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Engel mit Krallen

Heute ist die Kirche am Stein- hof untrennbar mit dem Namen ihres Schöpfers ver- bunden. In der Bauurkunde freilich fehlt sein Name. 100 Jahre „Otto-Wagner-Kirche“: von Beamtenrache und Künstlerehre.

Da staunten die Restauratoren und Kustos Paul Keiblinger nicht wenig, als sie den Schlussstein der Steinhofkirche öffneten und die 100 Jahre alte Bauurkunde lasen: Der Name des Architekten, Otto Wagner, war nicht genannt. Auch seine Unterschrift fehlte. Unterschrieben hatten lediglich der Niederösterreichische Landtag und Thronfolger Franz Ferdinand. Aber ihm, der den „Maria-Theresia-Stil“ mehr schätzte als das moderne Zeug, ging Otto Wagners Name gewiss nicht ab.

Am 8. Oktober 1907 eröffnete Franz Ferdinand in Vertretung des Kaisers die damalige „Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt Am Steinhof“ (Wien und Niederösterreich gehörten noch zusammen), das heutige Psychiatrische Zentrum Baumgartner Höhe und seine Kirche. Vor fast genau einem Jahr, am 1. Oktober 2006, waren die Arbeiten an der Kirche nach langjähriger Restaurierung beendet. In einer feierlichen Zeremonie wurde die Restaurierungsurkunde unter den Schlussstein gelegt. Und diesmal steht – eine späte Wiedergutmachung – Otto Wagners Name sehr wohl darin.

Die auffallendste Veränderung betrifft die Kuppel, deren ehemals vergoldetes Kupferdach bereits zwölf Jahre nach der Fertigstellung das Gold verlor, welches einer grünen Patina wich. Nun erhielt sie ihr ursprüngliches Aussehen zurück: Aus zwei Kilogramm Gold haben die Vergolder 140.000 hauchdünne Plättchen gewonnen, die sie in die Kupferkassetten einfügten. Nach moderneren Methoden als vor 100 Jahren vergoldet, versprechen sie jetzt mindestens 35 Jahre Haltbarkeit. Aufmerksame Wienerwald-Wanderer werden das goldene Leuchten der hohen Kuppel aus dem Grün des Gallitzinbergs bemerkt haben. Otto Wagner hat sich hier selbst verwirklicht. Aber wie konnte es zur Brüskierung des Architekten kommen?

1902 reiste Kaiser Franz Joseph noch selbst zur Inbetriebnahme der damals „modernsten und größten Irrenanstalt Europas“: der „Kaiser Franz Josefs-Jubiläums-Landes-Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling“ (heute Psychiatrisches Krankenhaus Mauer-Amstetten). Der Oberbaurat im niederösterreichischen Landesbauamt Carlo von Boog hatte hier als Erster nach eingehenden Studien im Ausland all die umstürzlerischen neuen Ideen im Umgang mit den „Irren“ in Architektur umgesetzt: Pavillonsystem, Trennung von Heil- und Pflegeanstalt, Möglichkeiten für Arbeitstherapie und Sport und vieles mehr. Es war also naheliegend, als durch das rasante Anwachsen der Bevölkerung eine neue, noch größere „Irrenanstalt“ notwendig wurde, den erfolgreichen Carlo von Boog mit der Ausführung zu betrauen. Im Juli 1902 beschloss der Niederösterreichische Landtag den Bau, und Boog stürzte sich mit Begeisterung in die neue Arbeit. Vorerst war keine Rede von Otto Wagner, der gerade zu jener Zeit in Wien mit seinen Vorschlägen zur Karlsplatz-Verbauung und zum Stadtmuseum sehr angefeindet wurde.

Ganz Steinhof wäre ohne den dynamischen und allem Neuen aufgeschlossenen Landesausschussreferenten Leopold Steiner nicht denkbar gewesen. Steiner kaufte innerhalb nur einer Woche von 110 verschiedenen Besitzern der sogenannten „Spiegelgründe“ auf dem Gallitzinberg an die 150 Hektar Land. Schließlich wollte er verhindern, dass es ihm erging wie beim Ankauf der Gründe für den Zentralfriedhof, die enorm hinauflizitiert wurden.

