Ein einstiger Alkoholiker, jetzt trockenerAlkoholiker, hat einmal gesagt, ein Säufer ist alles – manisch, depressiv, panisch, paranoid, schizophren, zwanghaft, unbelehrbar, sich im Saufzustand als Master of the Universe fühlend. Da gelten keine herkömmlichen Maßstäbe und Zuschreibungen, denn auch unseren störrischen Sohn habe ich nüchtern ganz passabel und rücksichtsvoll erlebt und betrunken als erbärmliche Kreatur ohne jede Kompromissfähigkeit. Der betrunkene Zustand ist ein Ausnahmezustand, der Persönlichkeitsseiten verzerrt und entstellt, die giftige Substanz Alkohol übernimmt das Kommando über die Willensbildung, habe ich beobachtet.

Und obwohl mein Sohn sich wie ein total Frontalhirngeschädigter verhält – er war ein hyperaktives Kind und sehr gescheit – und keine Selbstverstümmelung oder sonstigen Horrorscheut, glaube ich nach wie vor, dass er zu sich kommen könnte, wie wir schon im Rahmen von Krankenhausaufenthalten erleben durften. Der erwähnte anonyme Alkoholiker hat gesagt, dass es nur zwei Prozent der Hilfesuchenden schaffen, vom Alkohol bleibend wegzukommen. Diese Erfolgsquote grenzt an Zufallswahrscheinlichkeit und ist im wahrsten Sinne des Wortes tödlich riskant.

Mein Sohn war ja immer geradlinig und berechenbar, ein bisschen Kamikaze, auffallend friedlich, ein wenig autistisch, und er hat sich von früh an oftmals übernommen und überanstrengt im Sport und für Freundschaften – bisschen Scheuklappen, ein bisschen danebenliegen, hat immer irgendwie recht im Detail und irgendwie unrecht im Ganzen. Leider hat er schon lang vor der jetzigen Modeströmung als Jugendlicher das Komasaufen entdeckt. Gleich hat es klick gemacht – er war ja in allem ein Gründlicher. Meine Warnungen hat er als Demütigung und Ansporn aufgefasst. Umgekehrt hält er es mir heute noch vor, dass ich seinen Brüdern das Saufen zugetraut hätte und ihm nicht. In Wahrheit haben wir alle eine schwere Alkoholallergie, reagieren mit roten Flecken, mit Atemnot und Denkblockaden, und jeder von uns zieht daraus mehr oder weniger Konsequenzen, nur mein ältester Sohn ignoriert das Familienfaktum.

Er hat ja auch diesen und jenen Schicksalsschlag erlitten, man könnte ganz leicht eine Begründung und Entschuldigung für die frühe Obsession konstruieren, auch das Elternhaus als Trivialbegründung für Versagen und Entgleisungen heranziehen. Aber worin liegt der Nutzen solcher Erklärungen, wenn in Wirklichkeit rasche Hilfe gefragt ist, weil keine herkömmliche Intervention die Alkoholspirale stoppen kann.

Ich selbst war überwiegend in Sozialberufen tätig, kenne viele von den sozialen Theorien und diverse Ansätze von Menschenbildern, bin klinische Psychologin, eine geübte Diagnostikerin, von meiner psychotherpeutischen Ausbildung her der Richtung zugeneigt, welche den „Herrn im eigenen Haus“ und das Vertrauen in die eigenen Ressourcen als Kernaussage nimmt, und schließlich bin ich selber das Kind einer schweren Alkoholikerin und könnte mich alles in allem noch fachlicher ausdrücken und einen Expertenstreit anzetteln. Für mich stehen die sogenannten Ressourcen, die im Dienste des Lebens stehen, ab einem gewissen Stadium im Dienste der Sucht.

Als „psychologischer“ Psychotherapeutin sind mir medizinisch die Hände gebunden, obwohl wir natürlich mehr über die Psyche des Menschen lernen als die Mediziner. Auchin den biologischen Grundlagen der psychologischen Phänomene (Wahrnehmungsphänomene, subjektives Erleben, Belohnungs- und Antriebstheorien) werden wir ausgebildet. Wir wären also, dies nebenbei erwähnt, ideale Diskurspartner für die Medizin. Daher kann ich nur an meine fachlich-verwandten medizinischen Kollegen mit dieser Darstellung einer entsetzlich ausweglosen Situation appellieren, die gesetzliche Lage bezüglich freier Willensentscheidung von Patienten im schweren Dauerrausch zu überdenken.

