„Der Affe von Karl Kraus“

Die aphoristisch zugeschärften Traktate und höhnischen Glossen des Wieners Herbert Müller-Guttenbrunn sind sprachkünstlerische Werke ersten Ranges. Nun liegt ein „Best-of“-Band vor: „Alphabet des anarchistischen Amateurs“ – ein ketzerisches Brevier.

Kürzlich durften die Deutschen darüber befinden, welches vom Aussterben bedrohte Wort sie am innigsten liebten, und am Ende hatte sich das Volk der Hartz-IV-Empfänger – auch ein preisverdächtiges Wort – für das possierliche „Kleinod“ entschieden. Das Lieblingswort von Herbert Müller-Guttenbrunn, einem sprachmächtigen Schriftsteller, der erst gar nicht vergessen zu werden brauchte, weil er schon zu Lebzeiten nahezu unbekannt geblieben war, wird es hingegen bei keiner Kür der schönen Wörter weit bringen. Weil ihm in der Weltgeschichte fast nichts davon übrig geblieben schien, war sein liebstes Wort: „das Unversaute“.

Er gebrauchte es häufig, gerade weil es so wenig gab, für das er es gelten ließ. Wann hatte es damit angefangen, dass das Unversaute immer seltener wurde? Ach, schon sehr früh. Vermutlich als man sein täglich Brot zum ersten Mal kaufen musste: „Brot ist das am meisten verfälschte, vergiftete und entwertete menschliche Nahrungsmittel, dessen Verkäuflichwerden der Anfang allen Jammers war; denn dadurch ging die Unentbehrlichkeit des Brotes auf das Geld über und die Falschheit des Geldes auf das Brot.“ Ein weiterer großer Schritt zur versauten Gesellschaft war die Einführung von umzäunten und bewirtschafteten Badeanstalten, der folgenreiche Versuch, „auch Wasser, Luft und Sonne zu verkaufen. Vorarbeiten: Absperren der Auen, Verbot des Badens in den Flüssen, Erklärung des Alleinbadens für unanständig.“ Die Organisierung der Freizeit nach dem Muster der organisierten Arbeit führt am Ende zur „Gemütlichkeit der Ausbeutung: Massenfreibäder und Arbeitslosenunterstützung“.


Schlacht um die Penthäuser

Weil aus jedem Ding eine Ware geworden ist, hilft auch der technische Fortschritt nicht weiter. Schon in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts, als der Fernsehapparat gerade erst entwickelt wurde, wusste Müller-Guttenbrunn, was uns 80 Jahre später täglich vor Augen geführt wird: „Was haben wir vom Fernsehen, wenn es uns mit dem Anblick von Arschgesichtern aus Amerika versorgt, wo unser Bedarf an solchen doch vom Inland reichlich gedeckt wird?“ Wer seine Zeit so genau anschaut wie Müller-Guttenbrunn, dem schaut aus ihr mitunter die Fratze der Zukunft entgegen. Noch kämpfte die sozialistische Partei im Roten Wien für den kommunalen Wohnbau, schon sah Müller-Guttenbrunn die Genossen in die Schlacht um die Penthäuser ziehen: „Ich halte die sozialistische Partei für gänzlich kapitalistisch durchseucht; ihre Führer, teils von Ehrgeiz, teils von niedriger Gewinnsucht geleitet, irreführen mit Phrasen die dürstende Menge, und die Menge selbst – was sie will, ist kein Sozialismus, das ist umgestülpter Kapitalismus.“

Wer war dieser Mann, dem der Zorn die schönsten Formulierungen eingab und der die Empörung brauchte, um überhaupt schreiben zu können? 1887 in Wien geboren, war er der Sohn des Schriftstellers und Theaterdirektors Adam Müller-Guttenbrunn, eines Mannes, der mit großdeutschen Romanen berühmt und reich geworden (und dabei ein Antisemit geblieben) war, die von der Berufung der Deutschen erzählten, den europäischen Osten mit dem Schwert zu kolonisieren und mit Schiller zu humanisieren. Herbert Müller-Guttenbrunns Bruder Roderich geriet nach dem Vorbild dieses Vaters, war als Autor in der Naziära äußerst erfolgreich und ließ, als der aus der Art geschlagene Herbert eine anarchistische Zeitschrift gründete, in der Grazer „Tagespost“ vorsorglich annoncieren: „Nicht ich, sondern mein Bruder Herbert ist der Herausgeber der Zeitschrift ,Das Nebelhorn‘.“

