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Gegen Gott mobil machen

Es ist nicht irgendwer, der sich da an einen Anti-Gottes-Beweis wagt: Richard Dawkins ist einer der brillantesten Köpfe der modernen Evolutionstheorie. Die Argumentation in „Der Gotteswahn“ ist unterhaltsam zu lesen, schlüssig ist sie nicht.

Den Kern des neuen Buchs von Richard Dawkins bildet eine Art Anti-Gottes-Beweis. Die Theisten behaupten, sagt Dawkins, dass die Wahrscheinlichkeit von etwas so Komplexem wie unserer Welt gleich null ist, es sei denn, wir akzeptieren, dass es einen Schöpfer dieser Ordnung gibt. Aber, sagt Dawkins, wenn wir für einen Moment lang annehmen wollen, dass es einen derartigen Schöpfer gibt, dann kann die Wahrscheinlichkeit seiner Existenz nicht größer sein als die Wahrscheinlichkeit seiner Schöpfung.

Denn, so Dawkins, der Schöpfer – Gott – muss mindestens so komplex sein wie das Komplexe, das er erzeugt. Dadurch überträgt sich die Unwahrscheinlichkeit der Existenz unserer Welt auf Gott. Ist ihre Wahrscheinlichkeit gleich null, dann ist es praktisch gewiss, dass Gott nicht existiert.

Stimmt das? Zunächst: Die These, dass der Schöpfer mindestens so komplex sein müsse wie das von ihm Geschaffene (und daher seine Existenz mindestens ebenso unwahrscheinlich), ist vor allem eines: unklar. Frage: Ist der Uhrmacher mindestens so komplex wie die Uhr, die er konstruiert? Gegenfrage: Was heißt denn hier „mindestens so komplex“? Und inwiefern ist das überhaupt relevant?

Nur ein Narr würde folgendermaßen argumentieren: „Von der Existenz meiner Armbanduhr darauf zu schließen, dass es einen Uhrmacher gibt, erklärt nichts, weil dessen Existenz mindestens ebenso unwahrscheinlich sein müsste wie die Existenz von etwas derart Komplexem wie meiner Armbanduhr.“ Dass Dawkins, sobald es um die Existenz der Welt geht, akkurat diesen Punkt nicht sieht, ist eine verräterische Form der Problemblindheit.

Angenommen, die Existenz der Welt lässt sich wissenschaftlich erklären. Dann brauchen wir keinen Gott. Doch angenommen, ihre Existenz lässt sich ohne Gott ebenso wenig erklären wie die Existenz der Uhr ohne Uhrmacher: Dann folgt daraus, dass, falls Gott existiert, er zwei Bedingungen erfüllen muss. Erstens, er ist wie der Uhrmacher „hinreichend komplex“ (was immer das heißt), und zweitens, die Frage seiner Wahrscheinlichkeit spielt keine Rolle. Denn Gott ist – im Gegensatz zum Uhrmacher – ein Erklärungsgrund zweifellos nur unter der Voraussetzung, dass er „notwendig“ existiert (was immer das heißt).

Wohlgemerkt: Es geht hier nicht darum, für Gott als Erklärung der Welt zu votieren. Gezeigt soll bloß werden, dass Dawkins' allzu simpler Anti-Gottes-Beweis darauf hindeutet, dass umgekehrt alle Versuche, die komplexe Ordnung der Welt mit rein wissenschaftlichen Mitteln – ohne „Gotteshypothese“ – zu erklären, in arger Bedrängnis stecken. Tatsächlich widmet Dawkins mehrere Abschnitte seines Buches dieser Bedrängnis.

Sie gründet darin, dass es keinerlei physikalischen Anhaltspunkt dafür gibt, wie aus „toter“ Natur jemals Leben entstehen könnte. Da die Existenz der DNA die Voraussetzung für Darwins Theorie bildet, kann diese Theorie (Zufallsvariation im Erbgut plus natürliche Auslese) logischerweise nicht herangezogen werden, um die Existenz der DNA zu erklären.

Dasselbe Problem stellt sich, in analoger Form, an verschiedenen Punkten der Weltordnung: Wie soll man sich die Entstehung eukaryotischer Zellen (Zellen mit Kernmembran) vorstellen? Wie ist es möglich, dass aus der Materie Bewusstsein entsteht? Die „Erklärung“ von Dawkins lautet folgendermaßen: Gehen wir davon aus, es sei sehr, sehr unwahrscheinlich, dass Dinge wie DNA-Stränge, Eukaryoten oder Bewusstseine entstehen. Nehmen wir an, die Wahrscheinlichkeit sei „eins zu einer Milliarde“. Dann haben wir zu berücksichtigen, dass es im Universum bei schätzungsweise 100 Milliarden Galaxien zumindest eine Milliarde Milliarden Planeten gibt, sodass – bei einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Milliarde – noch immer eine Milliarde Planeten existieren müsste, auf denen sich Leben entwickelt hat; und, wie wir wissen, einer davon ist unsere Erde.

