Zeit für Zentauren

Das Duell Mensch gegen Computer hat im Schach seinen Reiz verloren. Die Zukunft könnte dem Spiel zwischen Mensch-Maschine-Gespannen gehören.

Vasik Rajlich ist keiner, der sein Licht unter den Scheffel stellt. Der 36-Jährige weiß, was er geleistet hat. Sein Programm Rybka hat das Computerschach auf eine neue Ebene gehoben. Und Rajlich hat sich vorgenommen, das Spiel noch fünf bis zehn Jahre zu dominieren. Rybkas Spielstärke schätzt der Amerikaner tschechischer Herkunft zwischen 3000 und 3100 Elopunkten. Zum Vergleich: Der Inder Vishy Anand, der vorige Woche in Mexiko City Weltmeister wurde, hält bei 2801 Elopunkten.

Der Unterschied ist so groß, dass Anand (oder ein anderer Spitzenspieler) in einem Match gegen Rybka wahrscheinlich nicht mehr über ein paar Remis hinauskommen, aber die eine oder andere Partie, vielleicht sogar die meisten verlieren wird. Genau lässt sich das nicht sagen, denn Duelle zwischen Mensch und Computer sind rar geworden. Das letzte fand vor einem Jahr in Bonn statt. Da konnte Ex-Weltmeister Wladimir Kramnik das deutsche Programm Fritz zwar einmal in große Schwierigkeiten bringen, blieb aber letztlich sieglos und kam nicht über vier Remis und zwei Niederlagen hinaus. Und Fritz gehört nicht einmal mehr zur Elite des Computerschachs.

Auch Vasik Rajlich war in Mexiko City. Er wollte der Welt beweisen, dass er der König der Schachprogrammierer ist. Die Veranstalter der Weltmeisterschaft luden die beiden führenden Schachprogramme zu einem Zweikampf über zehn Partien ein. Wenn Anand und seine Konkurrenten pausierten, gehörte die Bühne Computerweltmeister Rybka und seinem Vorgänger Zappa.

Die Computer spielten zwar auf höherem Niveau als die Menschen und hätten die WM, wäre ihnen die Teilnahme erlaubt gewesen, mit höchster Wahrscheinlichkeit gewonnen. Doch beim Preisgeld lagen die Verhältnisse umgekehrt: Mehr als eine Million Dollar kassierten die Großmeister, 10.000 Dollar winkten im Duell der Programmierer. Und die gingen an Tony Cozzy, den Schöpfer von Zappa. Denn zur allgemeinen Überraschung hatte Rybka mit dem denkbar knappen Ergebnis 4,5:5,5 das Nachsehen.

Von der dritten bis zur fünften Partie lief bei Rajlichs Programm alles schief. Besonders kurios die vierte: Rybka verpasste einen möglichen Gewinn, sah sich, obwohl Zappa eine unstürmbare Festung aufbauen konnte, weiter im Vorteil und opferte lieber Material, als ein Remis zu akzeptieren. "Alle Niederlagen hatten schachliche Gründe", stellte Rajlich klar. Eine technische Macke, wie sie schon häufig Computerduelle entschieden haben, sei es nicht gewesen.

Dabei hatte er durchaus einen technischen Nachteil zu verkraften. Um Waffengleichheit herzustellen, bekam jeder einen Computer mit acht parallel geschalteten Prozessoren. Rybka konnte die geballte Rechenkraft aber viel weniger ausschöpfen als Zappa, das schon von Grund auf speziell für Parallelrechner geschrieben wurde. Auch mit der Bedenkzeit ging Rybka nicht optimal um. Sobald sich das Programm nicht mehr innerhalb seines Eröffnungsbuchs, also in einer vorher erfassten Stellung befindet, sollte das Programm zunächst einmal länger rechnen, bevor es seinen ersten eigenen Zug macht, tat dies aber nicht.
In der Szene ist Zappas Sieg als willkommene Abwechslung aufgenommen worden. Rybkas Überlegenheit bei den letzten Computerturnieren hatte nämlich einsame Jahre an der Spitze erwarten lassen. Rajlich hatte indes schon vor dem Match erklärt, er sehe reichlich Schwächen bei Rybka, an denen er arbeiten will. Die Liste sei in Mexiko City nur um einige Punkte länger geworden.