„Das Nebelhorn“ war Müller-Guttenbrunns Lebenswerk: eine Zeitschrift, die vom grafischen Erscheinungsbild bis zum literarischen Stil dem Vorbild der „Fackel“ nachempfunden, deren erstes Heft 1927 mit einer großen Widmung an Karl Kraus versehen war. Wie Kraus die „Fackel“ bestritt Müller-Guttenbrunn das „Nebelhorn“ fast im Alleingang, wobei die bevorzugten Objekte seiner mit sprachlichem Furor vorgetragenen Kritik auch die von Kraus waren: die Journaille, die Kriegstreiber und Kriegsgewinnler, die Justiz, die amtlichen und selbst ernannten Anwälte der „Sittlichkeit“. So stark war „Das Nebelhorn“ an der „Fackel“ orientiert, dass beider Feinde Müller-Guttenbrunn als „Affe von Karl Kraus“ schmähten; Kraus selber hat seinen Bewunderer mit keinem Wort erwähnt, was bekanntlich die höchste Respektsbezeugung war, die Kraus in der „Fackel“ abzugeben beliebte.

Respektiert und gelesen zu werden, verdiente Müller-Guttenbrunn jedenfalls, denn seine wuchtigen Polemiken und beißenden Satiren, seine aphoristisch zugeschärften Traktakte und höhnischen Glossen sind zweifellos sprachkünstlerische Werke ersten Ranges, und die Konsequenz, mit der dieser Autor, Zivilisationskritiker, Anarchist und biologische Bauer unbeirrt seinen Weg ins Abseits ging, ist bewundernswert. Seine große Lebenserfahrung war der Krieg, in den der junge Jurist 1914 ziehen und den er vier Jahre lang an der russischen Front mitmachen musste. Heimgekehrt stand Müller-Guttenbrunn zunächst der sozialistischen Partei nahe, doch bald erschuf er sich seine eigene Spielart des Anarchismus. Seine Kritik galt dem Kapitalismus und dem „Kasernensozialismus“ gleichermaßen, vor allem aber der industriellen, warenproduzierenden Gesellschaft. Sein gesellschaftliches Ideal war die anarchistische Landkommune, die Selbstversorgung kleiner Gemeinden. „Es ist längst nachgewiesen, dass der Mensch nur 56 Arbeitstage im Jahr benötigt, um mit Hilfe eines Stückchen mittelgroßen Grundes seine Nahrung fürs ganze Jahr zu erzeugen.“ In den 309 Tagen, die ihm bleiben, möge jeder arbeiten, sofern er und was er wolle, aber jedenfalls als freier Mensch, „der gehen kann, wenn ihm etwas nicht passt“.

Als agrarischer Selbstversorger hat Müller-Guttenbrunn selber in der Steiermark, später in Niederösterreich gelebt; und in der vielen freien Zeit, die ihm blieb, „Das Nebelhorn“ herausgegeben. Die Zeitschrift hatte nie mehr als 300 Abonnenten, wobei ihr Herausgeber von rund 2000 Lesern ausging. Sie gilt heute als Rarissimum der Antiquariate, und aus den 149 Heften der Zeitschrift sowie etlichen anderen Schriften, die Müller-Guttenbrunn teils in maschinenschriftlicher, von ihm selber vervielfältigter und gehefteter Form veröffentlichte, hat die Germanistin Beatrix Müller-Kampel ein ketzerisches Brevier zusammengestellt. Das Buch sammelt Geistesblitze, die seinerzeit gewiss nicht ins Leere trafen, immerhin wurde Müller-Guttenbrunn einmal wegen Verhöhnung der kirchlichen Lehren zu einer Geldbuße und im christlichen Ständestaat wegen Verhöhnung des Staates zu mehrmonatiger Haft verurteilt. Damals stellte er das Erscheinen des „Nebelhornes“ wegen „Einmischung der Justiz“ ein, setzte das Projekt aber unter anderen Namen wie „Panopticum der Maschinenzeit“ oder „Mystik der Sprache“ fort.

Das Verfahren, für das sich Müller-Kampel als Editorin entschieden hat, mutet auf den ersten Blick fragwürdig an, sucht sie aus dem verstreuten Werk doch die besten Stellen heraus, um sie von „Abbau“ bis „Zusammenhänge“ zu einem eigenen „Alphabet des anarchistischen Amateurs“ zu ordnen. Die Befürchtung, hier würden die Rosinen ohne den Kuchen dargeboten, ist aber unberechtigt und das Verfahren auch dadurch gedeckt, dass Müller-Guttenbrunn 1932 im „Nebelhorn“ selber Ähnliches begann, nämlich eine alphabetische Serie „Zur Richtigstellung der Begriffe“, in der er den sprachpolitischen Aufmarsch der Macht attackierte.