Selbst der allergutmütigste Leser beginnt jetzt, den Kopf zu schütteln. Denn die Wahrscheinlichkeit, mit der Dawkins hantiert, wurde ja nicht begründet eingeführt – so wie man sagen kann, die Wahrscheinlichkeit, dass beim Roulett die Kugel auf Rot fällt, sei 0,486? Sie wurde stattdessen vollkommen beliebig festgesetzt. Sie könnte ebenso gut eins zu einer Trilliarde Trilliarden sein, sodass der Rückgriff auf ein von Gott gewirktes Wunder schließlich unausweichlich wäre, falls man überhaupt nach einer Erklärung suchen wollte.

Das muss man aber nicht, man könnte auch sagen: Ach, unser endlicher Verstand stößt hier an seine Grenze! Zum Beispiel ist schon die Frage, wodurch der Urknall „verursacht“ wurde, physikalisch unsinnig. Denn der Begriff „Ursache“ lässt sich sinnvoll nur auf Ereignisse innerhalb der Welt, also nach dem Urknall, anwenden. Das alles beweist im Umkehrschluss nicht die Existenz Gottes, es lässt nur den Atheisten, im Gegensatz zum Agnostiker, ziemlich dumm dastehen.

Ja, „ziemlich dumm“ ist das richtige Wort, um den zentralen Angriffsteil von Richard Dawkins' neuem Buch zu charakterisieren. Das richtige Wort vor allem deshalb, weil Dawkins nicht irgendein Dummkopf ist, sondern einer der brillantesten Köpfe in der Vermittlung der modernen Evolutionstheorie, Inhaber des Oxforder Lehrstuhls für „Public Understanding of Science“, Autor von Klassikern wie „Das egoistische Gen“ oder „Der blinde Uhrmacher“.

Zugleich ist Dawkins ein kämpferischer Atheist. Wenn man kein Brett vorm Kopf hat, dann muss man sagen, dass die Offenbarungsreligionen, insbesondere das dogmatische Christentum und der fanatische Islam, Dawkins abstoßende Gründe genug geliefert haben – und liefern –, um gegen Gott mobil zu machen. Dem stimmen viele aufgeklärte Menschen zu. Wenig überraschend also, dass „The God Delusion“ – so der Originaltitel – 2006 zu einem Bestseller wurde. Außerdem schwamm das Buch auf einer Welle, die sich seither verstärkt hat. Kirchenleute ereifern sich über Darwin, Biologen streiten über Gott. Das Wort „Atheismus“ ist wieder chic, die fundamentalistischen Christen boomen. Der amerikanische Präsident wird wiedergeboren und glaubt an Armageddon. Islamische Glaubensritter schnallen die Selbstmordgürtel enger, während die Esoteriker aller Länder Harry Potter verehren, den Joseph Kardinal Ratzinger, nunmehr Papst, für die Zersetzung des „Christentums in der Seele“ schilt.

Dawkins' Buch ist Teil einer weltweiten Atmosphäre, die Franz Schuh 2001, anlässlich seiner Besprechung meines Buches „Der Weg nach draußen“, prophetisch umschrieb: „Nach der Immanenzverblendung wird der Transzendenzwahnsinn kommen.“ Schuh irrte bloß dahingehend, dass wir nun offenbar beides zugleich haben, Verblendung und Wahnsinn.

„Der Gotteswahn“ heißt Dawkins' Buch im Deutschen, ein Titel, der nicht weniger platt ist als die im Buch abgedruckte Liste freidenkerischer Vereine geschmacklos. Denn damit wird suggeriert, dass der religiöse Mensch Hilfe braucht wie die misshandelte Frau, das Sektenopfer oder der Konsument harter Drogen. Und das ist,
neben der relativen dummen Seite des Buches von Dawkins, die relativ unsympathische: dass nämlich der Autor in religiösen Haltungen immer nur etwas Wahnhaftes erblicken kann.

