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Rituale ersetzen Denken

Am 8. Dezember lasse ich um 20 Uhr alle meine Lampen leuchten.

Österreich“ – das Blatt, nicht das Land – ist auf den von WWF, Global 2000 und Greenpeace geführten Zug gesprungen: Prominente von Fendrich bis Lugner fordern dazu auf, am 8. Dezember um 20 Uhr die Lichter auszuschalten. „Wir wollen mit dieser Aktion ein Zeichen setzen und rufen national und international zu mehr Klimaschutz auf“, so die Aktivisten.

Schon mehrfach habe ich betont, dass nichts gegen die Aufforderung zum behutsamen Umgang mit Umwelt und Natur zu sagen ist. Doch all dies hat mit Gelassenheit zu erfolgen. Bei den sich immer dramatischer gebärdenden Aufrufen der Klimaschützer ist davon wenig zu spüren. Nachdenklichkeit und angemessenes Verhalten haben zusehends weniger zu melden. Vernünftige Worte, wie jene des Geophysikers Reinhard Böhm im vorwöchigen „Falter“, verklingen ungehört. Zu leise. Der Ton des Weltklimarates dagegen klingt schrill, der apokalyptische Überbietungswettbewerb schlägt wilde Kapriolen. Alle werden dazu verhalten, die drohende Katastrophe zu fürchten. Denn, so befand der Leiter der UNO-Klima-Rahmenkonvention Yvo de Boer theatralisch: Den Klimawandel zu leugnen sei fortan „kriminell“. Und um neue Mahnungen zu verkünden, etwa solche, die Touristen Fernreisen vergällen, trudelt das Jet-Set der Klimaexperten zur nächsten Konferenz ins schöne Bali ein – wenn schon die Welt dem Untergang geweiht ist, kann man sich wenigstens diese Kleinigkeit gönnen.

Uns bleibt erspart, nach Bali zu fliegen. „Österreich“ weiß, was not tut: Wir brauchen nur für fünf Minuten alles zu verdunkeln. Natürlich weiß jeder, dass damit das Weltklima nicht gerettet ist. Noch dazu, wo in Deutschland wie auch hierzulande die Boulevardblätter und elektronische Medien aus allen Städten davon berichten und allein durch die Vorbereitung, die Sendung und das übrige Tamtam weit mehr in die Umwelt verpuffen werden, als diese von den fünf Minuten „Licht aus“ geschont wird. Doch darauf komme es, so die Proponenten, gar nicht an. Es ginge darum, symbolhaft zu handeln. Nachdenken ist nicht erforderlich, nur mitmachen erwünscht. Und jeder, der fünf Minuten wie in einem Tunnel verharrt – notabene: Kerzenlicht produziert CO2! – darf sich dem wohligen Gefühl hingeben, zur Gemeinde derer zu gehören, die sich fürs Klima engagieren.

Mit anderen Worten: Die Verdunklung am 8. Dezember ist ein quasireligiöses Ritual. Noch dazu eines mit einer schwarzen Symbolik: Licht, das seit alters her Zeichen der Aufklärung war, hat zu erlöschen. Die ganz und gar diesseitige Gaia-Religion der Klimaaktivisten ist dunkel und dumpf, Rationalität ist ihr fremd. Der Nacht in den Häusern folgt die Nacht in den Köpfen.

Darum werde ich, der ich sonst mit Pedanterie darauf bedacht bin, unnötiges Leuchtenlassen der Lampen in nicht benützten Zimmern zu vermeiden (nicht wegen meiner Sorge um das Klima, sondern einfach aus Abneigung gegen Verschwendung), am 8. Dezember um 20 Uhr fünf Minuten lang alle erreichbaren Lichtquellen entzünden. Wenn schon ein Ritual, dann jenes, Licht in die dunkle Welt zu gießen.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2007)