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Bonnie & Clyde: Der uncoole Tod eines Verliererpaars

Die beiden Handfeuerwaffen wurden auf den Leichen von Bonnie und Clyde gefunden.
(c) Reuters
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Vor 80 Jahren sterben Clyde Barrow und Bonnie Parker im Kugelhagel. Tod und Leben des Paares werden in der Folge hochstilisiert, ein Mythos entsteht.

Das Telegramm des FBI-Agenten Gus Jones an die Zentrale liest sich lapidar: "Clyde Champion Barrow und Gefährtin Bonnie Parker erschossen". Am 23. Mai 1934 findet das heute weltberühmte Verbrecherpaar nach zweijähriger Verfolgungsjagd seinen gewaltsamen Tod. Polizisten haben Bonnie und Clyde, die in einem Ford unterwegs sind, kurz zuvor eine tödliche Falle gestellt.

Die beiden sterben im 15 Sekunden dauernden Kugelhagel, 43 Einschusslöcher werden bei der Obduktion in den Leichen gezählt. Als die Polizisten die Wagentür öffnen, dringt aus dem Inneren kein Laut. Ihnen bietet sich kein schöner Anblick: Die Körper des Paars sind regelrecht zerfetzt. Bonnie fehlen an der einen Hand sogar mehrere Finger, mit der anderen hält sie ein halb gegessenes Sandwich fest.

Romantische Verklärung: Sexy und cool

Zwar sind Bonnie Parker und Clyde Barrow schon zu Lebzeiten Medienstars, deren blutigen Weg quer durch die USA die Amerikaner gebannt verfolgen. Doch sie sind von den Medien gemachte Stars, deren Taten von den Zeitungen genüßlich und fantasievoll ausgeschmückt werden. Aus zwei Mördern werden binnen Kürze Idole.

Die Flucht, die Morde

Bonnie und Clyde rauben zwischen 1932 und 1934 kleine Banken, Lebensmittelgeschäfte und Tankstellen aus. Bei ihrer verbrecherischen Tour durch den Mittleren Westen der USA begingen sie insgesamt vierzehn Morde - darunter an neun Polizisten.

Spätestens mit dem Hollywoodfilm "Bonnie und Clyde" (1967), der Warren Beatty und Faye Dunaway zu Stars machte, findet endgültig eine romantische Verklärung des Gangsterduos statt. Sie gelten fortan als sexy und cool. Zu Unrecht. Die deutsche Autorin Michaela Karl versucht in ihrem Ende des Vorjahres erschienenen Buch "Ladies und Gentlemen, das ist ein Überfall". Die Geschichte von Bonnie & Clyde" den Mythos zu entschlüsseln und verständlich zu machen.

Sozialbanditen der Großen-Depression-Ära

(c) Residenz Verlag

Der Mythos Bonnie und Clyde ist nicht ohne die triste wirtschaftliche Lage der damaligen Zeit zu verstehen. Das Gangsterpaar raubt bevorzugt Banken aus und unterstützt Freunde und Familien großzügig mit Geld. So schlüpfen sie in die Rolle von Sozialrebellen und werden mit Robin Hood auf eine Stufe gestellt. "Das Sozialbanditentum (...) ist ein Racheschrei gegen die Reichen und Unterdrücker, ein vager Traum ihnen Schranken zu setzen, eine Wiedergutmachung persönlichen Unrechts", schreibt dazu der britische Historiker Eric Hobsbawm.

Zwischen 1930 und 1933 gibt es laut Karl mehr soziale Unruhen in den USA als je zuvor und je danach. "Diese Menschen fühlten sich als unschuldige Opfer eines ungezügelten Kapitalismus und zeigten viel Verständnis für all diejenigen, die mithilfe eines durchaus eigenwilligen Geschäftsmodells die Folgen der Großen Depression abfedern wollten", schreibt sie.

Das schnellste Auto auf Amerikas Straßen

Aufgrund der Großen Depression muss auch die Polizei massiv sparen. Polizisten verfolgen oft mit veralteten Privatwagen und den eigenen Schrotflinten hoch gerüstete Bankräuber. Autofanatiker Clyde stiehlt mit Vorliebe nagelneuen Ford-V8-Modelle. Er bevorzugt laut Karl dieses Modell, "denn es war stabil, gut gefedert und hatte relativ viel Komfort, was nicht unwichtig war, wenn man auf der Straße lebte. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 144 km/h war der V8 das schnellste Auto auf amerikanischen Straßen".