Wieso sich der Gotteswahn in den aufgeklärten Gesellschaften nicht längst in einige dunkle Winkel psychiatrischer Anstalten zurückgezogen hat, bedarf natürlich der Erklärung. Sie liegt nach Dawkins, wie könnte es anders sein, zunächst in den Genen. Wir betreten das Gebiet der Neurotheologie, die zusammen mit der Soziobiologie zwei Dinge zu zeigen versucht: Erstens, der Gottesglaube hat eine überlebensdienliche Funktion, indem er noch in fast aussichtslosen Situationen Trost und damit Kraft spendet. Aber zweitens – und viel wichtiger! –, er ist ein unvermeidlicher „Unfall der Evolution“. Diese stattet unser Gehirn mit der Fähigkeit aus, Erfahrungssituationen von Anfang an sozial zu deuten (Mama, Papa), verführt dadurch aber auch zu Fehlleistungen. Ordnung in der Welt wird spontan immer als Ausdruck eines dahinterstehenden Willens und einer damit verbundenen Absicht entschlüsselt. So entsteht der Glaube an einen Schöpfer.

Das Unsympathische an diesem Teil des Buches ist nicht die genetische Erklärung des religiösen Phänomens an sich. Was der Fall ist, ist der Fall. Unsympathisch wirkt der durchlaufende Subtext: Was erklärt werden soll, ist der Gottesglaube als zwanghafte Fehlleistung des menschlichen Gehirns. Dawkins glaubt sich zu seiner Strategie berechtigt, weil er meint, die radikale Unvernünftigkeit des Theismus bewiesen zu haben. Aber selbst wenn Dawkins dieses Ziel erreicht hätte (was nicht der Fall ist), würde aus dem Umstand, dass die Menschen aufgrund ihrer genetischen Ausstattung an Gott glauben, noch keineswegs folgen, dass es sich dabei um einen „Wahn“ handelt. Es würde bloß folgen, dass die Menschen nicht recht haben.

Da jedoch Dawkins' Anti-Gottes-Beweis für Dawkins' intellektuelle Verhältnisse ziemlich dumm und jedenfalls unschlüssig ist, folgt aus der genetischen Erklärung mit Bezug auf den Schöpferglauben gar nichts. Die Frage der Entstehung dieses Glaubens ist etwas grundsätzlich anderes als die Frage seiner Wahrheit. (Rechenkünstler beispielsweise sind oft Autisten, also Personen, die an einem angeborenen Gehirndefekt leiden, das ändert nichts an der Richtigkeit ihrer Rechenergebnisse.)

Dennoch: Dawkins' Buch ist unterhaltsam zu lesen. Denn Dawkins ist ein zwar aggressiver, aber zugleich humorvoller Autor mit einem feinen Gespür für religiöse Absurditäten. So erfahren wir von ihm, dass die renommierte christliche Templeton Foundation einen Versuch an Herzpatienten nach allen Regeln der empirischen Kunst durchführen ließ, und zwar um herauszufinden, ob Gebete die Gesundung fördern (American Heart Journal, April 2006). Die Eckdaten: sechs Kliniken, Gebets- trupps in den Kirchen von drei Gemeinden in Minnesota, Massachusetts und Missouri, 14 Tage „intercessory prayer“, 1802 Patienten, 2,4 Millionen Dollar Kosten. Ergebnis: Solange man nicht weiß, dass für einen gebetet wird, ist es egal, ob für einen gebetet wird. Sobald man allerdings weiß, dass für einen gebetet wird, geht es einem durchschnittlich schlechter als jenen, die nicht wissen, dass für sie gebetet wird. In der Passage „Das große Gebetsexperiment“ atmen wir die freie Luft eines freien Geistes, in
dessen Gelächter über die menschliche Dummheit wir gerne einstimmen. Darüber hinaus würde man Dawkins ein bisschen mehr an gelassenem Witz und menschenfreundlichem Augenzwinkern wünschen, ein bisschen weniger von dem, was er bei sich selber Leidenschaft und bei anderen Fanatismus nennt.

Kurz, der Gott, der Richard Dawkins schuf, hätte an einigen Schräubchen seines brillanten Oxforder Widersachers noch ein wenig drehen können. Doch wie das Sprichwort sagt: Nobody is perfect. Trotzdem würden wir Gott ebenso vermissen wie Dawkins, denn beide vertiefen, recht verstanden, unser Gespür und unsere Bewunderung für das Rätsel, das die Welt ist. In
diesem Sinne empfehle ich das neue Buch von Dawkins wärmstens: Man lernt von ihm auch dort, wo es darum geht, nicht alles zu glauben, was uns der Meisteratheist mit dem kanzelrednerischen Elan einzubläuen versucht. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2007)