Im „Schlussbericht“ über die Errichtung der Anstalt, in dem akribisch jeder Kilometer Rohrleitungen, Kanäle, Drainagen, jede der Tausenden Zahlungen und 17.000 Briefe angegeben sind, natürlich auch die Kosten von 21,487.973 Kronen und 9 Hellern, steht ein interessanter Absatz: Der k.k. Professor an der Akademie der bildenden Künste Otto Wagner sei an den Landesausschuss mit dem Antrag herangetreten, ihn zur künstlerischen Mitwirkung in der Weise heranzuziehen, wie dies beim Bau der Wiener Stadtbahn geschehen sei. Er habe auch ein Projekt für den Kirchenbau und einen Situationsplan ausgearbeitet. Danach hätte sich Otto Wagner also selbst als Mitwirkender eingebracht.

Wesentlich wurde jedenfalls eine Sitzung des Landtags im November 1903 mit dem Vergleich der Entwürfe Otto Wagners und denen des Landesbauamtes, die in eine grundlegende Debatte um den Secessionsstil überging. Eine allgemeine Ablehnung war fast zu erwarten: Dies sei ein närrischer syrisch-babylonischer Stil, eine „Art Juif“, jüdische Kunst, Otto Wagners Kirche sei das „Grabmal eines indischen Maharadschas“. Das Landesbauamt als Künstler wurde vollends lächerlich gemacht. Es wäre ungemein interessant, die Kirchenentwürfe des Landesbauamtes – wohl von Boog – denen Otto Wagners gegenüberzustellen; leider sind sie nicht auffindbar.

Wagner, schon zu seinen Lebzeiten der „berühmteste Professor der Monarchie“, schwebte ein kristalliner Bau vor, dessen Weiß und Gold sich strahlend von einem kontrastierenden Rotbuchenhain abhob. Eine große Unterkirche könnte mehreren Zwecken dienen, vielleicht sogar anderen Religionen? Doch: Rotbuchen wuchsen nicht auf dem felsigen Hügel, sie mussten Föhren weichen; der Fels verhinderte auch die Unterkirche, es wären viel zu teure Sprengungen vonnöten gewesen. Erst als Otto Wagner versprach, den vorhandenen Kostenvoranschlag nicht zu überschreiten (was er später nicht einhielt), und als der weitblickende Leopold Steiner das Wort ergriff (er habe „das größte Interesse daran, dass hier etwas herauskommt, das der heutigen Landesvertretung in späteren Zeiten noch zur Ehre gereicht“), kam es, trotz heftigem Einspruch des Landesbauamtes, zum Bau von Otto Wagners Kirche. Der ständig überarbeitete und herzkranke Boog war all diesen Aufregungen nicht gewachsen, er erlag im November 1905 seinem Herzleiden. Boogs Nachfolger, Oberbaurat Franz Berger, übernahm die Leitung. Auf der Ehrentafel für alle, die sich um Steinhof Verdienste erwarben, ist Carlo von Boog vergessen.

Das Landesbauamt jedoch übte eine späte Rache: In der Bauurkunde, die bei der Schlusssteinlegung und Eröffnung der Kirche 1907 eingemauert wurde, blieb der Name Otto Wagners verschwiegen . . .

Aber auch Otto Wagner und noch viel mehr sein Freund Kolo Moser – der Einzige, dem Wagner die bildnerische Ausschmückung seiner Kirche zutraute – erlebten unsägliche Aufregungen mit Steinhof. Der Reihe nach: Bei jedem Kirchenbau übernimmt eine von der Kirche ernannte Kommission oder Einzelperson die Beratung für die liturgische Richtigkeit. Im Fall Steinhof war das Monsignore Heinrich Swoboda. Auf ihn stürmten unerhörte Neuerungen ein: Trennung von Besuchern und Patienten, Notausgänge für Tobende, Weihwasserautomaten, Toilette, verborgener Aufgang zur Kanzel, damit nicht ein „Irrer“ hinaufklettern kann, zum Altar hin abgesenkter Kachelboden sowie abwaschbare Wände. Doch dann kam für Swoboda das Ärgste: die Jugendstil-Glasfenster. Wagner, der die Zusicherung verlangt hatte, die Künstler dafür selbst zu bestimmen, schrieb im Juli 1904 an Kolo Moser: „Hoffentlich entzückst Du mich in Bälde mit Meisterwerken.“ Mit Swoboda zusammen war das Programm bestimmt worden. Das große Westfenster stellt „die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit“, das Ostfenster „die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit“ dar, jeweils durch sieben Heilige verkörpert, die auf den in der Mitte über dem Altar stehenden Christus blicken. Alle Figuren haben einheitliche Größe, die riesige Altarwand, sie umfasst 84 Quadratmeter, ist dem gleichen Halbbogen eingeschrieben wie die Seitenfenster. Viele Engel sind dargestellt, deren Flügel einen Jugendstilkünstler wie Kolo Moser zu besonderer Dekoration verleiteten.