Das Phänomen Bonnie und Clyde ist also ohne die Weltwirtschaftskrise nicht denkbar. Hinzu kommt aber eine weitere Komponente, aus denen der Mythos geboren wurde: Sie waren laut Karl "eine recht exotische Mischung aus Jesse James, der sich gegen Unrecht zur Wehr setzte, aus Robin Hood und Lady Marian, die mit den Armen teilten, und aus Romeo und Julia, die in unverbrüchlicher Liebe zueinander zusammen in den Tod gingen."

Bonnie & Clyde - die Liebesgeschichte

Der 19-jährige Clyde lernt die 16-jährige Bonnie am 5. Jänner 1930 im Haus einer Bekannten kennen. Clydes Selbstbewusstsein raubt Bonnie regelrecht den Atem. Sie ist von seiner Art fasziniert, Dinge im Griff zu haben. Auch Clyde ist von Beginn an überzeugt, eine verwandte Seele getroffen zu haben.

Sexy und cool?

Bonnie Parker und Clyde Barrow im Jänner 1933.(c) Imago stock&people

Aber waren sie sexy und cool? Der damals 20-jährige Clyde Barrow muss - nur zwei Monate, nachdem er die Liebe seines Lebens kennengelernt hat, nach Hühner- und Autodiebstählen für zwei Jahre ins seinerzeit schlimmste Gefängnis des US-Bundesstaats Texas. Auspeitschungen sind im Staatsgefängnis Huntsville durchaus üblich. Von einem Mithäftling wird der schmächtige und nur 1,65 Meter große Barrow über ein Jahr lang täglich sexuell missbraucht. Sein Peiniger wird der erste Mensch sein, den Barrow tötet. Als er das Gefängnis verlässt, kann er nicht mehr gerade gehen, weil er sich angesichts der unmenschlichen Feldarbeit aus Verzweiflung von einem Mithäftling zwei Zehen abhacken gelassen hat - übrigens nur fünf Tage vor seiner Begnadigung. "Die beiden fehlenden Zehen sind nur die sichtbare Veränderung, die mit ihm vorgegangen ist. Aus dem kleinen Gauner ist eine tickende Zeitbombe geworden, voller Hass und Aggression", schreibt Karl. "Clyde Barrow wird für immer ein Krüppel sein."

Bei einem durch Clyde verursachten Autounfall wird Bonnie im Juni 1933 schwer verletzt. Von da an ist sie durch Verbrennungen entstellt. "Nie mehr wieder wird sie richtig laufen, das Knie durchdrücken oder Gewicht auf das verletzte Bein bringen können. Für den Rest ihres Lebens wird sie mehr hüpfen als gehen", so Karl. "Bonnie und Clyde"-Regisseur zeigt in seinem Film mit keiner Einstellung die verkrüppelte Bonnie. Sowohl Clyde als auch Bonnie sind bis zum blutigen Schluss makellos und "die Guten, die Freunde der verarmten Farmer, denen die bösen Banken alles genommen haben".

Der Niedergang der Outlaws

Der Tod von Bonnie und Clyde läutet laut Karl auch das Ende der berühmten Outlaws des Mittleren Westens ein. Am 22. Juli wird John Dillinger, der damalige Staatsfeind Nummer eins, getötet. Auch Pretty Boy Floyd und Baby Face Nelson finden noch 1934 einen gewaltsamen Tod. Am 16. Jänner 1935 stirbt dann auch Ma Barker. Damit kippt auch die öffentliche Wahrnehmung. Wurden Ende der 1920er-Jahre vor allem Gangsterfilme gedreht, stehen nun plötzlich die Agenten der erfolgreichen Polizeibehörde FBI im Vordergrund.

Dabei darf bezweifelt werden, dass die amateurhaft agierenden Gangster tatsächlich die nationale Sicherheit bedrohten, wie das FBI-Direktor J. Edgar Hoover darstellte. Vielmehr nutzte er sie, um seine Behörde mit umfangreichen Befugnissen auszustatten und deren Image aufzupolieren.

Literatur-Tipp

Michaela Karl: "Ladies und Gentlemen, das ist ein Überfall". Die Geschichte von Bonnie & Clyde", 301 Seiten, Residenz Verlag (2014).