Das Programm habe zwei Teile, Suche und Bewertung, und beide basieren auf Schachwissen. Dies entspreche bei Rybka etwa 2100 Elopunkten, schätzt Rajlich. Das ist das Niveau eines starken Klubspielers, aber weit von einem Meister entfernt. Rybka spiele nur deshalb stärker, weil mit diesem Schachverständnis in jeder Stellung nicht nur ein Dutzend möglicher Entwicklungen erfasst werden, sondern zig Millionen.

Hydra, das Programm des Waldviertlers Chrilly Donninger, kennt Rajlich. Vor etwa zweieinhalb Jahren sei Hydra für kurze Zeit die Nummer eins gewesen. Bei Donninger gehe die Suche über alles. Rajlich sagt, er schätze ihn für seine Radikalität. Sein eigener Programmierstil sei aber ganz anders, nämlich pragmatisch, also typisch amerikanisch. Sein unaufgeräumter Code werde von Europäern für das reinste Chaos gehalten, lacht Rajlich.

Warum er den Namen Rybka, Fischchen, gewählt hat, soll sein Geheimnis bleiben. Der östliche Klang wirke aber durchaus absatzfördernd, kommen doch die stärksten Schachspieler aus Russland. Dass selbst der beste Schachprogrammierer nicht reich wird, sei ihm von vornherein klar gewesen, sagt Rajlich. Pro Jahr bringt er eine Version auf den Markt. Mehr als 10.000 Stück seien jeweils nicht abzusetzen. Damit ist er weit entfernt von Bestsellern wie Chessmaster oder Fritz. Dabei sollte es doch eigentlich eine gute Werbung sein, dass, wie er in Mexiko herausfand, alle an der WM teilnehmenden Großmeister Rybka haben.

"Als Karriereschritt ein Wahnsinn"

Vor acht Jahren glaubte Rajlich, er habe selbst das Zeug zum Weltklassespieler. Er war spät zum Schach gekommen, hatte sich schnell verbessert. Sein Job in einem Großprojekt des US-Militärs nervte ihn. Er beschloss, Schachprofi zu werden, und zog von Michigan nach Budapest. "Als Karriereschritt war es Wahnsinn", weiß Rajlich heute. Sein erstes Etappenziel - Internationaler Meister, eine Stufe unter dem Großmeister - kostete ihn vier Jahre und einen guten Teil von dem, was er als Softwareentwickler hatte ansparen können. Doch die Turniere und das Reisen machten ihm Spaß. Dabei hat er seine Frau Iweta kennengelernt, eine polnische Großmeisterin.
In Budapest führen sie ein bescheidenes Leben im Zeichen des Schachs - sie als Berufsspielerin, er als Programmierer. Als Rallich sich 2003 der Schachprogrammierung zuwandte, ahnte er zwar nicht, wie weit er es bringen würde, doch sein Ehrgeiz war so groß, dass er vorübergehend für eine Firma in Deutschland arbeitete, wo er unter Windows zu entwickeln lernte. Damit konnte er auf bestehende Schachtools aufbauen.

Auf wichtigen Turnieren wie der WM werden heute Metalldetektoren eingesetzt, um verbotene Hilfsmittel aufzuspüren, durch die Spieler mit einem Computer kommunizieren könnten. Im Onlineschach ist die Zuhilfenahme von Programmen kaum zu verhindern, weil sie sich bei geschickter Anwendung nicht schlüssig nachweisen lässt. So ist das "Freistilschach" aufgekommen, bei dem Mensch und Computer als Team auftreten, als Zentauren, wie es in der Szene heißt.
Etwa alle zwei Monate finden im Internet Turniere für Zentauren statt mit ersten Preisen um die 6000 Euro. Die meisten Freistiler setzen dabei auf Rybka. Vasik und Iweta Rajlich lieben diese Turniere. Zwei davon haben sie, selbstverständlich mit Rybkas Hilfe, selbst schon gewonnen.
 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2007)