Die ersten Einwände äußerte Swoboda gegen ebendiese Engel. Die des Südfensters, „Der Sündenfall im Paradies“, hätten krallenartige Hände. Es ging weiter mit „malayischem Gesichtsausdruck“ und anderem Unverständnis. Kolo Moser ärgerte sich, dass der Monsignore sich nicht auf die liturgische Kritik beschränkte, Otto Wagner hatte bei diversen „Zusammentretungen“ große Auseinandersetzungen. Als Moser seinen Altarbildentwurf vorlegte, wurde dieser abgelehnt. Und das war nun der wahre Grund: Es „wurde bekannt, dass der Autor jenes Entwurfes, noch während er daran arbeitete, von der katholischen Religion zum Protestantismus übergetreten sei“, schrieb Swoboda Ende 1906 an den Erzbischof, dem er sein Veto begründete.

Tatsächlich wechselte der damals 27-jährige Moser zum Protestantismus, um die aus einer ehemals jüdischen Familie stammende, selbst aber protestantische Editha Mautner von Markhof heiraten zu können.

Der Zeitpunkt der Eröffnung von Anstalt und Kirche rückte immer näher, Leopold Steiner wurde immer nervöser, er konnte nicht eine nackte Ziegelwand als Altarbild präsentieren! Hinter dem Rücken von Wagner und Moser beauftragten er und Swoboda den Maler Carl Ederer mit einem neuen Entwurf. Den Karton brachte Ederer in Originalgröße und noch nicht einmal fertig zur Eröffnung am 8. Oktober 1907 als Rückwand an. Moser bezichtigte Ederer des Plagiats nach seinem Entwurf, Ederer klagte ihn auf Ehrenbeleidigung, es kam zum Prozess, der riesiges Aufsehen in Wiens Kunstwelt verursachte, zumal berühmte Künstler wie Egger-Lienz, Remigius Geyling oder die Kunstkritikerin Berta Zuckerkandl geladen waren. „Es war nicht eine Schlacht, sondern ein Schlachten“, schrieb die „Neue freie Presse“ in einem sich über eineinhalb Seiten erstreckenden Gerichtssaalbericht am 7. Mai 1908. Als Ergebnis musste sich Kolo Moser bei Ederer entschuldigen – und Remigius Geyling wurde mit einem dritten Entwurf beauftragt.

Aber die Schwierigkeiten um das Altarbild hatten noch kein Ende. Im Oktober 1911 schrieb Geyling an Otto Wagner: „So peinlich es mir ist, muss ich Ihnen, Herr Oberbaurat, die traurige Mitteilung machen, dass ich das Altarbild für Steinhof nicht zustandebringe.“ Er schlug Leopold Forstner für die Umsetzung in das Riesenmosaik vor. Dieser hatte sich schon bei der Ausführung des weltbekannten Klimt-Frieses im Palais Stocklet in Brüssel bewährt. Forstner war begeistert über die schöne Arbeit in kombiniertem Mosaik, neben dem er Marmor, gefärbtes Glas, Keramik und vergoldetes Metall verwendete. Auch die originalgroße Vorzeichnung stammte von ihm, wie sein Sohn Karl Forstner berichtete. Geyling ist, entgegen Publikationen, in denen er als Künstler der Altarwand genannt ist, wohl nur ein geringer Anteil daran zuzuschreiben. Er schuf zwar nach der Idee von Wagner und Kolo Moser einen kleinen Entwurf, die in diesem Fall aber wesentliche Umsetzung ins Riesenhafte und in eine ganz neue Technik stammt von Leopold Forstner.

Am 26. Juli 1913 schließlich konnte Kardinal Piffl das Bild einweihen und war „förmlich gepackt durch die Monumentalität des Baues“, wie er sagte. Bis dahin war die Ziegelwand mit einem Tuch verhüllt. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2007)