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Urlaub vom Urlaub

Ja, Quintay ist konservativ. Trotzdem gibt es Sandy, die Dorf-Transe.

Wir waren schon so viele Monate auf Achse gewesen, dass wir Urlaub brauchten. Nur wo? Gerade waren wir in Zentralchile gestrandet, immerhin die Hauptstadtregion, und bergig dazu. „Vielleicht am Strand“, meinte ich. Ziemlich unwahrscheinlich in Nachbarschaft der größten Städte des Landes.

Umso größer das Erstaunen, als uns ein Linienbus über Serpentinenstraßen durch die Küstenwälder südlich von Valparaíso schaukelte. Als wir die grandiose Klippenflucht erspähten, hatten wir unser Herz schon verloren: Quintay, ein winziges Fischerdorf – unser Traumziel. Eine ungeteerte Hauptstraße, drei Geschäfte und drei Kirchen, eine steile Treppe runter zum Strand mit den bunten Fischerbooten; die Ruine einer Walfangstation; Fischer, die für ein paar Euro kiloweise frischen Fisch und Meeresfrüchte verkaufen; und eine Holzhütte mit Gasherd, auf dem man all die Gambas und Muscheln kochen kann. Wir hatten das letzte authentische Fischerdorf gefunden.

Es gibt recht viele Jugendliche, die ihre Samstagnächte mit Disco und Musik an Lagerfeuern auf den Klippen über dem Ozean verbringen, und viele alte Leute, die wenig Arbeit und noch weniger Geld haben, seitdem 1965 der Walfang eingestellt wurde. Traditionell sind sie katholisch, doch seit die Missionare aus den USA gekommen sind, zählt sich die Hälfte zu den Evangelikalen.

Ja, Quintay ist konservativ. Trotzdem gibt es Sandy, die Dorf-Transe. Jeden Tag um halb fünf zieht sie mit rausgestreckter Brust im engen T-Shirt durchs Dorf und verkauft Kuchen. Nachts veranstaltet sie gemeinsam mit Drag Queens aus der Stadt heiße Tanzshows in der „Pitonga“, Quintays einziger Diskothek. Dieses Phänomen hat in dem archaischen Fischerdorf bereits zu einer solchen Libertinage geführt, dass niemand mehr lästert oder tuschelt, wenn sich nach einer dieser Feten mal wieder ein paar Jugendliche aus dem Dorf mit den „Künstlerinnen“ in dunkle Ecken zurückziehen.

Parallel zu dieser menschlichen Gemeinschaft existieren einige Subgemeinschaften, zum Beispiel die hündische. Straßenköter vagabundieren faul durchs Dorf, schlafen endlose Siestas und fressen aus fischigen Mülltonnen. Früher schickte das Gesundheitsamt ab und an Todesschwadrone, aber nach Protesten kommt das kaum noch vor, zur Freude einer anderen Untergemeinschaft: Die Flöhe, diese kleinen Springteufel, leben auf den Tölen, auf der Dorfstraße, überall. Sie springen dich an, ohne dass du es merkst, stechen dich, und wenn du anfängst, sie zu suchen, hüpfen sie davon. Vorzugsweise, um mitten in der Nacht wieder aufzutauchen, und – Entschuldigung, aber ich muss Schluss machen. Mich juckt's am Bein, und ich muss mich kratzen – sofort!


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2008)