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Geschenk-Entzug-Protest

Die MA 13, zuständig für die Büchereien der Stadt Wien, hält es offenbar für sinnlos, Lesungen zeitgenössischer Autoren zu veranstalten.

Es wird einmal – nämlich in der Zweigstelle Engerthstraße der Stadtbücherei Wien – die monatliche Leseveranstaltung zeitgenössischer Literatur selber Geschichte sein. Dieses Faktum bedauern jetzt schon das Stammpublikum der Bücherei, Gäste aus der Nachbarschaft und Anreisende, die Autoren und Leser.

Zeitgenossenschaft ist die Beziehung des Lesers zum Autor zur Welt zum Leser – den persönlichen Kontakt knüpften Elisabeth Fian und das Bibliothekarsteam der Zweigstelle Engerthstraße, das Literatur unter die Leut' brachte. Die Bücherei lud monatlich zu Lesung, kleinem Buffet und Wein, um die Diskussion in gastfreundlicher Atmosphäre zu fördern – sie trieb Verzweigung von Sprache und Kunst und war ein Ort, wo erzählt werden durfte, auch von ganz jungen und unbekannten Stimmen, wie etwa Martin Kolosz oder Bernhard Strobel. Es war eine Besonderheit, die neueste Literatur im Rahmen der Engerthstraße besuchen zu dürfen. Die Gegend rund um den Mexikoplatz bietet ja nicht gerade viel Gelegenheit für den Einstieg in die literarische Disposition hiesigen Schaffens. Stoff gibt es aber allemal. Deshalb ging ich gern zu den Lesungen. Der Weg, das gemischte und höchst aufmerksame Publikum.


Bücherei als soziale Institution

Die Bücherei als soziale Institution bietet nicht nur Bücher, sie dient auch als Internetzugang, als Jugendzentrum für Schüler, die nur dort lernen können, weil es zu Hause zu eng, zu laut ist, bietet Zuflucht für vereinsamte Menschen, die „ihren“ Bibliothekar aufsuchen, Zeitschriften lesen, den Tag über einen Besuch in der Bücherei strukturieren. Die soziale Funktion des Bibliothekars in den Stadtbüchereien wird ohnehin unterschätzt – von der Politik nämlich, die die Rahmenbedingungen setzt, Personal abbaut und nach Entlehnquote berechnet, wie viele Angestellte in einer Bücherei arbeiten dürfen und müssen.

So leisten viele der Lesungen veranstaltenden BibliothekarInnen Extra-Engagement für das literarische Leben, da PR-Arbeit, Einladungen, Buffet-Herstellung, Wein-Einkauf und die nachträgliche Versorgung der Räumlichkeiten sie selbst erledigen müssen. Es gibt kaum oder gar kein Zusatzbudget. Geht es in der Hauptbücherei auch so knausrig zu? Gibt es dort Öffentlichkeitsarbeiter? Wie viele?

Die Zweigstelle Engerthstraße lädt heute zum letzten Mal in die Bücherei. Niemand verböte es, weiterhin Lesungen zu organisieren, es gibt ein Jahresbudget für Lesehonorare – doch leider sind die Literatur aushungernden Rahmenbedingungen durch die Kulturpolitik dieser Stadt schwerwiegender. Kardinalgründe für den Engagementfrust liegen bei sozialen Berufen – und Bibliothekar ist ein solcher – meist an mangelnder Bezahlung, Personalengpässen, zu wenig Anerkennung durch den Dienstgeber, Schrumpfung der Budgets für Buffets und Reinigung.

Die MA 13, zuständig für die Büchereien der Stadt Wien, hält es offenbar für sinnlos, Lesungen zeitgenössischer Autoren zu veranstalten, um Entlehnquoten zu erhöhen. Dass Leser heranwachsen und ein Gefühl für und Lust auf Literarizität erst entwickeln müssen, ist den Leserattenfängern der Politik nicht klar – und lassen deshalb die Literaturveranstalter der Büchereien-Zweigstellen aus dem letzten Loch pfeifen, während die Musicalsubventionierung zur Massenleichtigkeitsverblödung beiträgt.

Vielleicht kann sich das niemand vorstellen, dass die Kräfte eines Bibliothekteams versiegen, weil Personalmangel zur Selbstausbeutung führt, wenn auch noch Lesungen veranstaltet werden; wenn die Putzfrauen nicht lange genug arbeiten dürfen, aus magistratischen Einsparungsgründen einer sozialdemokratischen Partei heraus, und somit nach der Veranstaltung die Reinigung nicht mehr besorgen können. Wer räumt nun den Platz vor und nach einer Leseveranstaltung her? Wie viel Zeit kostet das? 7 Euro pro Stunde? Die Leistung einer Putzfrau in einem öffentlichen Gebäude der Stadt Wien wird nach Quadratmetern bezahlt. Was ist ein Bibibliotheksquadratmeter wert? Zählen Stellagen und Bücher mit? Oder gilt nur der Boden wie im Wartesaal eines Amtsarztes?

Könnte es sein, dass die Kulturpolitik der Stadt Wien meint, der Bibliothekar soll selber putzen, wenn er schon engagiert ist – damit die Entlehnerei sauber funktioniert – und abendliche Lesungen den Filialen eh nix bringen? Der Bibliothekar hat eine Brückenfunktion. Er ist nicht nur Leihgeber von Büchern, auch Erzieher, der simple Begrüßungsformen beibringt und einhält, Grüß Gott. Guten Tag, je nach Gesinnung halt – er ist Kommunikator, Container. Anerkennt der Dienstgeber die sozial integrative Leistung der Bibliothekare, die ihre Aufgabe auch als Literaturvermittler sehen? Das hat doch alles was mit Büchern zu tun – nicht wahr? Gibt es seitens der Hauptbücherei zeitgenössische Literaturvermittlung für Bibliothekare?

Sicher gehört persönliches Engagement besonders gewürdigt, durch Lohn und Wertschätzung des Dienstgebers. Wer dafür sorgt, dass zeitgenössische Literatur nicht gefeiert wird – der verhindert Literatur, die aber Lebensmittel für alle ist.


Frisst die Hauptbücherei den Rest?

Für das kleine Buffet bei Lesungen in der Engerthstraße wird eine geringe Geldsumme zur Verfügung gestellt – frisst die Hauptbücherei den Rest? Wozu ein Buffet zur Literatur, mag sich wer fragen? Weil's fein ist, kann ich sagen, wenn es was zu beißen und zu trinken gibt. Das lockt Leute an mitzudenken, weckt Bildungslust. Tatsache ist, dass ein heißer Ort, der durch Literaturbegeisterte gelebt hat, nun den Geist aufgibt, weswegen der Magen knurrt, weil die Rahmenbedingungen der letzten Jahre Kulturpolitik zermürbend kleinlich waren, enger wurden und festgezurrt. Heute ist Schlussveranstaltung. Die Leser mögen kommen und protestieren gegen die Musicalverrohung der Subventionspolitik dieser Stadt. Gerechter Lohn bedeutet Ort und Zeit für Literatur – regelmäßig.

Lydia Mischkulnig ist freie Schriftstellerin in Wien. 1996 Bertelsmann-Literaturpreis des Bachmann-Wettbewerbs. Werke u. a.: Halbes Leben (1994), Umarmung (2002).


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2007)