Die „körperliche Sympathie“

„Das Nebelhorn“ ist eine so interessante Zeitschrift, Herbert Müller-Guttenbrunn ein so glänzender Stilist und so origineller Geist, dass man sich nur wundern kann, wie lange diese Literatur und ihr Schöpfer unbeachtet blieben. Einzig Eckart Früh hat vor über 20 Jahren auf den Autor und seine Zeitschrift hingewiesen. Müller-Kampels Alphabet lädt dazu ein, in Müller-Guttenbrunn, der soziale Utopien verfocht und als Außenseiter von der solidarischen Weltgemeinschaft sprach, als luziden Denker und Meister böser Sprachspiele zu entdecken. Manches ist dem Mann in seinem Dauerzorn auch geradezu charmant geraten, etwa wenn er meinte, Grundlage einer glücklichen Ehe sei „die körperliche Sympathie“. Anderes ist sarkastisch wie die Bemerkung über die kirchlichen Verfechter des Familienglücks: „Es gibt wenig so Komisches wie Zölibatäre, die ihren Mitmenschen empfehlen, Familien zu gründen und Kinder zu bekommen.“ Und vieles ist in der überraschenden Sicht auf vermeintlich Vertrautes amüsant und belehrend zugleich: „Im Gespräch mit einem Schwerhörigen merkt man mit Erstaunen, wie viel man spricht, was nicht wert ist, wiederholt zu werden.“

Am besten ist Müller-Guttenbrunn dort, wo er sich von seinem Vorbild Karl Kraus, „dem Öffner der Augen“, am weitesten entfernt, am schwächsten dann, wenn er dessen Obsessionen zu seinen eigenen macht, etwa in der Frage der Emanzipation oder der Psychoanalyse. Dann gerät er sprachlich in eine Art Kräuseln, deren rhetorischer Aufwand pointenreiche Satzperioden, aber wenig Gedanken gebiert, die sich zu lesen lohnen.

Müller-Guttenbrunn, der sich auf das Land zurückgezogen hatte und seine Familie von dem ernährte, was er selber anbaute, war alles andere als ein Romantiker des stillen Glücks im Winkel, der fröhlichen Armut. Über den Bauernstand, den zur selben Zeit die Ideologen des Ständestaates zum Gegenbild der aufsässigen Arbeiterschaft stilisierten, machte er sich keine Illusionen. Der Bauer war früher „der Schöpfer des Notwendigen, des Notwendenden“ gewesen, aber da auch er sich dem ökonomischen Zwang der Warenproduktion ergeben hatte, war er zu einem kleinen oder großen „Industriellen des Bodens geworden, der mit Hilfe der Erde Waren für den Markt erzeugt. Zur Strafe dafür ist er ebenso wie alle andern abhängig von Zöllen und Krisen. Er schindet sein Vieh so, wie ihn der Staat schindet.“

Als die Nationalsozialisten eben darangingen, der militärisch-industriellen Aufrüstung die Mythen von Blut und Boden einzuspeisen, hat Müller-Guttenbrunn vehement dagegen argumentiert, ihnen „die Erde“, „die Heimat“, „das Land“ als ideologisch kontaminiertes Gelände zu überlassen. „Wir können keine Heimat schützen, weil wir keine haben, aber wir wollen uns eine erobern. Unsere Kinder sollen einmal ein Vaterland haben, weil ihr Vater Land hatte. Wir haben keines. Wir haben kein Ährenfeld, haben also auf einem Feld der Ehre nichts verloren. Wir haben ein Recht auf Leben und daher ein Recht auf Essen und daher ein Recht auf Erde.“

In den Jahren nach dem „Anschluss“ publiziert Müller-Guttenbrunn nichts mehr. Vor Verfolgung hat ihn vielleicht der jetzt sehr renommierte Bruder Roderich geschützt, der als illegaler Nationalsozialist so großen Wert darauf gelegt hatte, nicht mit seinem anarchistischen Bruder verwechselt zu werden. Am 10. April 1945 wird Herbert Müller-Guttenbrunn vor seinem Haus in Klosterneuburg von einem russischen Soldaten erschossen, vermutlich als Opfer einer Verwechslung, vielleicht auch, wie Müller-Kampel lakonisch anmerkt, im „Streit um eine Lederhose“. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2007)