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Biologie: Wie Parasiten ihre Wirte manipulieren

APA

Würmer lassen Ameisen wie Beeren aussehen, Toxoplasma fördert vermutlich Schizophrenie.

Ameisen der Art Cephalotes atratus hausen in den Wipfeln der Regenwälder Amazoniens, sie sind braunschwarz, von vorne bis hinten. Aber manche stachen den kletterbegeisterten Biologen Robert Dudley (Berkeley) und Stephen Yanoviak (University of Arkansas) mit einem knallroten Hinterleib ins Auge, Dudley hielt sie für eine andere Art, Yanoviak hielt dagegen, die beiden wetteten, schnitten eine rote Ameise auf, Yanoviak hatte gewonnen: Der Hinterleib war voll mit Eiern parasitischer Würmer. Offenbar sorgen die für die Färbung, die die Tiere aussehen lässt wie rote Beeren, von denen Vögeln gerne naschen – offenbar manipulieren die Parasiten ihre Wirte, um sich weiter verbreiten zu können: Ameisen nehmen Vogelkot und mit ihm Würmer auf (www.berkeley.edu).


Tiere werden verrückt...

Zwar konnten die Forscher nie Vögel beobachten, die Ameisen fressen, in Baumwipfeln ist das auch nicht so leicht. Stimmt ihr Verdacht doch, reiht sich die Parasiten-Raffinesse ein in viele andere: Manche Würmer machen Fische verrückt – die schwimmen dann leicht erbeutbar ganz oben im Wasser –, weil sie als nächsten Wirt Vögel brauchen, andere Würmer lassen Ameisen Grashalme erklimmen, auf dass sie von ihren Zweitwirten – Rindern – abgeweidet werden.

Und wieder andere machen ihren Wirten nachgerade Lust auf das Gefressenwerden: Ratten fürchten nichts so sehr wie den Geruch von Katzen-Urin, selbst Labor-Ratten, die seit hunderten Generationen keine Gefahr zu fürchten hatten, tun es. Aber manchmal verlieren Ratten die Furcht nicht nur, sie werden von dem Geruch angezogen und schnüffeln ihm so lange hinterher, bis sie im Darm einer Katze sind. Nur dort kann sich ein Parasit vermehren, Toxoplasma gondii, er treibt den Ratten die Katzenfurcht aus.

Und er geht auch auf Menschen, Katzenhalter, aber nicht nur, man kann ihn sich im Garten holen, auch im Essen. Viele Menschen sind befallen, regional höchst verschieden, die größte Gefahr besteht in der Schädigung von Embryos, ansonsten merkt man meist wenig von dem unerbetenen Gast.


...Menschen vermutlich auch

Aber die Mitmenschen merken bisweilen etwas: 1994 fielen Jaroslaw Flegr (Uni Prag), Verhaltensänderungen bei Befallenen auf, geschlechtsspezifische; Frauen werden weltoffener, Männer misstrauischer, beide entwickeln leichter Schuldgefühle. Das hat man inzwischen oft beobachtet, aber es war immer nur eine Korrelation, keine Kausalität.

Die zeigte sich nun zum ersten Mal: Eine Gruppe um Col. David Niebuhr (Walter Read Army Institute of Research) hat die einzigartigen Daten des US-Militärs ausgewertet, das seine Mitglieder regelmäßig auf Toxoplasma testet: Von denen, die später an Schizophrenie erkrankten, waren sieben Prozent zuvor mit Toxoplasma infiziert, von geistig Gesunden nur fünf Prozent. Zwei Prozent Differenz? Die Forscher halten sie angesichts von zwei Millionen Schizophrenie-Fällen pro Jahr in den USA für relevant (Journal of Psychiatry, 165, S.99). jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2008)