Dem Trinkverhalten meines Sohnes bin ich von jeher machtlos gegenübergestanden. An diese Obsession hat er sich geklammert, als ob es um seine Identität ginge. Jede seiner Partnerinnen ist an dieser alkoholischen Umklammerung gescheitert, seine Initiativen sind stecken geblieben. In seiner ausgeprägten Wahrheitsliebe sagt mein Sohn sogar, es sei ihm das Trinken das Liebste auf der Welt.

Er ist ja auch gebildet, hat ein Studium absolviert und ein Europa-College, viel gewagt, viel erlebt, oft genug im Straßengraben gelegen und wieder aufgestanden, ein ungewöhnliches Leben im Ausland. Nur: seit vier Jahren exzessives Trinken, seit zwei Jahren permanent, in unerträglichem Ausmaß. Grobe motorische Störungen und dem entsprechende Verletzungen. Er irrt herum und trinkt und holt sich blaue Augen, Kopfverletzungen, Schlüsselbein gebrochen, blaue Arme und Beine, Blutergüsse. Wir haben ihn aus allen Himmelsrichtungen geholt und in Sicherheit bringen wollen.

Mit Empfehlung eines erfahrenen Arztes ist es gelungen, einen längeren Entgiftungsaufenthalt zu ermöglichen. Was war das für eine Freude, zunehmend deutlicher die Person zu erkennen! Reale Pläne schmieden, was wir nicht behindern wollten, daher trotz Bedenken der Ärzte Entlassung befürwortet. Raus – exzessiv getrunken, zurück ins Spital. Raus – noch exzessiver getrunken. Zu Hause bei uns Eltern, was tun, mein Sohn jeden Tag im Wachkoma, betrunken mit offenen Augen, im Nirwana, klar sprechend, bewegungslos und in einer anderen Welt, ein echter Drogensäufer. Rettung verständigt, der verhängnisvolle Kreislauf muss ja irgendwie unterbrochen werden, denke ich mir, zumindest körperlich muss er entgiftet werden, damit die Spirale aufgehalten werden kann. Eine Stunde später: frei, und ich weiß nichts davon, mit etlichen Promille bei strömendem Regen in die Nacht hinaus. Weitere Einweisung in ein Krankenhaus – „will“ nicht bleiben, torkelt hinaus, torkelt den ganzen Tag herum, bis ich wieder erfahre, dass er auf eigenen Wunsch entlassen wurde. Er ist ja erwachsen, heißt es dann immer wieder.

Heute dasselbe, seit drei Wochen kommt er aus dem Alkoholkoma nicht heraus, er wurde aufgenommen, blau an Armen und Beinen, Bluterguss an den Rippen, Schürfwunden am Kopf. Eine Stunde später ist er draußen, auf eigenen Wunsch, und erfahre dies fünf Stunden später nur durch Zufall. Den ganzen Tag ist er herumgeirrt und hat getrunken, er torkelt und ist verzweifelt, und durch einen Glücksfall ist es mir wieder einmal gelungen, ihn für diese folgende Nacht zu Hause zu halten. Ich habe unsere „Speis“ mit Alkoholreserven aufgesperrt, damit er nicht hinauswanken muss in die Nacht, um seine unbezwingbare Gier zu stillen, und irgendwo liegen bleibt.

Kein Wort von dem, was ich sage, ist übertrieben, es ist sogar weit untertrieben, denn für den permanenten Schrecken gibt es gar keine Namen.

Die Gesetzeslage bestimmt, dass kein Mensch gegen seinen freien Willen angehalten werden darf. Gibt es vielleicht im Dauerrausch doch so etwas wie einen freien Willen, einen Herrn im eigenen Haus? Bin ich mit Blindheit geschlagen, oder handelt es sich schlicht um einen gefangenen Menschen, der vergebliche Fluchtversuche unternimmt und sich immer mehr verfängt.

Mein Wunsch wäre relativ bescheiden – und erfüllbar. Bevor mein Sohn wieder in den Alkoholsog gerät, sollte es die Chance geben, die Spirale durch einen kurzen Krankenhausaufenthalt zu unterbrechen, das nüchterne Denken wieder zu ermöglichen. Im Gegenteil, gerade haben wir zwei Rechnungen (jeweils € 400) über Rettungseinsätze erhalten, weil mein Sohn nach seiner Einlieferung geäußert hat, dass er nicht im Spital bleiben will – also hinaus in die Nacht.

Wie gut war er kürzlich mehrere Wochen beisammen! Ich plädiere nicht einmal für Zwangseinweisung, nein, sondern nur für die Chance, in drei Tagen wieder einen klaren Kopf zu erlangen – und damit die Minichance zu eröffnen, so etwas wie einenWunsch nach dauernder Nüchternheit und Freiheit von alkoholischen Zwängen zu entwickeln.

Ja, warum macht er denn nicht schon längst eine Entwöhnungskur, ist ein häufiger und gut gemeinter Einwurf? Antwort: weil er dort nüchtern und mit freier Willensäußerung erscheinen muss. Dieser Bestimmung brauche ich nichts hinzufügen.

Ich war mein ganzes Leben sehr nah dem Alkoholismus ausgesetzt. Als Kind war ich zur Ohnmacht verdammt, als Ehefrau hätte ich mich scheiden lassen, wäre mein Mann, der Vater meines Sohnes, nicht verunglückt. Alleingelassen war ich immer mit dieser Situation, die mich ausweglos dem Horror und Ekel ausgesetzt hat. Als Mutter eines erwachsenen Sohnes und als Psychotherapeutin fühle ich mich verpflichtet, mit meinem Wissen und mit unserer realen Not an die Öffentlichkeit zu gehen und zu fragen, ob dieses Gesetz, das in der Medizin zur Anwendung kommt, das sich auf den freien Willen beruft, auf einen Daueralkoholisierten, an Leib und Seele Vergifteten, anzuwenden ist. Oder ob es nicht zumindest ab einer gewissen Promillehöhe und massiv erkennbaren Störungen die Möglichkeit geben sollte, einen Kurzaufenthalt zu verordnen, aus dem er sich leicht befreien kann, wenn er seinen nüchternen Verstand zurückgewonnen hat.

Welcher Arzt würde einen nüchternen, nahezu besinnungslosen Menschen mit groben Koordinationsstörungen der Straße überlassen? Der Alkoholiker aber bleibt der Substanz ausgeliefert, die das Kommando über die sogenannte Willensbildung übernommen hat. Soll man also unter dem Titel des freien Willens die Alkoholiker, die keine Lobby haben, auf der Straße liegen lassen, verrecken lassen? Es sollten die Familien zu Wort kommen dürfen, denen ein „Suchtkranker“ aufgebürdet ist. Nicht nur, dass sie ihn gern los würden oder sich grenzenlos ausbeuten lassen. Sie solltenHilfe erhalten, dass derobsessive Familienangehörige zu sich kommt. Das Schlagwort von der Co-Abhängigkeit ist ein wenig geringschätzig in den Allgemeingebrauch übergegangen. Was michbetrifft, ich habe eine vielfältige Familie und ein vielfältiges Leben, ich reiße mich wirklich nicht um die Rolle einer Co-Abhängigen. Diese Rolle ist mir durch das alkoholisierte Verhalten meines Sohnes aufgezwungen, weil die Süchtigkeit sein Leben als Talon einsetzt und ich ständig in Handlungszwänge der Ersten-Hilfe-Leistung gelange.

Aber ich glaube meinem Sohn, wenn er sagt, er will leben. Und nur weil er noch nie jemanden bedroht und eingeschüchtert hat und keine Selbstmordversuche unternimmt, bleibt er der Selbstdestruktion überlassen, denn er hofft noch immer, dass er seine Lebensführung und Lebenspläne mit Alkoholkonsum in Einklang bringen kann.

Wie gesagt, ich könnte natürlich viel ausführlicher, viel argumentativer, viel fachlicher schreiben. Ich stelle mit dieser Darstellung – auf den Punkt gebracht – das ursprünglich humane Gesetz, das dem Abschieben unliebsamer Verwandten zuvorkommen sollte, in seiner kompromisslosen Handhabung zur Debatte.

Dem sogenannten Komasaufen wird dieser Tage der Kampf angesagt, bravo!, endlich wird die Alkoholgefahr öffentlich durchdacht. Doch sollte der umwölkte freie Wille eines Erwachsenen für den Einsatz einer Behandlung wirklich entscheidend sein?

Bei dieser Gelegenheit danke ich allen Ärzten und Mitmenschen, die sich von professionellen und menschlichen Motiven haben leiten lassen, meinem Sohn in Extremsituationen und dauernd beigestanden sind. Das ist das Schöne im Unglück, dass dann ganz unerwartet Menschen auftauchen, die beherzt handeln und sich von Mitmenschlichkeit leiten lassen.

„Da kann man gar nichts machen“ (Zitat von weltberühmten Alkoholexperten). „Frei ist auch ein streunender Hund“ (Erich Fromm). So komme ich zur Frage zurück: Sollen wir die chronischen Alkoholiker, wenn die Sucht das Kommando übernommen hat, wirklich frei herumirren lassen wie die streunenden Hunde? ■


Die Autorin lebt als Psychotherapeutin in Wien. Der Name ist ein Pseudonym.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2007)